Julia bei den Lebenslichtern

„Oma?“
Leise öffnet Julia die Tür zu Omas Zimmer. Es ist schon Mittag und Oma liegt noch immer im Bett. Nicht einmal die Vorhänge hat zur Seite gezogen. Auf Zehenspitzen geht Julia ins Zimmer. Sie sieht, dass Omas Augen geschlossen sind. Ihr Kopf ist ein wenig zur Seite gerutscht, als hätte sie sich den Hals verrenkt. Noch nie hat Oma im Bett gelegen und geschlafen, wenn Julia von der Schule nach Hause gekommen ist!
„Oma, warum sagst du nichts?“
Julia erschrickt über ihre Stimme in dem stillen, dämmringen Raum.
„Oma, du bist doch nicht krank?“
Aber Oma antwortet nicht.
Plötzlich hat Julia Angst – Angst, dass etwas Schreckliches mit Oma passiert ist.
Sie läuft ins Wohnzimmer und wählt Mamas Nummer.
„Julia? Du weißt doch, dass du nicht im Büro anrufen sollst!“
Mamas Stimme klingt ungeduldig und gereizt.
„Ja.“ Julia schluckt. „Es ist wegen Oma“, sagt sie flüsternd. „Oma liegt im Bett, und sie antwortet nicht.“
„Oma liegt noch im Bett? Und sie antwortet nicht?“ Mama atmet schnell und heftig. „Warte! Ich komme nach Hause!“ sagt sie und legt auf.
Julia bleibt im Wohnzimmer sitzen. Sie traut sich nicht, noch einmal zu der schlafenden Oma zu gehen, die so anders, so fremd aussieht. Dabei hat sie gerade jetzt große Sehnsucht nach Oma, nach ihrer Oma mit den freundlich zwickernden Augen hinter den Brillengläsern und dem runden Bauch, gegen den Julia sich so gern drückt.
Als sie Mamas Schritte hört, springt sie erleichtert auf.
„Mama!“
Julia will sie umarmen, aber Mama schiebt sie weg und läuft an ihr vorbei, in Omas Zimmer. Dann geht alles ganz schnell, wie in einem bösen Traum. Mama telefoniert mit dem Krankenhaus, ein Krankenwagen kommt, und zwei weiß gekleidete Männer tragen Oma aus der Wohnung. Auch Mama geht mit. Julia bleibt allein.
Draußen wird es schon dunkel, als Mama zurück kommt. Sie hängt ihren Mantel an die Garderobe und setzt sich an den Küchentisch. Ihr Gesicht wirkt blass und müde.
„Du musst jetzt tapfer sein, Julia“, sagt sie.
Julia versteht nicht, was sie meint.
„Und Oma?“ fragt sie. „Was ist mit Oma?“
„Oma ist für immer eingeschlafen“, antwortete Mama.
„Das ist nicht wahr!“ ruft Julia.
„Doch, Julia“, sagt Mama. „Oma kann nie wiederkommen.“
„Das glaube ich nicht!“ ruft Julia.
„Oma war schon alt“, sagt Mama. „Im nächsten Jahr wäre sie siebzig geworden.“
„Oma war nicht alt – nicht für mich!“
Tränen stürzen aus den Augen, rollen ihr über die Wangen.
„Und Omas Herz war auch alt“, fährt Mama fort. „Es hat nicht mehr richtig gearbeitet. Und nun ist es stehengeblieben – wie ein Uhrwerk, das abgelaufen ist.“
„Nein, nein, nein!“
Julia hält sich die Ohren zu.
Oma kann nicht tot sein! Oma darf nicht tot sein!
Durch ihre Tränen hindurch blickt Julia Mama an. Warum ist Mama so ruhig? Warum weint sie nicht? Hat sie Oma nicht lieb gehabt?
„Julia!“ sagt Mama. „Das Leben geht weiter. Und glaub mir: Du wirst nicht immer traurig sein.“
„Doch!“ ruft Julia. „Immer!“
Mama seufzt.
„Julia! Für mich ist das alles auch nicht leicht. Mach es mir bitte nicht noch schwerer.“
Sie steht auf und verlässt die Küche.
Julia hört, wie die Badezimmertür hinter Mama zuklappt. Dann läuft lange Zeit das Wasser. Als Mama aus dem Bad herauskommt, sieht sie aus wie immer.
Sie hat ihr Haar gebürstet, ihre Haut schimmert rosig, und sie lächelt sogar ein bisschen.
„Ich mache uns jetzt etwas zu essen“, sagt sie. „Bestimmt hast du Hunger.“
„Hunger?“ Julia schüttelt den Kopf. „Nein!“
Mama nimmt Mehl und Eier aus dem Schrank und beginnt, einen Teig zu rühren. Denkt sie nicht mehr an das, was mit Oma passiert ist?
Julias Augen füllen sich wieder mit Tränen.
„Oma!“ schluchzt sie und läuft hinüber in ihr eigenes Zimmer. Weinend wirft sie sich auf das Bett und versteckt ihr Gesicht im Kissen. Jetzt müsste Mama kommen und sie trösten, so wie Oma es immer getan hat! Aber Mama kommt nicht, und Julia schläft ein.

Zwei Tage später ist Omas Beerdigung. Julia würde gern mit auf den Friedhof gehen. Sie möchte den Sarg sehen und das Grab, in dem Oma neben Opa liegen soll. Doch Mama erlaubt es nicht.
„Eine Beerdigung ist etwas sehr, sehr Trauriges“, sagt sie. „Viel zu traurig für ein Kind.“
Was versteht Mama schon vom Traurigsein! denkt Julia. Nicht einmal nach der Beerdigung weint Mama. Nur sehr dünn und blass sieht sie aus in ihrem schwarzen Kostüm, mit den schwarzen Strümpfen und den schwarzen Schuhen. Und müde ist sie – viel müder noch als sonst. Sie legt sich gleich aufs Sofa.
Julias Fragen wehrt sie mit einem matten: „Jetzt nicht, Julia, bitte!“ ab.

Am nächsten Morgen hat Mama gar keine Zeit für Julia. Früher als sonst muss sie im Büro sein, weil dort eine dringende Arbeit auf sie wartet. An der Tür sagt sie: „Dein Frühstück steht auf dem Tisch. Versprich mir, dass du etwas isst!“
Julia verspricht es.
Aber als sie allein vor dem Teller mit den belegten Broten sitzt, kann sie nichts essen. Sie geht in Omas Zimmer. Traurig und verlassen sieht alles aus: das unbenutzte Bett, der leere Sessel, Omas Morgenrock, der auf einem Bügel am Kleiderschrank hängt.
„Oma!“ sagt sie leise.
Wenn Oma doch hier wäre…
Aber Julia könnte Omas Grab besuchen!
Rasch holt sie ihre Jacke und macht sich auf dem Weg.
Die Pforte zum Friedhof ist nicht verschlossen. Julia öffnet sie und tritt ein. Wie still es plötzlich ist! Und niemand ist da, nur Julia.
Ein wenig verloren fühlt sie sich.
Dort, bei der großen Trauerweide, ist Opas Grab. Julia bleibt vor dem kleinen Hügel neben Opas Grabstein stehen. Und unter diesem Hügel, unter den vielen Blumen und Kränzen, soll Oma nun liegen?
Julia kann es nicht glauben. Aber da ist Omas Name auf den Schleifen, die an den Kränzen befestigt sind.
DER LIEBEN OMA ALS LETZTEN GRUSS VON IHRER JULIA, liest sie auf einer Schleife.
Hat Mama das gemacht? Der lieben Oma als letzten Gruss…
Tränen steigen Julia in die Augen.
„Oma, warum bist du so weit weg?“ schluchzt sie. „Komm doch wieder. Ich habe dich so lieb.“
Die Blätter der Trauerweide rascheln leise. Julia hebt den Kopf. Ein Windhauch streicht ihr über die Wange – ganz sanft. So hat Oma sie immer gestreichelt!
„Oma, bist du hier?“ fragt sie.
Wieder rascheln die Blätter – leise und geheimnisvoll, als hätten sie eine Botschaft für Julia.
Dann teilen sich die Zweige, und eine Gestalt tritt heraus. Es ist ein Kind mit einem blassen, fast durchscheinenden Gesicht.
„Wer bist du?“ fragt Julia.
Das Kind lächelt und beginnt, eine Melodie zu summen. Es ist das Lied aus Omas Spieldose!
„Du kennst meine Oma?“ Julias Stimme zittert.
„Ja“, antwortet das Kind. „Und ich bin gekommen, weil ich dir helfen will.“
„Helfen?“ fragt Julia.
„Ich weiß, dass du deine Oma verloren hast“, sagt das Kind. „Aber wenn du es ganz fest willst, kann ich dir zeigen, dass sie trotzdem noch immer bei dir ist.“
„Oja!“ ruft Julia.
„Dann schließ deine Augen!“
Julia macht die Augen zu. Sie hört leise Musik: Omas Lied.
„Nun öffne die Augen“, sagt das Kind.
Julia blinzelt. Alles hat sich verwandelt. Der Himmel ist schwarz, und vor Julia liegt ein See, auf dem unzählbar viele Kerzen brennen. Wie Inseln aus weißem Wachs schwimmen die Kerzen auf dem Wasser.
„Wo bin ich ?“ fragt Julia.
„Du bist am See der Lebenslichter“, antwortet das Kind.
„Und Oma? Wo ist Oma?“ fragt Julia.
„Hier ist nur ihr Lebenslicht“, sagt das Kind.
Es steigt in ein Boot, das am Ufer liegt, und winkt Julia. „Komm!“ Zögernd folgt Julia ihm.
Das Boot gleitet auf den See hinaus, an den Kerzen vorbei, ohne sie zu berühren. Staunend blickt Julia sich um.
Manche der Kerzen schwimmen für sich allein auf dem Wasser. Andere stehen eng zusammen. Und alle sind unterschiedlich lang: Einige sehen aus, als wären sie eben erst angezündet worden. Manche sind weit heruntergebrannt, und viele sind schon erloschen.
„Jedes Licht ist ein Menschenleben“, sagt das Kind. „Wenn ein Mensch sterben muss, stirbt auch sein Licht.“
„Dann sind all die Kerzen, die nicht mehr brennen… gestorbene Menschen?“ fragt Julia.
„Ja“, antwortet das Kind.
„Und Omas Licht?“
„Es brennt auch nicht mehr.“
Immer weiter gleitet das Boot.
Julia wagt kaum zu atmen – aus Furcht, eines der Lebenslicht auszublasen.
„Die Flamen werden nicht erlöschen“, sagt das Kind sanft.
„Doch!“ ruft Julia. „Gerade ist eine Ausgegangen!“
„Ja, aber nicht durch uns.“
„Ist sie nicht ausgegangen, weil.. der Mensch gestorben ist?“
„Ja.“
„Und die anderen Kerzen, die so flackern… Müssen diese Menschen auch sterben?“
„Vielleicht ja, vielleicht nein“, antwortet das Kind. „Wenn ein Mensch sehr krank wird oder wenn er sehr großen Kummer hat – dann zittert sein Lebenslicht.“
„Hat Omas Licht auch gezittert?“
„Ja. Sogar dein Licht!“
„Mein Licht auch?“
„Ja, schau nur: Es zittert noch immer!“
Das Boot hält.
„Wie kannst du wissen, welches mein Licht ist?“ fragt Julia.
„Es ist meine Aufgabe, das zu wissen“, antwortet das Kind. Es zeigt auf eine Insel mit vier Kerzen.
„Die Insel dort – das ist deine Lebensinsel. Und das Licht, das so zittert, ist dein Lebenslicht.“
Julia spürt ein Frösteln.
Nur eine Kerze auf der Insel brennt ruhig und kräftig. Zwei andere sind schon ausgegangen, und die größte – Julias Lebenslicht – flackert wie in einem Luftzug.
„Es zittert, seit das Lebenslicht deiner Oma erloschen ist“, sagt das Kind.
„Weil ich so traurig bin!“ antwortet Julia mit bebender Stimme. „Weil ich Oma so vermisse!“
„Aber deine Oma ist noch bei dir“, sagt das Kind. „Ihr Lebenslicht steht noch bei deinem auf der Lebensinsel.“
„Oma!“ flüstert Julia.
„Solange du sie liebst, wird ihr Lebenslicht nie untergehen“, sagt das Kind.
„Untergehen?“ fragt Julia erschrocken.
„Ja. Wenn niemand mehr da ist, der deine Oma liebt – dann sinkt ihr Licht auf den Grund des Sees. Und aus den Lichtern, die dort unten ruhen, werden eines Tages neue Lebenslichter.“
„Aber ich habe Oma noch lieb“, ruft Julia.
„Ich weiß“, sagt das Kind. „Nur weil du sie von Herzen liebst, durfte ich dich hierher führen und dir die Lebensinsel und die Lebenslichter zeigen.“
„Und Oma?“ sagt Julia. „Bringst du mich zu ihr?“
„Noch nicht“, antwortete das Kind.
„Warum nicht?“
„Das kann ich erst, wenn auch dein Lebenslicht erloschen ist.“
„Dann bist du… der Tod?“ fragt Julia.
„Ich habe viele Namen“, sagt das Kind.
„Aber du bist ein Kind!“
„Ich komme in vielerlei Gestalt zu den Menschen“, erwidert das Kind.
Es schaut Julia an und lächelt.
„Vor dir brauche ich keine Angst zu haben!“ sagt Julia.
Einen Augenblick schwiegen beide.
„Sieh nur!“ sagt das Kind. „Dein Lebenslicht flackert nicht mehr!“
Und wirklich: Klar und ruhig brennt Julias Lebenslicht – wie das Licht von Mama.
Julia blickt in die Flammen.
Auf einmal erklingt Musik. Es ist das Lied aus Omas Spieldose.
„Nun schließ deine Augen“, sagt das Kind.
Julia macht die Augen zu. Die Musik wird leiser – und verstummt.

Da öffnet Julia ihre Augen wieder. Sie ist allein.
Die Blumen und Kränze auf dem Grab duften – süß und schwer wie das Parfum von Oma.
„Ich weiß jetzt, dass du noch immer bei mir bist“, sagt Julia leise.
Dann wendet sie sich ab und geht.

Angela Sommer-Bodenburg: Julia bei den Lebenslichtern.
München: C. Bertelsmann 1989

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2 Antworten zu Julia bei den Lebenslichtern

  1. Yvonne schreibt:

    Habe dieses Buch ausgeliehen und es schon im Kindergarten vorgelesen.Die Kinder waren sehr begeistert und ich bin es bis heute noch.

  2. Tina schreibt:

    ich habe das Buch gelesen als meine Oma starb. Es hat mir geholfen den Tod zu akzeptieren, weil ich weiß das die Menschen die ich liebe niemals wirklich von mir gehen.
    Das Buch ist nur zu empfehlen. So traurig es auch ist, so schön ist es auch!!^^

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