Alt-Salzburger Weihnacht

Alt-Salzburger Weihnacht

Linde Schuller

Über Salzburg fällt Schnee. Durch das rötlichwarme Dunkel eines früh ermatteten Wintertages lässt sich das schöne Antlitz der Stadt nur ahnen wie ein Frauengesicht hinter dichten Schleiern.

Hätte die wuchtige Feste ihre Silhouette nicht durch allerlei schneeichtes Putzwerk an Zinnen und Türmen betont, man sähe sie heute gar nicht und selbst die düstere Wand des Mönchsberges hängt weniger drohend, unwirklicher, einem riesigen, weißgetupften, von unsichtbarer Hand ständig bewegten Vorhang gleich, abgerückt hinter den Häusern der Gstättengasse.

Mählich runden sich die Giebel und Simse unter den kühlen Daunen und nur was im leichtsinnigen Flockenreigen über der Salzach niedertänzelt, wird von den frostig grünen Wellen verschlungen.

Die steinernen Heiligen auf den Türmen der Kollegienkirche tragen Pelerinen von glitzerndem Hermelin und lächeln – Mittler zwischen Himmel und Erde – abgeklärt und wissend auf die geduckt hineilenden Menschen nieder, die, den Blick nach innen gekehrt, heimzu eilen, ihr Weihnachtswunder zu erleben.

Unter den Dombögen, wo, von flackernden Ölfunsen spärlich beleuchtet, die letzten Herrlichkeiten des Christkindelmarktes feilgeboten werden, tappen die Verkäufer frierend von einem Fuß auf den anderen. Nicht einmal das Gluthäferl unter dem Schemel will heute genügen gegen die beißende Kälte.

„Komm schon endlich, Wolferl, komm! Wir haben’s eilig!” „Ja, Frau Mutter! Nur noch den Lebkuchenreiter schau sie sich an! Den möcht’ ich! Und das Zuckerkringel auch und das kleine Engerl dort aus Watte.” „Ja, ja, ich seh’ schon alles, aber komm nur! Vater will noch einmal mit euch proben!” „Mhm …  aber, Frau Mutter, schau sie nur noch ein einziges Mal! Der kleine Wagen dort mit den Bierfässern, der wär’ etwas! Und zwei Schnecken voran – sehen genau aus wie die vom Stieglkeller!”

Auf den Zehenspitzen stehen, mit den kleinen Händen den Rand des Schaubudentisches umklammernd, lässt das Kind die unersättlichen Augen von Herrlichkeit zu Herrlichkeit schweifen. Alles erscheint gleich lockend und werbend, in seiner Einfalt und Farbenpracht dazu geschaffen, ein kleines Herz mit Seligkeit zu erfüllen.

Ungeduldig erfasst die Mutter die Hand des Kindes. „Jetzt aber vorwärts, Wolferl! Es ist gleich drei! Vater…” Sie kommt nicht weiter. Ein Jubelschrei erstickt alle Einwände der Vernunft. „Mutter! Jetzt schau sie aber hin! Sieht sie hin? Dort! Ein Kürassier! Die roten Hosen, schau sie an! Und schau, einen richtigen Säbel hat er und wirkliche Sporen! Und das Pferd erst, ein Rappe ist’s; er hat rotes Zaumzeug! Wenn ich den Kürassier herunternehmen tät’, könnt ich selber ein bißl aufsitzen. Das Roß ist stark genug. In unserem langen Gang vor der Küchentür könnt’ ich reiten. Den möchte’ ich! Den wünsch’ ich mir ! Meint sie, bringt mir den das Christkindl?”

„Nein, Wolferl”, den schweren Weihnachtsstollen vom Brotmarkt unter der Rechten, zieht die Mutter mit der Linken den Bub mit sich fort. „Und warum nicht?” „Weil du ein unartiger Bub bist, der seiner Mutter nicht folgt und den Herrn Vater beim Adagio jedes Mal wütend macht!”

„Weil’s mir nicht gefällt, wie der Herr Vater das Adagio spielen will!” „Ob es dir gefällt, fragt niemand, Wolfgang. Den Eltern muss man folgen!” „Und wenn ich das Adagio spiel’, wie’s der Herr Vater haben möchte, meint sie, bringt’s mir dann meinen Kürassier?” Die Mutter zuckt mit den Achseln: „Ich weiß es nicht!”

Daheim wartet Schwester Nannerl schon ein wenig aufgeregt am Spinett. „Schnell setz dich her, Wolferl! Um sechs müssen wir beim Herrn Erzbischof sein. Fünfzig arme Kinder kommen hin zur Christbescherung und viele hohe Herrschaften auch – da dürfen wir nicht patzen!”

Solange der Wolferl nur die Noten herunterspielt, klappt’s schlecht bei der Probe. Es galoppiert ihm in einemfort ein feuerroter Reiter über die fünf Linien, salutierend und winkend. „Kindisches Geklimper!” höhnt der gestreng Vater. Aber allmählich wandeln sich die schwarzen Notenköpfe zu Tönen, kehren gleichmäßig ihre Seelen nach außen, reichen einander die Hände und tanzen, sich ineinander verschlingend, als lebendige Melodien durch den Raum. Der Vater ist nicht zufrieden. Erst beim Adagio fasst er den Taktstock fester und stellt sich zum Wolferl hinüber. Aber es droht keine Gefahr heute, auch wenn der Wolferl noch nicht gewusst hätte, wie hart der Taktstock ist.

Vom Spinett weg nimmt die Mutter ihre Kinder in Empfang. Zwanzig Fingernägel sind zu säubern, zwei Lockenperücken zu ordnen und zu pudern, die Spitzenjabots, die seidenen Röcke und Hosen, die Lackschuhe zu richten. Sie tummeln sich in eine richtige Aufregung hinein, bis Vater Mozart, den Kindern voran, gewichtigen Schrittes die Stiege nach der Getreidegasse hinunterschreitet. Zum Abschied zieht Wolferl Mutters Kopf zu sich herunter und flüstert hinter den Rand der mächtigen Haube hinein: „Meint sie, bringt’s mir jetzt meinen Kürassier?” „Nein, mein Kind, das Christkindl hat kein Geld mehr!” …!

Ein wenig klopfenden Herzens hängt Nannerl auf der verschneiten Straße an Vaters Arm. Wolferl geht hinter ihnen her, weil, wie er sagt, der Pfad nicht breiter ausgetreten sei und er auf seine Schuhe achten müsse.

Auf dem alten Markt sieht sich der Herr Vater einmal ahnungsvoll um. Der Bub treibt mit Händen und Füßen eine stattliche Schneekugel vor sich her, erhitzt und keuchend. „Lausbub! Schau deine weißen Strümpfe an! Und die roten Finger! Wie willst mit denen Klavierspielen?” Erbarmungslos schwebt die flackernde Laterne des Vaters über dem derangierten armen Sünder. Schnell noch ein Putzen und Reiben – dann umfangt sie warmer Kerzenschimmer in den tannengeschmückten Sälen der fürsterzbischöflichen Residenz.

Außer der hohen Geistlichkeit und den weltlichen Würdenträgern, die einen Teil der goldgeschnitzten Barockstühle besetzt halten, lugen auch die Gesichter der Armut auf dünnen, neugierig gereckten Hälsen nach vorn. Dass sie ihren Wohltätern dankbar sein sollen, sagt man ihnen, aber es interessiert sie wenig. Viel hübscher schon sind die Gedichte und Lieder – von ihresgleichen artig und mit Eifer vorgetragen. Dann endlich spielen die zwei aus dem Märchenland: In hellblauem Samt und rosiger Seide sitzen wie Prinzessin und Prinz am Spinett, in zierlichem Anschlag mit dem kindlichen Fingern wippend und im Takt ein wenig auf den brokatbezogenen Stühlen hopsend.

Vater Mozart tippt kaum mit dem Fuß auf das blanke Parkett – es ist alles in Ordnung … bis zum Adagio. Da reitet dem Wolferl ein rotbehoster Kürassier über das Notenblatt: Wenn ich recht, recht schön spiel’, am End’ kratzt es dann doch noch seine letzten Kreuzer zusammen, das Christkind! Und dann tut er’s. Er spielt recht schön!

Nannerl merkt sofort, wie der Bruder zu schleppen beginnt. „Mistbub!” zischt der Herr Vater leise über die Tastatur hin und Nannerl sucht hilfeflehend im unruhigen Kerzenlicht seinen Blick. Erschrocken sieht sie in das gerötete Antlitz des Gestrengen mit den bebenden Nasenflügeln und den drohend gesenkten Brauen.

Nur Wolferl schaut nicht hin. Er ist erfüllt von seinem Spiel. Schön soll es sein, damit es dem Christkindl auch gefalle. Nannerl ist die Ältere und Gescheitere und gibt nach. Nur nicht aufhören, nichts merken lassen, dem Vater helfen! Sie weiß schon, dass er als Kapellmeister fürsterzbischöfliches Brot verdient.

Die geistlichen und weltlichen Würdenträger auf den Ehrenplätzen legen lauschend die markanten Köpfe nach links und nach rechts, fassen mit den blassen, wohlgepflegten Händen nach Wangen und Kinn oder verschränken lächelnd die Arme über den stattlichen Leibern und ihre Augen ruhen wohlgefällig auf der gottbegnadeten Jugend da vorn. Selbst der Herr Erzbischof hat, da sie fertig sind, ein Lächeln und ein Lob für den kleinen Künstler bereit. Auch dem verärgerten Vater Leopold reicht er wohlwollend die Hand; „Er hat seine Sache gut gemacht, Mozart, ich danke ihm!”

Von den Domherrn einer, ein wohlgenährter, gemächlicher Mann mit lustigen Äuglein, kommt auf den kleinen Wolfer! zu: „Das hast du sauber gespielt, Bübel, das Adagio! Hab’ noch nie so innig gehört. Hast wohl einen argen Respekt vor dem Herrn Erzbischof?”

„Wegen dem hab’ ich ja nicht so schön g’spielt!” sagt der Bub treuherzig.

Die roten Knöpfe über dem Bäuchlein des geistlichen Herrn beginnen zu hüpfen vor Vergnügen. „So, so! Ja, weswegen denn?”

Da steigt ein ellenlanger Seufzer aus Wolferls Spitzenhemd hervor – und dann erzählt er seinen ganzen Weihnachtskummer um den rotbehosten Kürassier. „Na, da werden wir halt dem Christkind ein bissl helfen !” und geheimnisvoll lächelnd holt der Gute mit dicken Fingern einen Golddukaten aus seinem Lederbeutelchen und legt ihn ins Fenster, durch das die Weihnacht geheimnisvoll hereindunkelt.

„Ob das noch helfen kann?” geht es dem Wolferl durch den Kopf. Daheim öffnet er klopfenden Herzens die Tür zur guten Stube. Die Weihnachtskerzen zeichnen, wie alljährlich, warme Kreise an die Zimmerdecke. Neben jedem Gedeck steht – wie alljährlich, ein Teller mit Lebkuchen, mit Äpfeln und Nüssen und für Wolfgang sind noch ein Paar warme Handschuhe da und für die anderen Strümpfe und Schnupftücher. Vater spielt die Weihnachtsmusik und dann sitzen sie grübelnd um den Tisch – jeder hängt seinen Gedanken nach.

„Aus dem Buben kann ja nichts werden”, prophezeite Vater Mozart besorgt. „Er kann nicht folgen, nimmt nichts an!”

Der Sohn lässt den Gestrengen ruhig wettern. Er hat seine besonderen Ohren, der Wolferl. „Es ist wer im Flur, Frau Mutter!” flüstert er jäh erbleichend. „Ich hab’s rascheln gehört!” Aus den zarten Kinderhänden zittern Messer und Gabel auf den Teller nieder.

Mutter greift nach dem Leuchter, öffnet die Tür: Da steht er, rotbehost mit goldenem Säbel und salutiert auf seinem starken Rappen zum Wolferl hin.

Ein Kinderherz ist voll von Weihnachtsseligkeit.

„Sieh er, Herr Vater, dem Christkindl hat’s doch gefallen, das Adagio!” triumphierte der Sohn.

Ja, dem Christkindl hat es gefallen. Weil es ein Geist war von seinem Geiste, was der Wolferl in das Adagio hineingespielt hat. Wir Menschen brauchen ja gewöhnlich ein bisschen länger, das Göttliche an den Begnadeten unter uns zu begreifen.

Stillere Weihnchat: Weihnachtserzählungen und Gedichte österreichischer Autoren.

Steyr: Ennsthaler, 2000

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