4. Dez. – Barbara und die Bergleute

Barbara und die Bergleute

Willi Fährmann

Der alte Antonius Faller hatte damals damit angefangen, den Schacht in die Erde zu treiben und die Kohlen zu fördern. Er nannte seine Grube »Fröhliche Morgensonne«. Später sind seine Söhne August und Andreas und noch ein paar andere junge Männer aus der Fallerfamilie mit ihm eingefahren. Sie haben gute Kohlenflöze gefunden und viel von dem schwarzen Gold ans Tageslicht gebracht. Der Antonius Faller kannte sich gut aus da unten im Schacht und brachte seinen Söhnen und den anderen Männern alles bei, was ein Bergmann können muss. Er war ein starker Mann und konnte einen eisernen Nagel mit der bloßen Hand krumm biegen.

Aber schließlich ist er alt geworden. Die schwere Arbeit und die ständige Feuchtigkeit da unten vor der Kohle, die haben ihm den Rücken krumm gezogen und das Atmen schwer gemacht. Seine Söhne haben ihm eines Tages die Hacke aus der Hand genommen und gesagt: »Vater, du hast genug gearbeitet. Bleib zu Hause und mache dich nicht kaputt.«

Antonius hat dann im Sommer oft auf der Bank vor dem Haus gesessen und sich die Sonne auf den krummen Rücken scheinen lassen. Im Winter war sein Platz nahe am Ofen. »Die Wärme tut den alten Knochen gut«, hat er gesagt. Sooft es ging, hat sich seine Enkelin Anna neben ihn gesetzt.

Einmal, es war am Morgen des 4. Dezember, nahm er ein Messer und schnitt einen Kirschzweig vom Baum.

Da fragte die Anna ihn: »Warum machst du das? Die Zweige sind doch dürr.«

»Heute ist Barbaratag«, antwortete Antonius.

»Und?«, fragte Anna. »Was hat das mit dem Zweig zu tun?«

»Na«, sagte Antonius, »den stell ich ins Wasser und dann wird er Weihnachten blühen.«

»Ach, Opa, hör auf mit deinen Lügengeschichten. Immer erzählst du mir solche Sachen. Erzähl lieber wahre Geschichten.«

Antonius war beleidigt und schwieg. Aber Anna ließ nicht nach Ihn zu bitten.

Die Oma unterbrach ihre Erzählung, strich der Bärbel über das Haar und sagte: »Sie war genauso beharrlich wie du, Bärbel, wenn du eine Geschichte von mir hören willst.«

»Weiter, Oma, erzähl weiter«, bat Bärbel.

Die Oma fuhr fort.

Da sagte Antonius schließlich: »Soll ich dir von dem Grubenpferd Hektor erzählen? Das ist drüben im Nachbardorf von einem Bergmann im Zorn erschlagen worden. Jahre später hat man Hektor als Pferdegeist durch die Stollen galoppieren hören.«

»Opa, bitte, bitte. Wahre Geschichten.«

Antonius schmunzelte:

»Na ja«, gab er zu, »ob das stimmt mit dem alten Gaul Hektor, das weiß ich auch nicht so genau. Aber ich werde dir von der heiligen Barbara erzählen, die vor vielen hundert Jahren gelebt hat.«

»Hör auf, Opa.« Anna wurde wütend. »Unser Lehrer hat gesagt, niemand weiß etwas Genaueres über Barbara. Vielleicht, hat er gesagt, vielleicht hat sie gar nicht gelebt.«

Antonius schimpfte: »Der Quatschkopf. Der will Lehrer sein und erzählt den Kindern so etwas. Wir Bergleute wissen besser über Barbara Bescheid als die meisten Lehrer.« Er stand auf, nahm ein Glas und stellte den Kirschzweig ins Wasser.

»Deine Geschichten von Barbara will ich erst glauben, wenn der tote Zweig an Weihnachten wirklich blüht«, bockte Anna und lief hinaus.

»Sie ist richtig störrisch«, brummte Antonius.

Vierzehn Tage später kamen die Bergleute ziemlich besorgt aus dem Schacht.

August und Andreas gingen zu ihrem Vater in die Stube und sagten: »Vater, irgendetwas stimmt nicht in unserer Grube. Wir arbeiten an einem dicken Kohlenflöz und schaffen viele Kohlen ans Licht. Aber irgendetwas stimmt nicht.«

»Habt ihr alles gut verbaut und abgestützt?«, fragte Antonius.

»Sicher, Vater, wie immer.«

»Ich fahre morgen selber mal ein«, sagte Antonius. »Ich schau’s mir mal an.«

»Morgen ist Sonntag, Vater«, sagte Andreas.

»Macht nichts, Junge. Ich will ja nicht arbeiten. Ich will nur horchen und schauen.«

»Nun, wenn du meinst«, sagte Andreas.

Am nächsten Tag, gleich nach dem Mittagessen, zog Antonius seinen alten Arbeitsanzug an. Dann nahm er den Kirschzweig aus dem Wasser und schaute ihn an. Der Zweig hatte kleine grüne Knospen getrieben. »Ich nehme dich mit, weil heute Sonntag ist«, lachte Antonius und steckte sich den Zweig ins Knopfloch.

Am Schacht zündete er seine Öllampe an. Dann stieg er in den Korb und die Söhne ließen ihn in die Tiefe. Unten angekommen, kletterte er aus dem Korb. Das Grubenpferd Max begrüßte ihn fröhlich und wieherte. Antonius tätschelte ihm den Hals und sagte: »Du kennst mich noch, Max, nicht wahr?«

Antonius musste lange gehen. Die Söhne hatten den Stollen weit in den Berg getrieben. Immer wieder hob Antonius die Öllampe und prüfte, wie der Stollen abgestützt und verbaut war.

»Gut, gut«, murmelte er, »sie haben doch was gelernt vom alten Antonius.«

Endlich war er an dem Ort, wo die Kohle herausgebrochen wurde. Hier war Antonius weniger zufrieden. Er stieß mit dem Fuß an eine Blechtasse.

»Keine Ordnung«, schimpfte er vor sich hin. Dann sah er, dass die Tasse wohl absichtlich an die Stelle gestellt worden war, denn es tröpfelte Wasser von oben. Blubb, blubb, blubb. Immer genau in die Tasse hinein. Aber noch einmal maulte Antonius: »Keine Ordnung«, und hob einen Meißel vom Boden auf. »Alles lassen sie hemmliegen. Sogar die Ölkanne haben sie einfach mitten im Stollen stehen lassen.« Er nahm die Kanne und stellte sie an die Seite. Dann prüfte er noch einmal die Stempel und Stützen und klopfte mit dem Meißel gegen das Holz.

»Singt doch gut«, sagte er. »Was mögen die gestern wohl im Berg gehört haben?«

Er lachte auf: »Ist sicher das Geisterpferd Hektor hier herumgestampft.«

Kaum hatte er das ausgesprochen, da lief ein scharfes Knistern durch das Gestein. Und dann brach es los, Bersten, Kreischen, Donnergrollen. Ein Windstoß wirbelte eine dicke Staubwolke heran und blies seine Lampe aus. Antonius hatte sich niedergeduckt und ganz klein gemacht. Er wusste es gleich, hinter ihm war der Berg gebrochen. Der Stollen war verschüttet. Mit zittrigen Fingern zündete er das Öllicht wieder an. Keine zehn Meter weiter waren die dicken Stempel zersplittert und herabgestürztes Gestein versperrte den Rückweg. Antonius begann wie irr die Brocken wegzuzerren, aber die Steine rutschten immer wieder nach. Bald hatte er sich die Hände an den scharfen Felsbrocken aufgerissen. Antonius hockte sich nieder. Als er wieder klare Gedanken fassen konnte, wusste er, dass es sinnlos war, auf diese Weise weiterzumachen. »Mit bloßen Händen schaffst du das nie«, murmelte er.

Er nahm den Meißel und klopfte gegen den Stein. Seine Söhne sollten ihn hören und ihn herausholen. Sie hatten ein Klopfzeichen vereinbart: lang, kurz, kurz, kurz, kurz, kurz, lang, lang, lang. Antonius hatte es selber vor Jahren ausgedacht. Man konnte es gut auf den Rhythmus vor sich hin sprechen: »Hei-li-ge Bar-ba-ra, steh uns bei!« Und so klopfte er in immer gleichen Abständen : Poch-pochpochpochpochpoch-poch-poch-poch. Außer diesem Signal und dem unablässigen Tropfen des Wassers war nichts zu hören. Antonius trank einen Schluck. Das Wasser schmeckte bitter. Sein Blick fiel auf den Kirschzweig an seiner Jacke.

»Du sollst nicht verdursten«, sagte Antonius und steckte den Zweig in die Tasse.

Die Stunden vergingen. Unablässig klopfte er. Zweimal hatte er schon Öl aus der Kanne in die Lampe gefüllt. Daran erkannte er, dass er schon über 20 Stunden in dem steinernen Gefängnis saß. Er wurde müde.

»Ich darf nicht einschlafen«, sagte er sich. »Sie müssen mein Zeichen hören. Sonst ist es aus mit mir.«

Er begann leise vor sich hin zu singen. Alle Lieder, die er kannte, sang er von der ersten bis zur letzten Strophe. Seine Stimme wurde rau.

»Wie gut, dass der Berg tropft«, sagte er und trank ab und zu ein Schlückchen von dem Bitterwasser. Gelegentlich nickte er ein, schrak aber nach einer Weile immer wieder auf und begann erneut das Signal zu klopfen.

Hei-li-ge Bar-ba-ra, steh uns bei! Poch-pochpochpoch-pochpoch-poch-poch-poch. Seine Handflächen brannten. In seinem Rücken zerrte das Rheuma. Antonius nahm die Tasse vom Boden auf, benetzte seine Lippen und schaute den Zweig an. Die Knospen waren dicker geworden.

»Ob ich je deine Blüten sehen werde?«, fragte Antonius und stellte die Tasse wieder an die Tropfstelle.

Von Stunde zu Stunde klang sein Klopfen leiser. Die Pausen wurden länger und länger.

»Gut, dass sie das Öl hier gelassen haben.« Er musste lachen. Das klang rau und heiser. »Manchmal ist die Unordnung doch ganz nützlich«, sagte er.

Wieder schlief er ein. Als er aufwachte, wusste er, dass er längere Zeit geschlafen hatte. Er begann erneut zu klopfen.

»Sie schaffen es nicht«, sagte er. »Sie kriegen mich hier nicht heraus. Vielleicht ist der Stollen auf der ganzen Länge eingebrochen.«

Das Hungergefühl, das ihn in der ersten Zeit gequält hatte, war verschwunden. Er kam sich ganz leicht vor und manchmal war es ihm, als ob er wie eine Feder im Wind schwebte. Dann wieder sah er auch Wahngebilde. Ihm fiel ein, wie er damit begonnen hatte, den Schacht in die Erde zu treiben, und wie sie ihn alle für verrückt gehalten hatten. Aber dann kam die Kohle und viele hatten es ihm nachgemacht und nach den Schätzen im Berg gegraben. Immer wieder tanzten Lichter und Sterne vor seinen Augen und einmal glaubte er die heilige Barbara zu sehen. Von einem Lichtschein umgeben, stand sie da und stützte sich mit ihrem Arm auf einen Turm. Wieder pochte Antonius, kraftlos, langsam. Er wusste nicht mehr, wie lange er schon in dem Loch eingesperrt war. Das Öl in der Kanne ging zur Neige. Aber mit einem Mal zuckte er zusammen. Die Wahnbilder verflogen. Er hörte es deutlich: Poch-pochpochpochpochpoch-poch-poch-poch. Er antwortete und lauschte. Hatte er Gespenster gehört? Aber nein, wieder hörte er es. Nun ganz deutlich. Er flüsterte und pochte: »Hei-li-ge Bar-ba-ra, steh uns bei!«

Es dauerte noch Stunden. Aber jetzt schlief Antonius nicht mehr ein. Dann endlich, die blanke Spitze einer Brechstange glänzte im Schein der Öllampe.

»Vater, bist du da?«, schrie August.

»Ja, Junge, hier bin ich!«

Er griff nach dem Kirschzweig. »Danke, Barbara, danke«, flüsterte er.

»Wir holen dich gleich raus«, rief Andreas.

»Es wird auch Zeit«, murmelte Antonius.

Er versuchte aufzustehen, aber die Beine knickten ihm weg. Sie trugen ihn hinaus. In seiner Hand hielt er den Kirschzweig fest umklammert. Das Tageslicht blendete ihn. Er kniff die Augen zusammen. Da spürte er, wie seine Enkelin Anna ihn umarmte.

»Er blüht«, sagte sie leise, »wahrhaftig, der Barbarazweig blüht.«

Sie brachten Antonius in die Stube und betteten ihn auf die Bank am Ofen.

»Wie lange war ich da unten?«, fragte er.

»Sechs Tage und sechs Nächte, Antonius«, sagte seine Frau und träufelte mit einem kleinen Löffel Fleischbrühe auf seine Zunge.

»Morgen ist Weihnachten«, flüsterte Anna ihm ins Ohr, »und er blüht wirklich.«

Sie nahm dem Großvater den Zweig aus der Hand und stellte ihn in eine Vase.

»Wenn du ganz gesund bist, Opa, erzählst du mir dann wahre Geschichten von Barbara?«

»Ja, Anna, lauter wahre Geschichten«, murmelte er und schlief ein.

Die Großmutter schwieg. Bärbel hatte den Kopf in ihren Schoß geschmiegt. »Was waren denn das für Geschichten, Oma?«, fragte sie. »Was hat der Antonius der Anna erzählt? «

»Eine neue Barbarageschichte werde ich dir am nächsten Mittwoch erzählen«, versprach die Großmutter.

Willi Fährmann: Ein Stern ist aufgegangen – Geschichten zur Advents- und Weihnachtszeit
Würzburg: arena Verlag 2003

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