Angst im Bauch

Angst im Bauch

»Puh, war das ein Schreck!« Dana stopfte sich einen Schokoriegel in den Mund. »Mir zittern alle Glieder. So etwas aber auch!« Sie redete und kaute, stöhnte und zitterte. Dem Schokoriegel folgte ein Stück Kuchen, ein Joghurt, eine Essiggurke und ein Becher Erdbeermilch, und langsam hörte das Zittern auf.
»War wirklich ein Riesenschreck!«, sagte Dana und wischte sich den Mund ab. »Ich hab vielleicht ‘ne Angst gehabt!«
»Oh, mein Armes!«, rief Danas Mutter aufgeregt. »Das ist ja schrecklich. Möchtest du vielleicht ein Spiegelei haben? Dann geht es dir bestimmt gleich besser.«
»Ein Spiegelei?« Dana sah ihre Mutter erfreut an. »Ja, das wäre genau das Richtige, um diesen schrecklichen Traum zu vergessen!«
Mit schnellen Griffen bereitete Danas Mutter aus Butter, Schinkenwürfeln, Zwiebelstückchen, zwei Eiern und gerösteten Toastbrotwürfeln eine leckere Eierspeise zu. Dankbar sah Dana ihr dabei zu. Ich hab eine tolle Mutter!, dachte sie. Steht mitten in der Nacht auf und brät mir Spiegeleier, nur um mich zu trösten …
Rasch stopfte sie die Eier in sich hinein. Hm, das schmeckte!
»Geht’s dir wieder gut?«, fragte ihre Mutter besorgt.
»Danke, Mutti«, sagte Dana. »Mir geht’s prima!«
»Na fein. Dann lass uns wieder schlafen gehen.«
Und zufrieden war Dana bald darauf eingeschlafen.

Am nächsten Morgen saß Dana übellaunig beim Frühstück. Sie hatte keine Lust, in die Schule zu gehen. Da war erst der Englischtest, den sie heute schrieben; dann würden sie bestimmt die Mathearbeit zurück bekommen, ja, und in den letzten beiden Stunden war Sport. Dana hasste das dumme Herumgehüpfe. Außerdem genierte sie sich in den engen Turnhosen, in denen sich ihr Po prall abzeichnete. Das sah so albern aus, und sie hatte Angst, die anderen könnten über sie lachen.
»Ich hab überhaupt keine Lust, in die Schule zu gehen!« Dana löffelte eine Schüssel Cornflakes mit Milch in sich hinein.
Mitfühlend strich ihr die Mutter übers Haar. »Mein Armes«, sagte sie. »Wird schon nicht so schlimm werden. Ich hab dir auch ein feines Schulfrühstück eingepackt: zwei Schinkenbrötchen, ein Käsebrötchen, eine Tafel Schokolade und drei Milchschnitten. Und hier hast du noch etwas Geld, damit kannst du dir Cola oder sonst etwas Nettes kaufen.« Aufmunternd tätschelte sie Danas Wange. »Übrigens, bei mir wird’s heute Abend ein bisschen später. Sei nicht böse, ja? Schieb dir einfach eine Pizza in den Ofen, einverstanden?«
Dana nickte. »Klar, Mutti«, sagte sie.

In der Schule war es eigentlich wie immer. Weil Dana solche Angst vor dem Englischtest hatte, aß sie nach der ersten Stunde ihr ganzes Schulfrühstück auf. Dann fühlte sie sich besser, und der Test lief auch gar nicht so schlecht, wie sie befürchtet hatte.
Dann kam die große Pause. Weil Dana ihr Frühstück bereits gegessen hatte, lief sie zum Bäcker und kaufte sich Kekse und zwei Stück Punschtorte. Heißhungrig biss sie in die Torte. Lecker! Da vergaß sie doch glatt die Mathearbeit, die sie gleich zurück bekommen sollten. Kauend überquerte sie den Schulhof.
»He, da kommt die dicke Dana!«, rief einer der Jungen aus der Parallelklasse.
»Die wird ja immer fetter!«, schrie ein anderer. »Und wie sie wieder mampft!«
Blöde Affen! Mussten die immer auf ihr herumhacken? Dass sie dick war, wusste sie selbst. Aber sie konnte doch nichts dafür! Glaubten die anderen etwa, sie wäre gerne dick?
Danas Augen füllten sich mit Zornestränen. Blind stolperte sie über zwei Erstklässler, die im Weg standen, und lag – bums! – auf dem Boden. Und das war nicht einmal das Schlimmste. Denn als sie aufstehen wollte, passierte es: Rrrtsch!, machte es, als die Hose platzte. Genau dort, wo sie die ganze Zeit schon so gespannt hatte. Ein breiter Riss öffnete von der linken Pobacke bis zum Oberschenkel den Blick auf Danas rosa Unterhosen mit den hellgrünen Blümchen, und von allen Seiten tönte helles Gelächter.
Auch das noch! Am liebsten wäre Dana vor Wut und Scham in das nächste Mauseloch gekrochen. Doch wo gab es schon ein Mauseloch, in das Dana passte? Blieb nur noch die Flucht. So schnell sie konnte, rannte sie an den johlenden Mitschülern vorbei und warf sich im Klassenzimmer heulend auf ihren Platz.
»Warum frisst du auch so viel?«, fragte ihre Banknachbarin vorwurfsvoll. »Da muss so eine Hose ja platzen!«
Dana zuckte verzweifelt die Achseln. »Ich kann doch nichts dafür!«, schluchzte sie. »Ist eben so. War schon immer so.«
»Dann hör doch auf damit!«
»Geht nicht!« Dana griff in die Kekstüte, und sie aß und aß, bis auch die letzte Träne verschwunden war. Ja, und dann kam die Mathestunde, und Dana hatte sich vergeblich gefürchtet. Sie hatte eine gute Zwei geschrieben – na bitte!
Sport hingegen war so schlimm wie immer. Beim Laufen keuchte Dana weit hinter den anderen ins Ziel, sie sprang wie ein nasser Sack in die Sandgrube, und beim Ballweitwurf kam sie auch nicht über die Zehn-Meter-Marke hinaus. Blöder Sport! Wer diesen Quatsch nur erfunden hatte! Dana eilte zum Getränkeautomat und trank gierig zwei Dosen Cola in sich hinein.

»Armes Kind!«, sagte Danas Mutter, als sie sich in der Nacht in der Küche trafen. »Hast du wieder schlecht geträumt?«
Dana nickte und schob sich zitternd eine Frikadelle in den Mund.
»Soll ich uns einen leckeren Hawaitoast machen?«, schlug ihre Mutter besorgt vor.
Und Dana nickte und zitterte und kaute und … alles ging wieder von vorne los, heute, morgen, nächste Woche. Und so wird es auch weitergehen, bis Dana irgendwann einmal platzt oder keine Angst mehr bekommt oder einfach einmal den Mut findet, über das alles zu reden – ohne dabei zu kauen.

Elke Bräunling: Da wird die Angst ganz klein – Mutmachgeschichten.
Limburg: Lahn-Verlag 1998

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