Der König von Türkistan

img848Der König von Türkistan

Der kleine Engel, Noahs Taube und der Esel näherten sich dem Palast des Königs von Türkistan. Da sprengte auf einmal ein Trupp bis an die Zähne bewaffneter Reiter aus dem Gestrüpp.

»Halt!«, schrie der Anführer. »Keinen Schritt weiter. Ihr kommt aus Rubinistan, und jeder, der von da kommt, wird von uns verhaftet!«

Noahs Taube schwang sich schnell in die Luft, und während der kleine Engel und der Esel ins Gefängnis gebracht wurden, flog sie durch ein offenes Fenster direkt in den Palast hinein, ohne jemanden vorher zu fragen.

Der König saß gerade in seiner goldenen, mit Türkisen besetzten Badewanne und badete.

»Majestät«, sprach die Taube ihn an. Noah hatte ihr gutes Benehmen beigebracht. »Ein kleiner Engel will Euch eine Botschaft überbringen, aber Eure Soldaten haben ihn und seinen Esel ins Gefängnis geworfen.«

Da ließ der König von Türkistan Hatschi und den Esel sofort zu sich bringen.

»Du hast Ärger«, begann Hatschi. »Ärger mit dem König von Rubinistan.«

»Allerdings«, sagte der König von Türkistan und plätscherte im Badewasser. »Ziemlichen Ärger.« Er war nicht minder klug und belesen als sein königlicher Nachbar, aber Klugheit schützt vor Ärger nicht.

»Ihr streitet euch um den goldenen Fußball«, fuhr Hatschi fort.

»So ist es«, sagte der König und seifte sich den Hals ein.

»Ich mache euch den Vorschlag, eure Mannschaften gegeneinander spielen zu lassen«, sagte der kleine Engel. »Dem Gewinner soll der goldene Ball gehören. Ich könnte Schiedsrichter sein.«

Der Gedanke an ein spannendes Fußballspiel veranlasste den König, sofort die Badewanne zu verlassen und alles Notwendige vorzubereiten.

Der Fußballplatz wurde auf der Grenze zwischen beiden Ländern ausgemessen. Die Grenzlinie war zugleich die Mittellinie und hinter den beiden Toren hockten die verkrachten Könige inmitten ihres Hofstaates unter Baldachinen. Der kleine Engel zog ein schwarzes Trikot über die Jacke und hängte sich eine Trillerpfeife um den Hals. Als er trillerte, begann das Spiel.

Das erste Tor schoss die Mannschaft von Rubinistan. Doch ein paar Minuten spater fiel der Ausgleich. Hatschi pfiff. Der Esel wackelte mit den Ohren, wenn der Ball im Aus war, und Noahs Taube flatterte kurz hoch bei einem Abseits. Es war ein spannendes Spiel. Ab und zu sprangen der König von Rubinistan und der König von Türkistan aus ihren Thronsesseln hoch und feuerten ihre Mannschaften an. In der zweiten Spielhälfte gab es einen Freistoß für Türkistan, aber der Torwart von Rubinistan passte auf. Beim Schlusspfiff stand das Spiel 2:2 unentschieden.

»Was machen wir jetzt?«, fragten die Könige den kleinen Engel.

»Der goldene Fußball gehört euch beiden«, antwortete Hatschi.

»Und wer bewahrt ihn auf?«

»Entweder der eine oder der andere.« Der kleine Engel dachte nach. »Vielleicht eine Woche der eine und in der nächsten Woche der andere. Oder vielleicht keiner von euch.«

»Aber wo bleibt er dann?«, wollte der König von Türkistan wissen, der schon befürchtete, dass der Ball nun ganz verloren sei.

»Wie war’s mit dem Himmel?«, schlug Hatschi vor. »Dort kann ihn jeder von euch sehen und keiner besser oder schlechter als der andere.«

Damit waren die beiden Könige einverstanden. Der König von Rubinistan ließ den goldenen Fußball aus seiner Schatzkammer holen und legte ihn persönlich dem kleinen Engel vor die Füße. Hatschi nahm einen langen Anlauf und kickte ihn hoch in die Luft. Der Fußball flog bis zu den Sternen und direkt vor den Mond. Da blieb er hängen und war von beiden Königreichen aus gut zu sehen.

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Auch heute noch weiß niemand genau, ob das, was wir für den Mond halten, nicht in Wirklichkeit der goldene Fußball der Könige von Rubinistan und Türkistan ist.

Beim Abschied forderte Hatschi noch einmal beide Könige auf den Geburtstag des Christkinds ja nicht zu vergessen, und beide versprachen ihm hoch und heilig, sich das Datum gleich in ihren Terminkalender einzutragen.

Dann kletterte der kleine Engel wieder auf den Rücken des Esels. Noahs Taube setzte sich auf seine Schutter und so zogen sie weiter. Denn es waren immer noch acht Tage bis zum vierundzwanzigsten Dezember.

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