Ein neues Leben im zwölften Stock

Ein neues Leben im zwölften Stock

Wir wohnen in der Trabantenstadt. Dort wurden vor wenigen Jahren in kürzester Zeit mindestens ein Dutzend Wohnsilos aus dem Ackerboden gestampft. Als ich geboren wurde, lebten hier am Rande der Großstadt noch kleine Bauern. Heute sind sie alle Millionäre, seitdem sie ihre Felder und Mooswiesen als Bauland an die Wohnungsbaugesellschaft verkaufen durften. Uns stört es nicht, dass dort, wo wir jetzt wohnen, vor einem Jahrzehnt noch Kühe und Schafe gegrast haben. Wer zu uns zu Besuch kommt, der denkt vielleicht, so wie heute hätte es hier schon seit Jahren ausgeschaut. Aber Pustekuchen! So etwas nennt man Fortschritt. Papa sagt oft, dass wir froh sein könnten, im Jahrhundert der Technik zu leben, in dem alles auf Fortschritt und Verbesserung der Lebensqualität ausgerichtet wäre. Was er damit meint, lässt sich in ein oder zwei Sätzen gar nicht erklären. Jedenfalls dürfen auch wir an diesem Fortschritt teilhaben, seitdem wir aus unserer alten Behelfsheimsiedlung in den zwölften Stock von einem dieser Wohnsilos umgezogen sind. Papa meinte, wir sollen uns jetzt das Leben so angenehm wie möglich machen. Was er damit sagen wollte? Nun: Kein Zank mehr, kein Streit und so weiter!

Es ist wirklich schön, nach diesem Motto zu leben. Um unsere Lebensgrundsätze verwirklichen zu können, bekamen wir Kinder das größte Zimmer zugeteilt, während die Eltern im kleinsten Zimmer der Wohnung schlafen wollten.

„Kinder müssen viel Spielraum haben“, sagte meine Mutter. „Sandra, Tim und mein kleiner Nucki sollen einmal keine Duckmäuser werden, sondern das Leben meistern.“

Selbst meine Großmutter ist sehr fortschrittlich eingestellt. Als Tim zu der Rockergruppe vom Hasenberg Zugang fand, war Mutter etwas beunruhigt. Doch Großmutter tröstete sie und sagte leichthin:

„Das macht überhaupt nichts, wenn der Junge mal in schlechte Gesellschaft gerät. Der hat von zu Hause so viel Halt mitbekommen, dass er nicht gleich an der erstbesten Haschpfeife, die man ihm reicht, hängen bleibt.“

Daraufhin war Mutter beruhigt, und alles war wieder in Ordnung. Einmal mochte Papa morgens nicht zur Arbeit gehen. Es war in den Ferien, und ich verstehe es gut, dass Vater die Nase voll davon hatte, jeden Tag die gleiche stumpfsinnige Arbeit in der großen Montagehalle der Maschinenfabrik zu verrichten, während wir herumtollten. Deshalb sagte Mutter:

„Ich regele das schon. Ich rufe in der Fabrik an und rede mit deinem Chef!“

Dann telefonierte sie und stellte sich dabei so geschickt an, dass Vaters Chef noch nach Monaten davon schwärmte, welch ein Glück Papa habe, solch eine Klassefrau gefunden zu haben. Dabei hatte der alte Griesgram nur ihre Stimme am Telefon gehört.

Als diese Hürde genommen war, sagte unsere Mutter: „So, und jetzt wollen wir Vati mal richtig verwöhnen. Heute darf er Pascha sein!“

Mutti machte ihm ein Bad, und Nucki brachte ihm seine bequemen Hausschuhe. Dann kochte Mutti chinesisch, weil er das besonders liebt, und hinterher fütterte sie ihn mit Essstäbchen. Das war lustig und außerdem praktisch, weil Vater nicht mit Essstäbchen umgehen kann. Ich durfte ihm den Mund mit einer Serviette abwischen und hinterher den Nacken massieren, denn so etwas hat ein Pascha besonders gern.

Nach diesem Paschatag war wieder alles okay, und unser Vater kehrte ausgeruht an seine stumpfsinnige Arbeit in der Maschinenhalle zurück. Ganz klar, dass wir uns hinterher überlegten, wie wir unserer Mutter eine Freude machen konnten. Nucki putzte alle Schuhe. Vater spülte das Geschirr ab, und ich sauste mit dem Staubsauger durch die Wohnung.

Na ja, es war nur das Übliche. Was man so tut, wenn man der Mutter einen Gefallen tun will. Sehr viel Originelles fiel uns nicht ein. Aber Mutter war damit zufrieden.

Dafür gab es dann in dem Monat, als Warenschlussverkauf in der Stadt war, fast nur Pellkartoffeln zu essen. Mutter hatte nämlich viel zu viel eingekauft. Sie meinte, für die neue Wohnung könne man alles gebrauchen, und es waren schließlich echte Sonderangebote. Vom Bettvorleger bis zum Fieberthermometer war alles neu in unserer Wohnung, und Mutter rechnete uns vor, dass sie fast tausend Mark gespart habe. Wenn sie nämlich für alle Gegenstände die ursprünglichen Preise hätte zahlen müssen, wären ihr die Sachen um runde tausend Mark teurer gekommen. Trotz der vielen gesparten Hundertmarkscheine war das Geld alle und die Speisekammer leer.

Doch Vater lachte nur und sagte:

„Ich muss versuchen, einen Kleinkredit zu bekommen. Dann ist alles wieder in Butter. Geld allein macht nicht glücklich, deshalb wollen wir überhaupt nicht darüber streiten.“

Mit dem Paschaspielen war es nun natürlich vorbei. Vater musste sogar Überstunden machen, damit wir wieder mit unserem Geld in die Reihe kamen. Aber er tat es, ohne zu murren.

Und dann passierte die Sache mit Nucki. Er ist nämlich ein richtiger Badefan, müsst ihr wissen. Stundenlang sitzt er in der Badewanne und spielt mit seinen Schiffchen. Richtige Seifenschalenschlachten führt er durch. Einmal passte er nicht auf, weil die Badewanne zu voll war. Das ganze Badezimmer schwamm, aber Nucki störte sich nicht daran. Das Schlimme war nur, dass das Wasser durch die Decke in den elften Stock lief. Dazu gehörte nun auch wirklich nicht viel, denn der Fußboden in unserem Neubau ist durchlässig wie ein Sieb. Das Wasser lief weg wie nichts, und als die alte Witwe Matussek im elften Stock ihre Speisekammer öffnete, da hatte sie die Bescherung: Der Raum hatte sich in eine richtige Tropfsteinhöhle verwandelt!

Na, sie kam dann zu uns, und Nucki musste sofort aus seiner Wanne steigen. Mutter half ihr unten beim Aufwischen, und abends besah sich Vater den Schaden. Frau Matussek war gar nicht aufgeregt. Sie wusste, dass Nucki das Ganze nicht in böser Absicht oder gar aus purer Nichtswürdigkeit getan hatte. Alte Rentnerinnen denken ja leider oftmals so etwas. Sie aber sagte:

„So etwas kann passieren. Außerdem sind hier die Wände so dünn, dass sie in wenigen Tagen wieder trocken sind.“

Nucki entschuldigte sich, und Vater sagte:

„Warten Sie bis zum nächsten Wochenende, Frau Matussek. Dann weißele ich Ihnen die Speisekammer neu aus!“

Zum Wochenende war auch wirklich alles weggetrocknet, und wir halfen alle beim Anstreichen. Es ging ruckzuck. Hinterher aßen wir Erdbeerpudding bei der Witwe. Ihre Speisekammer sah viel schöner und sauberer aus als je zuvor.

Es ist wirklich schön, wenn man mit netten Leuten zusammen in einem Haus wohnt, die sich nicht unnötig das Leben schwer machen.

Aber bei uns zu Hause ist alles ganz anders. Ja, ihr habt richtig gelesen, meine lieben Freunde. Es wäre einfach zu schön, um wahr zu sein, wenn sich alles so zugetragen hätte, wie ich es beschrieben habe. Ich habe mir und euch nur etwas vorgegaukelt, wie alles sein könnte, um mich selber abzulenken. Dabei hatten wir uns ehrlich vorgenommen, auch andere, neue Menschen zu werden, als wir in die neue Wohnung einzogen. Ein paar Tage lang ging alles gut, obwohl die Wohnung längst nicht so groß gebaut war, dass für uns alle genügend Spielraum blieb, wie wir es uns erträumt hatten. Nein, unser Kinderzimmer war winzigklein, und immer noch muss ich, genau wie in der Behelfsheimsiedlung, mit den Jungen zusammen in einem Raum schlafen. Um unsere Wohnsilos herum gibt es zwar ein paar Grünflächen. Doch Kindern und Hunden ist das Betreten des Rasens strengstens verboten. Nur ein kleiner Kasten mit feuchtem Kies steht da in einer Ecke für die Buddelkinder. Aber wer von uns Größeren spielt noch im Sandkasten? Außerdem wird er von Hunden und Katzen als Toilette benutzt. Doch auch von den Autoabstellplätzen vertrieb man uns. So bleibt uns nur noch der Mülltonnenhof zum Spielen, und auch dort sind wir nicht vor dem schimpfenden Hausmeister sicher.

Also gehen wir lieber gleich auf die Straße.

„Mit kleinen Widerwärtigkeiten müssen Sie rechnen“, hat der Herr vom Sozialamt einmal zu unserem Vater gesagt. „Hauptsache ist, die Familie bleibt intakt!“

Das hatten wir uns auch wirklich vorgenommen. Wir wollten immer fest zusammenhalten, uns nie anschreien, sondern über jedes Problem sachlich diskutieren und jeweils nach einem möglichen Ausweg suchen. Aber dann kam Oma zu Besuch. Damals war das gerade mit den Rockern vom Hasenberg aktuell, und Tim war dabei. Großmutter fiel aus allen Wolken. „Ich sage euch, das kann nicht gutgehen“, orakelte sie. „Das nimmt einmal ein schlimmes Ende mit dem Jungen, und er landet bestimmt noch im Gefängnis. Zu meiner Zeit war es nicht üblich, dass ein Junge mit fünfzehn Jahren schon rauchte. Und so flegelig wie Tim hat sich keiner benommen. Wo soll das bloß hinführen! Diese lasche moderne Erziehung ist doch das reinste Gift für die Jugend. Die werden ja richtig zu Verbrechern erzogen; und gehorchen tut er auch nicht!“ Die Sache mit Papas Paschaspielen geschah auch nur in meiner Einbildung. In Wirklichkeit war Papa mit einem Arbeitskollegen unterwegs und hatte sich vollgesoffen, wie Mama es nannte. Am nächsten Morgen war ihm schlecht, und ich glaube, er konnte wirklich nicht aufstehen. Aber Mama nörgelte so lange herum, bis ihn die Wut packte. Er sprang aus dem Bett, erwischte sie am Schlafittchen und verdrosch sie nach Strich und Faden. Mutter schrie wie am Spieß, bis es den Nachbarn zu bunt wurde und sie mit Besenstielen an unsere Schlafzimmerwand klopften. Mutter brüllte: „ Ich lasse mich scheiden!“

Und Vater rief: „Tu es doch!“

Mutter fing zu weinen an und schluchzte: „Ich gehe mit den Kindern zur Oma.“

Vater bellte. „Ein für alle Mal: Die hat hier Hausverbot!“

Nach diesem Krach war es zwar wieder etwas ruhiger, aber um Geld und angeblich nutzlose Einkäufe durch meine Mutter gab es immer wieder Zank, und unser Haussegen hing dauernd schief. Zuletzt dann noch die Sache mit Nucki: Ach, du meine Güte! Die Witwe Matussek alarmierte sofort die Funkstreife, und mit vier Mann Polizei rückten die uns auf die Bude. Eine Verständigung mit diesem hysterischen alten Weib war überhaupt nicht möglich. Noch heute sind wir für sie Luft. Wir beachten uns gar nicht, wenn wir uns im Fahrstuhl begegnen. Erdbeerpudding haben wir bei ihr natürlich nie gegessen. Es wäre auch zu schön gewesen.

Dabei hatten wir uns das Beste vorgenommen. Wir wollten wirklich ein neues Leben beginnen, als wir aus der Behelfssiedlung hier in unser neues Heim eingezogen sind. Wir kamen nur vom Regen in die Traufe. Unser Zuhause änderte sich, aber bei uns zu Hause änderte sich nichts. Wir blieben die gleichen Menschen mit unseren schlechten Charaktereigenschaften. Dabei wollten wir alle neu anfangen: Uns nicht mehr ärgern, nicht mehr streiten und viel großzügiger sein. Doch alles ist beim Alten geblieben, und alles ist so maßlos traurig. Euch aber, liebe Freunde, die ihr unsere miese Lebenslage jetzt genau kennt, euch wünsche ich, dass bei euch zu Hause alles ganz anders ist: Viel besser!

Nach Bruno Horst Bull

Michael Ende; Irmela Brender (Hrsg.): Bei uns zu Hause und Anderswo.

Stuttgart: K. Thienemanns Verlag 1976

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