Das Häschen

Das Häschen

Der kleine Engel ritt durch die Berge.

Er hatte seine Flügel unter seiner Jacke versteckt, weil er nicht gleich erkannt werden wollte.

Er ritt durch tiefe Schluchten, über felsige Hänge und Pässe. Bald kamen sie in ein fruchtbares Land. Äcker und Wiesen gab es da, Wälder und Seen.

Am Wegrand lagen graubraune Steine. Aber einer von ihnen sah nur so aus wie ein Stein.

Es war ein kleiner Hase.

»Habe die Ehre«, sagte Hatschi zu ihm und stieg ab.

»Hast du mir einen Schrecken eingejagt!«

»Das wollte ich nicht«, entschuldigte sich Hatschi.

»Was wolltest du denn?«, fragte das Häschen.

»Ich wollte dich einladen.«

»Auf eine Hochzeit?«

»Nein. Zum Geburtstag des Christkinds«, erklärte ihm Hatschi.

»Da kann ich nicht hin«, sagte der Hase traurig.

»Und warum nicht?«

»Es ist sicher ein weiter Weg bis dorthin und ich bin so schrecklich ängstlich.«

»Du hast Angst?«, fragte der kleine Engel erstaunt. »Wovor denn?«

»Vor großen Hunden zum Beispiel. Sie streifen über die Felder, und wenn sie einen von uns entdecken, dann hetzen sie ihn zu Tode.«

»Was würden sie tun, wenn du nicht wegliefest?«

»Ach, das brächte ich nicht fertig. Mein Hasenherz bliebe stehen…«, murmelte der kleine Hase.

»Und wovor hast du noch Angst?«, fragte Hatschi.

»Vor dunklen Sträuchern, Menschen mit Flinten, Raubvögeln, Wölfen, schwarzen Schatten…«

»Hast du schon mal versucht an etwas anderes zu denken als nur daran?«

»An was?«, wollte der kleine Hase wissen.

»An etwas Helles, Schönes, an die Sonne vielleicht, eine blühende Wiese oder einen leuchtenden Stern.«

»Das genügt nicht«, sagte der Hase. »Die Angst ist größer.«

»Größer als ein Riese?«, fragte der kleine Engel.

»Vielleicht nicht ganz.«

»Dann stell dir doch einfach vor, du seist ein Riesenhase.«

»Wie groß ist ein Riesenhase?«

»Höher als ein Baum, mit Ohren, die bis in die Wolken reichen.«

»Danke. Ich werd’s versuchen.«

»Und wir werden eine Begleitung für dich finden müssen«, sagte Hatschi und zog die Nase hoch, weil er wieder einmal zu faul war sein Taschentuch herauszuholen.

»Aber der Hase muss dem Christkind auch etwas mitbringen«, mischte sich der Esel ein.

Da schluchzte der kleine Hase: »Aber ich hab doch nichts.«

»Nicht ein bisschen was?«

»Nein!«

»Was kannst du denn?«

»Davonlaufen und Haken schlagen«, heulte er. Er lief ein Stück über die Wiese, schlug einen Haken nach links und einen nach rechts, drehte sich blitzschnell um und sauste zurück.

»Hahaha!«, lachte der Esel. »Ist das aber komiseh!«

»Und was kannst du noch?« fragte Hatschi.

»Fressen.«

»Was frisst du denn?«

»Kräuter.«

»Verstehst du was von Kräutern?«

»Das will ich wohl meinen.« Der kleine Hase warf sich in die Brust vor Stolz. »Ich kenne alle Kräuter: giftige, nichtgiftige, süße, saure, fette, magere, Kräuter gegen Bauchweh, zum Einschlafen und viele mehr.«

»Dann bring dem Christkind doch einen Kräuterstrauß mit. Ein Kraut gegen Husten, eine gegen Halsweh, eines, um Wunden damit zu heilen, und was dir sonst noch einfällt.«

»Das ist gut!«, rief der Hase fröhlich. »Das mach ich. Schließlich hab ich zwanzig Tage Zeit und einen weiten Weg vor mir.«

Da nahm ihn der kleine Engel auf den Arm und stieg wieder auf den Rücken des Esels.

»Fertig?«, fragte der Esel.

»Fertig«, sagte Hatschi.

»Na, dann los!«

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