Archiv der Kategorie: Aufmerksamkeit

Wir verstehen uns blind

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An diesem Einkaufssamstag waren besonders viele Leute in die Fußgängerzone gekommen.

»Winterschlusverkauf! Alles um die Hälfte billiger!«, rief der Verkäufer und alle stürzten sich auf die Kleiderständer vor dem Geschäft.

»Winterschuhe fast geschenkt!«, rief der Schuhverkäufer auf der anderen Straßenseite. Gleich wühlten viele Hände in der Schuhtruhe. »Ich hab ihn zuerst gesehen«, rief ein junger Mann wütend und winkte mit dem linken Pelzstiefel, »geben Sie mir sofort den rechten Pelzstiefel!«

Die Leute rauften und stritten, rannten auf der Straße hin und her und suchten mit unruhigen Blicken nach Schnäppchen, die sie noch schnell vor den anderen kaufen könnten.

Niemand sah das kleine Mädchen, das neben der Telefonzelle stand und verzweifelt weinte.Plötzlich zuckte Katharina zusammen. Ein feuchtes Etwas hatte ihre rechte Hand berührt. Mit Tränen verschwommenen Augen sah Katharina einen großen Hund. Weiterlesen

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Morgen Früh am Weihnachtstag – Pearl S. Buck

 

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Rob liebte seinen Vater, aber erst ein paar Tage später wurde ihm bewusst wie sehr, als er ihn kurz vor Weihnachten mit seiner Mutter sprechen hörte:ob war fünfzehn und lebte auf einem Bauernhof. Jeden Morgen schleppte er sich um 4 Uhr Morgens mühsam aus dem Bett, um zu helfen, die Kühe zu melken. Manchmal dachte er, dass die Aufgabe einfach viel zu groß für ihn war. Weiterlesen

Die lange Reise nach Hause – Wilhelm Meissel

Die lange Reise nach Hause

Leo mochte nicht mehr nach Hause gehen. Zu Hause war es öde. Vater kam auch nicht mehr. Er wohnte jetzt woanders. Das hatte besondere Gründe: Vater hatte sich scheiden lassen.

Scheiden tut weh, heißt es in einem Lied. Wenn Leo seinen Vater betrachtete, den er einmal im Monat sah, war nichts von Weh in seinem Gesicht. Davon war schon mehr im Gesicht seiner Mutter zu sehen. Warum eigentlich? Sie bekam doch Geld und die Kinderbeihilfe von Vater. Trotzdem war sie unglaublich geizig mit dem Taschengeld. Aber nicht nur damit. Sie hatte plötzlich einen Hang zur eisernen Pflichterfüllung und holte Leo morgens viel zu früh aus dem Bett.

„Du musst rechtzeitig in der Schule sein“, sagte sie.

Aber sie sagte das mit einer Stimme, die Leo auf die Palme brachte. Mutter brüllte nicht, keifte nicht, murrte nicht. Ganz im Gegenteil. Sie war sanft, freundlich, liebenswürdig. Das hielt Leo nicht aus. Wenn er sich aber fragte, warum, konnte er keine Antwort finden. Das wurmte ihn noch mehr. Er hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten, wenn sie ihn anredete. Gut, früher hatte ihn der Vater mit dem Wagen zur Schule geführt. Das war vorbei. Aber musste sie ihn deswegen so früh aus dem Bett jagen? Weiterlesen

Fremder Mann – Waltraud Zehner

Fremder Mann 

Waltraud Zehner

Einmal im Monat kommt mein Vater,
holt mich ab, wir gehen in den Zoo.
Er kauft mir Schoko und Cola und Tierfutter
und denkt, ich bin froh.
Bei den Affen bleiben wir lange stehn.
Mein Vater schaut auf die Uhr:
Wir sollten jetzt weitergehn.
Im Gasthaus krieg ich wie immer Pizza und Eis.
Wie geht‘s in der Schule, fragt er,
hier hast du zehn Mark für Fleiß.
Einen Sonntag im Monat hat mein Vater Zeit,
einen ganzen Tag lang sind wir zu zweit,
manchmal kommt er mir vor wie ein fremder Mann,
und ich trau mich nicht zu sagen,
dass ich die Mathe nicht kann.
 

Hans-Joachim Gelberg (Hrsg.): Die Erde ist mein Haus – Jahrbuch der Kinderliteratur.
Weinheim: Beltz&Gelberg 1988

Klingt meine Linde – Astrid Lindgren

Klingt meine Linde

Vor langer Zeit, in den Tagen der Armut, da gab es noch Armenhäuser im ganzen Land, in jedem Kirchspiel eins. Dort wohnten die Ärmsten der Armen, die Alten und Gebrechlichen, die nicht mehr arbeiten konnten, die Hungerleider und Kranken und Bresthaften, die närrischen Tröpfe und die Waisenkinder, die niemand in Pflege nehmen wollte. Sie alle brachte man zur Statte der Seufzer, die das Spittel war.

Auch im Kirchspiel Norka gab es eins, und dorthin kam Malin, als sie acht Jahre alt war.

Vater und Mutter waren an der Schwindsucht gestorben, und da die Norkabauern fürchteten, Malin könne ihnen die Krankheit ins Haus bringen, wollte sie keiner für Geld in Pflege nehmen, wie es sonst Brauch war, und deshalb kam sie ins Spittel.

Es war noch zeitig im Frühjahr an einem Samstagabend, und alle Armenhäusler hockten am Fenster und gafften auf die Dorfstraße hinaus. Es war dies das einzige Vergnügen der Allerärmsten am Samstagabend. Nicht, dass es so viel zu sehen gegeben hätte. Dort kam ein verspätetes Bauernfuhrwerk von einer Reise in die Stadt heim, dort kamen ein paar Häuslerbuben auf dem Weg zum Angeln, und dort kam auch Malin mit ihrem Kleiderbündel unter dem Arm, und ihr starrten sie alle entgegen. Weiterlesen

Der Apfelbaum – Mira Lobe

Der Apfelbaum

Am Montag war der Himmel frühlingsblau. Weiße Wolken zogen darüber hin. Die Bäume im Obstgarten streckten ihre Äste aus, als wollten sie die Wolken herunterholen.

Am Dienstag hatten die Äste winzige Knospen.

Am Mittwoch wehte ein warmer Wind. Und die Knospen waren größer und dicker.

Und am Donnerstag?

Da sprangen die Knospen auf. Da blühte der Garten. Da standen die Bäume in weiße Wolken gehüllt.

Auch der alte Apfelbaum blühte. Seine Zweige waren krumm und schief. Seine Rinde war rau und rissig. Und seine Wolke war rosa.

Der erste Schmetterling flog durch den Garten.

„Nanu?“ riefen die Bäume. „Für Schmetterlinge ist es doch noch zu früh! Wo kommt denn der jetzt schon her?“ Weiterlesen

Das Wutspiel

Das Wutspiel

»Heute machen wir etwas ganz Besonderes«, sagt Frau Sommer, »wir spielen das Wutspiel.«

Sofort schreit Katharina: »Das kann Jan bestimmt total gut, der kann uns das allen vormachen.«

Jan legt die Hände vors Gesicht und dreht sich weg. Frau Sommer guckt Katharina lange an und sagt: »Du, Katharina, du kannst das sicher auch gut. Und ich fände es besser, wenn wir nicht auf jemand anderen zeigen. Wir alle spielen Wut!«

»Und wie geht das?«, will Timo wissen. Weiterlesen