Die Neinsagerin

»Hallo«, ruft Leonie und zieht ihre rote Jacke aus. Sie ist gerade aus dem Kindergarten gekommen. Dann erzählt sie immer, was sie erlebt und gespielt hat. »Stell dir mal vor, Mama«, sagt Leonie und macht es sich auf dem grünen Sofa bequem, »wir haben eine Neue im Kindergarten.« Leonies Mama stellt Bananen und Mandarinen auf den Couchtisch. »Wie heißt sie denn?«, fragt sie und flicht Leonie den Zopf neu. »Jette, sie hat mit ihren Eltern für ein Jahr in Island gelebt«, erzählt Leonie.

»Das ist ja interessant«, sagt Mama. Der Zopf ist fertig.

»Die hatten da keinen Kindergarten. Kannst du dir das vorstellen?«, meint Leonie. »Jette hat immer alleine gespielt, weil die anderen Kinder ganz weit weg gewohnt haben.« »Das muss sie ja jetzt nicht mehr«, meint ihre Mama.

»Genau«, sagt Leonie und beißt in eine Banane. »Ich hab mich für morgen mit Jette verabredet. Sie hat erzählt, dass sie ganz tolle Puppen hat.«

 

Am nächsten Tag nach dem Kindergarten besucht Leonie Jette zu Hause. Sie wollen mit Jettes Puppen spielen. Leonie nimmt sich die Puppe mit den langen, braunen Zöpfen. »Guck mal, Jette, die hat genau meine Haarfarbe«, meint Leonie und drückt die Puppe an sich. »Nein«, sagt Jette. »Das ist meine Lieblingspuppe. Die kriegst du nicht!« Und – schwupps – reißt sie Leonie die Puppe aus der Hand. »Schade«, meint Leonie und nimmt sich die Puppe mit den blonden S trubb elhaaren.

»Nein!«, ruft Jette. »Das ist auch meine Lieblingsp upp e.«

Die ist doof, denkt Leonie und wird langsam wütend. Jette spielt alleine mit ihren Puppen. Und immer, wenn Leonie eine Puppe in die Hand nehmen will, schreit Jette: »Nein!« »Das hält man ja im Kopf nicht aus«, schimpft Leonie. Das sagt ihre Mama immer, wenn sie wütend ist. Leonie versteht Jette nicht. Im Kindergarten haben sie doch so toll zusammen gespielt. Und jetzt ist sie ganz anders und sagt immer nur nein. Leonie versucht, die blonde Puppe zu kämmen. »Nein!«, ruft Jette -wieder und reißt ihr den Kamm aus der Hand. Die ist doch blöd, denkt Leonie. Sie steht auf und schlägt die Zimmertür hinter sich zu.

»Was ist denn los?«, fragt Jettes Mama.

»Ich will nach Hause!«, sagt Leonie.

»Warum willst du denn schon gehen? Du bist doch gerade erst gekommen«, meint Jettes Mama.

»Jette sagt immer nur nein«, erzählt Leonie. »Ich darf nicht mit ihren Sachen spielen.«

»Komm«, sagt Jettes Mama und nimmt Leonie an die Hand. »Wir fragen Jette, warum sie immer nein sagt.«

Jette sitzt mit ihren Puppen auf dem Bett. Es sieht aus, als wäre ihr langweilig. »Gibst du Leonie auch eine Puppe?«, fragt ihre Mama.

»Nein«, mault Jette. »Das sind meine Puppen.«

»Da hast du recht«, sagt ihre Mama und setzt sich zu Jette aufs Bett. »Das sind deine Puppen, und es bleiben deine Puppen, auch wenn jemand anderes damit spielt.« »Genau«, stimmt Leonie zu. »Außerdem ist es doof, wenn du immer nein sagst.«

Jette schaut auf den Boden. Sie sagt nichts.

»Wir wollten doch zusammen spielen«, meint Leonie, »wie im Kindergarten. Das hat so viel Spaß gemacht.« Da schiebt Jette ganz langsam die Puppe mit den blonden Strubbelhaaren zu Leonie hinüber. Leonie freut sich und fängt an, der Puppe die Haare zu kämmen. »Wenn du willst, spielen wir morgen mit meinen Puppen«, schlägt sie vor.

Da schaut Jette Leonie an und lächelt. »Oh ja!«, sagt sie.

Elisabeth Zöller; Brigitte Kollog: Stopp, das will ich nicht!
Hamburg: Ellerman Verlag 2007

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