Alptraum – Gudrun Pausewang

Alptraum

So was hab ich kürzlich geträumt: Ich war im Ausland. Es muss ein afrikanisches Land gewesen sein, denn die Leute dort waren Schwarze. Wir waren die einzigen Weißen, wo immer wir uns auch aufhielten.
So ein Traum wäre nichts Besonderes. Nicht wert, erwähnt zu werden. Ich hab schon oft geträumt, ganz allein zwischen Eskimos, Indianern oder Chinesen zu sein. Anregende Träume. Oft sogar aufregende Träume, schön abenteuerlich.
Aber dieser Traum zwischen den Schwarzen war ganz anders. Ein Angsttraum! Denn wir – meine Eltern, mein Bruder Michael und ich – waren dort nicht als Touristen, sondern als Asylbewerber!
Ich weiß nicht, weshalb wir in diesem Traum aus Deutschland hatten flüchten müssen. Krieg? Hunger? Eine zweite Hitlerzeit? Jedenfalls waren wir auf der Flucht und suchten in diesem Land der Schwarzen Schutz. Ich fühlte es ganz deutlich: Wir waren Bittsteller.
Und genau so wurden wir auch behandelt. Schließlich hatten wir ja unser Haus und unser Auto nicht bei uns, nicht mal unser Geld. Wir waren arm. Als Mutti auf der Post Briefmarken kaufen wollte, aber ihre Mühen hatte, mit den Münzen dieses Landes klarzukommen, wurde sie vom Schalterbeamten angeschnauzt. Sie kam sich vor wie ein ausgescholtenes Kind.
Als wir einen Laden betraten, wurden wir argwöhnisch beobachtet, als sei es sozusagen selbstverständlich, dass wir auf nichts anderes aus wären, als die Kasse auszurauben oder mindestens aus den Regalen allerlei heimlich mitgehen zu lassen.
In einem Restaurant wollten wir einen Teller Suppe essen. Aber sobald der Kellner unsere weißen Gesichter sah, stellte er ganz schnell auf alle Tische Schilder. Auf denen stand RESERVIERT. Hungrig mussten wir wieder fortgehen.
Eine Wohnung? Wir fanden keine. Überall, wo eine Wohnung angeboten worden war, bekamen wir zu hören: »Tut uns leid, sie ist schon vergeben …«
Schließlich hatten wir doch noch Glück. Es waren nur zwei kleine Zimmer und eine Küche, aber besser als gar nichts. Das Bad mussten wir mit einer anderen Familie teilen. Im selben Haus wohnten noch Italiener, Franzosen, Engländer und Polen. Lauter Weiße. Und auf der Hauswand, gleich unter unserem Fenster, stand groß hingesprüht: AUSLÄNDER RAUS! Und darunter: WEISSE SIND SCHEISSE!
Ich ging dort zur Schule, genauso wie Michael. Der kam gleich am ersten Tag ganz schmutzig und mit herausgerissenem Ärmel heim: Schwarze hatten ihn auf dem Schulhof verdroschen. Er ist groß und stark, er ist schon vierzehn. Aber gegen so viele kam er nicht an. Er heulte vor Wut!
Zum Glück ging’s mir nicht so. Ich saß in der Schule neben einer Schwarzen. Die war sehr lieb zu mir. Sie spielte mit mir in der Pause und erklärte mir alles, was ich nicht verstand. Da war ich sehr froh.
Aber in der Nacht, daheim, als wir schon schliefen, splitterte plötzlich die Fensterscheibe, gerade über meinem Bett, etwas flog herein, es krachte fürchterlich, und schon stand der ganze Raum in Flammen. Auch mein Bett. Auch ich selbst. Und ich schrie und schrie und hatte Schmerzen, wie ich sie im wirklichen Leben noch nie gehabt habe. Ich hörte meine Eltern und Michael »Nina! Nina!« schreien, aber sie konnten mir nicht helfen, weil ich lichterloh brannte.
Und dann war ich tot. Ich konnte mich selber sehen, weil es ja ein Traum war. Ich lag ganz klein und schwarz in der Asche, und meine Eltern weinten. Michael aber rief: »Ich will nicht in diesem schrecklichen Land bleiben!«
Draußen, vor dem rauchgeschwärzten Haus, standen viele Leute. Ein paar von ihnen legten Blumen unter das Fenster, hinter dem ich geschlafen hatte. Andere hörte ich sagen: »Wir haben ja nichts gegen Ausländer, aber wie kommen wir dazu, ihnen von unserem mühsam verdienten Geld etwas abzugeben? Wir sind hier kein Schlaraffenland für Faulenzer. Hoffentlich begreifen sie’s bald. Dann käme so etwas nicht mehr vor. Jeder gehört eben in sein eigenes Land …«
Ich wachte davon auf, dass mich Mutti schüttelte. »Was ist denn, Mäuschen?« fragte sie erschrocken. »Du hast ja so geschrien! Hast du was Schlimmes geträumt?«
»Ich bin verbrannt!« schluchzte ich. »Jemand hat mich angezündet!«
»Aber Ninakind«, sagte Mutti und nahm mich in den Arm, »so was Schreckliches macht doch niemand. Wie kommst du nur darauf? Alle haben dich lieb …«
Dann zog sie die Rollläden hoch. Es wurde ganz hell in meinem Zimmer, das so groß ist wie die ganze Wohnung zusammen, die wir in diesem Traum hatten. Durchs Fenster sah ich Michael im Garten joggen, und durch das Haus zog Kaffeeduft.
Aber an der Wand des Asylantenheimes, an dem ich auf meinem Schulweg vorbeikomme, steht AUSLÄNDER RAUS! und SCHWARZE, VERPISST EUCH!

Gudrun Pausewang

Advertisements

Über kindg

Guten Tag! Wir sind kein Verein oder Institution; nur eine Gruppe Freunde, die an Gymnasien und Universitäten unterrichtet. Dieses Projekt ist aus reinen pädagogischen Gründen entstanden und hat überhaupt keine finanziellen Interessen.
Dieser Beitrag wurde unter Kinder veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Alptraum – Gudrun Pausewang

  1. Jürgen Becker schreibt:

    Die Autorin heißt Gudrun Pausewang. Vielleicht könnt ihr das korrigieren.
    Danke

  2. Jürgen Becker schreibt:

    Wow. Ich bin heute zum ersten Mal auf „Mit Geschichten groß werden“ und bin begeistert. Ab sofort bin ich hier dabei und werde Eure Sammlung an meine Betreuungskinder und Kollegen weitergeben und empfehlen. Vielen Dank.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s