Opa ist woanders – Evelyne Stein-Fischer

Opa ist woanders

»Komm«, sagt die Mama, »wir fahren den Opa besuchen«. Aber es ist nicht wie sonst.

Herbert braucht keinen Fußball mitzunehmen, weil der Opa nicht mit ihm spielen wird. Er braucht auch nicht seinen Pyjama einzupacken, weil er nicht bei ihm übernachten wird. Herbert braucht nur seine Gedanken mitzunehmen, alle, die er hat, wenn er an den Opa denkt. Weil der nicht mehr ist. Nicht mehr so, dass er mit ihm spielen kann. Nicht mehr so, dass er einem für ein Tor ein Stück Schokolade in den Mund schiebt. Man kann ihn auch nicht mehr festhalten und selber festgehalten werden.

»Der Opa ist jetzt woanders«, sagen die Eltern. Aber wo, sagen sie nicht. »Er ist irgendwo im Himmel«, meint die Oma. Aber wo das genau ist, weiß sie auch nicht. Sie weiß nur, dass man den Opa, auch wenn er nicht mehr auf der Erde ist, liebhaben kann. Liebhaben muss, damit es ihm weiter gut geht. »Damit sich die Seele vom Opa freut«, hat ihm die Oma einmal gesagt. Lieb hat Herbert seinen Großvater ohnehin.

Bei ihm übernachten war so schön, dass das Leintuch unter Herberts Popo in der Dunkelheit zum fliegenden Teppich geworden ist. Der Opa ist der Reiseführer gewesen. Rund um die Welt. Vorher durfte Herbert all die Sachen tun, die er daheim nicht darf.

Ganz lange aufbleiben.

Sich ganz kurz waschen.

Ganz viel Schokolade naschen.

Nur das Zähneputzen danach war wie daheim. » Weil« – hat der Opa gemeint – »sonst der Fahrtwind in die Zahnlöcher saust! Und du fliegst wie ein vollgefüllter Windsack über den Dächern von Istanbul. Willst du das ?«

Nein. Ein vollgefüllter Windsack wollte Herbert nicht sein. Da war ihm der König der Piraten schon lieber. Auch wenn der sich – laut Opas Plan -immer viel zu schnell müde gekämpft hatte. Denn irgendwann musste auch bei Opa Schluss sein.

Aber nicht einfach: »Mach das Licht aus. Jetzt ist’s genug!« Sondern mit einer abenteuerlichen Landung. Bis das Leintuch unterm Popo wieder ein richtiges Leintuch geworden ist.

»Gute Nacht, Pirat!« hat der Opa gesagt und dem eben noch feindlichen Angreifer einen großväterlichen Kuss auf die Stirn gedrückt. »Und wenn du schlecht träumst oder dir kalt ist, komm in mein Bett!«

Selbst nach den wildesten Abenteuern hat Herbert nie schlecht geträumt. Kalt ist ihm auch nicht gewesen. In Opas Bett ist er trotzdem manchmal gekommen.

Lieb – hat Herbert den Opa sehr. Statt Fußball und Pyjama wird er heute seine Liebe zum Opa auf den Friedhof mitnehmen. Herbert war erst einmal dort. Als sein Großvater begraben wurde. Herbert hat nicht geweint. Er ist zwar traurig gewesen, aber geweint hat er nicht. Da hat es so viel zu schauen gegeben: Den Sarg. Die Blumen. Die Menschen. Das große tiefe Loch in der Erde.

Mit dem Opa hat das Loch gar nichts zu tun gehabt. Der ist in Herberts Kopf quicklebendig gewesen. Der ist hinter dem Fußball hergerannt und hat ihn Herbert gegen das Schienbein geschleudert, und der hat zurückgeschossen. Toor!! Der Opa hat sich wild gefreut und Bravo geschrien, obwohl er doch 1 : 0 verloren hat.

Er war eben so. Laut und stark und fröhlich.

Er hat immer alle mit seiner Fröhlichkeit angesteckt, hat die Mama erzählt. Aber damals, am Grab, hat die Ansteckung nichts mehr genützt.

Alle waren traurig.

Auch Herbert. Nur, dass er eben nicht weinen hat können.

»Der Bub«, hat die Oma später gesagt, »hat nicht einmal geweint. Dabei hat er seinen Großvater doch so lieb gehabt!«

Die Oma versteht das nicht.

«Als sie alle hinter dem Sarg hergegangen sind, hat Herbert sich gar nicht vorstellen können, dass der Opa da drinnen liegen soll. Und später hat er doch mit ihm in seinem Kopf Fußball gespielt. Und als alle geweint haben und es so still gewesen ist, trotz der vielen Menschen, hat Herbert den Opa um Hilfe gebeten: Dass er ihn jetzt gleich, sofort – ganz festhalten soll. Weil Herbert sonst niemanden hat. Weil sich der Papa um die weinende Mama kümmert und die Mama die weinende Oma stützt. Aber ihn, Herbert, haben sie vergessen. Plötzlich hat er sich nicht mehr zurechtgefunden unter den auf einmal so fremden Gesichtern und Menschen, die alle auf die Erde hinunter gesehen haben, als könnten sie überhaupt nie mehr aufschauen und ihn entdecken.

Da hat sich Herbert gewundert, dass der fußballspielende, lachende Opa zwar in seinem Kopf da war, aber den Herbert nicht festhalten hat können. Von einer Sekunde auf die andere ist seine Kehle ganz eng geworden. Das Weinen ist ihm in die Nase gestiegen und hat sich in die Augenwinkel hinaufgedrängt, aber herausgekommen ist es nicht. Herbert hat so tief drinnen geweint, dass es keiner gemerkt hat. Herbert hat gewusst, dass es dem Opa jetzt gut geht.

Nicht da unten, in der Tiefe der Erde, sondern dort oben, wo es hell und freundlich ist. Aber den Gewitterwolken, hoch oben über dem Schwarz und dem Grau.

Der Opa hat ihm in den letzten Wochen oft gesagt: »Herbert, wenn ich einmal nicht mehr bin, sollst du nicht weinen. Ich spiele zwar noch mit dir und lache, und du bist der König der Piraten, aber manchmal habe ich jetzt arge Schmerzen. So ganz gemeine, die gemein weh tun und die immer schlimmer werden. Und die hab ich nicht mehr, wenn ich nicht mehr bin. Dann geht’s mir gut.«

Herbert hat nur genickt. Aber er hat sich nicht vorstellen können, was dieses dann bedeutet.

»Ich sag‘ dir das alles, weil du mich sehr lieb hast«, hat der Opa hinzugefügt. »Nur wenn man jemanden sehr lieb hat, kann man ihn auch verstehen. Dann will man nur, dass es ihm gut geht. Wo immer er auch sein mag.«

Und der Opa hat eine weitausholende Armbewegung gemacht. Eine Armbewegung, die die Erde und den Himmel umfasst hat.

Jetzt geht es dem Opa also gut.

Weil er nicht mehr da ist.

Sondern woanders.

Und er will nicht, da der König der Piraten weint.

Deshalb wird Herbert jetzt mit der Mama zum Grab hinausfahren. Ihr zuliebe. »Den Opa besuchen.« Obwohl der bestimmt nicht mehr dort ist.

Evelyne Stein-Fischer: 13 Geschichten vom Liebhaben.
München: DTV Junior 1990

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Ein Gedanke zu „Opa ist woanders – Evelyne Stein-Fischer

  1. Walter

    Einen schoenen Blog hast du hier, warum kannte ich den denn noch nicht. Naja jetzt habe ich Ihn gebookmarkt und werde in der n�chsten Zeit �fters vorbei schauen. Bin auf jeden Fall schon auf deine neuen Artikel gespannt.

    Antwort

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