Die Puppe

puppe

»So groß habe ich mir die Erde nicht vorgestellt«, seufzte der kleine Engel.

»Wie groß denn?«, piepste die Maus, die es sich auf seinem Kopf gemütlich gemacht hatte.

»Siebenundzwanzigmal so groß wie die Wolke, auf der wir immer Fußball spielen«, sagte Hatschi. »Vielleicht auch dreihunderteinundvierzigmal so groß. Aber in Wirklichkeit ist sie ja noch viel, viel größer.«

»Das hab ich schon lange geahnt«, piepste die Maus.

»Was hast du geahnt?«

»Dass die Welt größer als das Kornfeld ist, auf dem ich bisher gewohnt habe.« Da lachte der kleine Engel sie aus.

»Blöder Kerl!«, murmelte die Maus beleidigt.

Noahs Taube und der Esel hatten sich aus der Unterhaltung herausgehalten.

Hatschi ritt an einem Fluss entlang. Auf einmal kam er an einem Müllhaufen vorbei. Ein altes Fahrrad lag da, eine Menge Konservendosen, Flaschen, Ölfässer und Gummireifen.

»Wie schrecklich das aussieht!«, rief Hatschi entsetzt und Noahs Taube, die auf seiner Schulter hockte, steckte schnell ihren Kopf unter einen Flügel, um es nicht sehen zu müssen.

»Hilfe! Zu Hilfe!«, schrie da ein dünnes Stimmchen. »So helft mir doch! Ich ersticke.«

»Wo bist du denn?«, rief der kleine Engel zurück. Die Maus auf seinem Kopf fuhr senkrecht in die Höhe vor Schreck.

»Hier, hier!« Mitten zwischen Konservendosen und Kartoffelschalen ragte ein kleines weißes Puppenärmchen heraus. Als Hatschi den Abfall vorsichtig zur Seite geräumt hatte, lag eine nicht mehr ganz junge Puppe vor ihm. Ihre Nase war schon ziemlich abgewetzt und ihre Haare waren zerzaust. Das Spitzenkleid war schmutzig und von den beiden weißen Zähnchen, die ehemals zwischen ihren rosafarbenen Lippen hervorgelugt haben mussten, war nur noch eines vorhanden.

Das Püppchen weinte vor Glück. »Danke!«, schluchzte es. »Danke! Danke! Danke!«

»Nun hör schon auf zu heulen!«, brummte der kleine Engel etwas ärgerlich. Es wurde ihm selbst komisch zu Mute.

»Da hilft nur kaltes Wasser«, sagte die Maus. Sie hatte schon viele Kinder aufgezogen und daher große Erfahrung in diesen Dingen.

»Wozu Wasser?«, fragte Hatschi.

»Um das Gesicht damit zu waschen«, belehrte ihn Noahs Taube, die schon längst wieder ihren Kopf unter den Flügeln hervorgeholt hatte.

»Ach so.« Der kleine Engel nahm die Puppe und ging mit ihr zum Fluss. Etwas unbeholfen wusch er ihr Gesicht und Hände. Dann brachte er ihre Haare in Ordnung, so gut es ging. Er verstand zwar etwas vom Fußballspielen, aber vom Umgang mit Puppen verstand er wenig.

»Früher, als ich noch jung war, hatte ich weit und breit das schönste Kleid an. Es war aus rosafarbener Spitze mit vielen Rüschen am Kragen und an den Ärmeln«, prahlte die Puppe.

»Davon ist nicht mehr viel übrig«, sagte der Esel. Er sagte selten etwas, aber wenn er es tat, dann war es zutreffend.

»Könntest du nicht auch noch mein Kleid waschen?«, bat die Puppe den kleinen Engel.

Und weil Hatschi ein besonders gutmütiger Engel war, wusch er auch noch das Puppenkleid. Er schwenkte es im kalten Flusswasser hin und her und dachte voller Sehnsucht an die Babuschka, die sicher liebend gern der Puppe geholfen hätte. Während das Kleid trocknete, überlegte er, was er mit ihr anfangen sollte.

»Früher, als ich noch jung war«, erzählte sie, »war ich einmal ein Weihnachtsgeschenk. Das Mädchen, der ich geschenkt wurde, nannte mich Rosalina. Sie wurde sehr beneidet…«

»In drei Tagen ist wieder Weihnachten«, unterbrach der kleine Engel ihr Geschwätz.

»Könntest du mich dann nicht wieder verschenken?«, fragte ihn die Puppe. »Jetzt bin ich ja wieder beinahe so hübsch wie früher.«

Der kleine Engel überlegte.

»Ich könnte dich zum Geburtstag des Christkinds mitnehmen«, sagte er. »Aber dann solltest du ihm etwas mitbringen, das ihm Freude macht.«

»Vielleicht freut es sich über einen Blumenstrauß?«

Die Puppe stellte sich vor, wie hübsch es aussähe, wenn sie einen Blumenstrauß in der Hand hielte.

»Woher willst du um diese Jahreszeit Blumen nehmen?«, gurrte Noahs Taube und zeigte auf die kahlen Äste der Bäume ringsumher.

»Du kannst auch etwas tun«, schlug Hatschi vor.

»Was könnte ich tun?«, fragte die Puppe.

»Fröhlich sein zum Beispiel«, sagte der kleine Engel.

»Wenn ich das Christkind wäre, wären mir Weihnachtsplätzchen lieber«, piepste die Maus. Aber sie piepste so leise, dass die Puppe es nicht hören konnte. Es hätte sie vielleicht gekränkt.

»Fröhlich sein kann ich ganz gut«, lispelte die Puppe entzückt. »Ich bring dem Christkind Fröhlichsein mit!«

Da hob der kleine Engel sie auf den Rücken des Esels und kletterte selbst hinterher. Noahs Taube ließ sich auf seiner Schulter nieder und die Maus kuschelte sich tief in seine Locken. So zogen sie weiter, denn es waren immer noch drei Tage bis Weihnachten.

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