Die Sonne scheint immer

Eine ganze Woche ist es herrlich warm gewesen. Sieben Tage lang. Jeden Morgen, wenn Jakob und Lena aufwachten, stand die Sonne leuchtend hell zwischen dem neuen Hochhaus und der Kirche.

Aber heute ist alles anders. Heute ist der Himmel grau.

Dicke Wolken türmten sich hinter dem Hochhaus.

„Sie ist weg!“, ruft Lena und schaut verwundert aus dem Fenster.

„Wer?“, fragt Jakob.

„Die Sonne!“

Tatsächlich! Weit und breit ist nicht das kleinste Sonnenschimmerchen zu sehen.

„Mama! Mama!“, schreien Jakob und Lena und laufen zur Mama in die Küche. „Die Sonne ist weg!“

Die Mama lacht.

„Aber nein! Sie ist nicht weg. Sie versteckt sich nur manchmal hinter den Wolken. Wenn sie weg wäre, dann wäre kohlpechrabenschwarze Nacht auf der Erde. Und es würde eisig kalt. Da würde alles erfrieren – die Blumen und die Bäume und alle Tiere. Und wir Menschen auch. Ohne Sonne können wir nicht leben.“

Lena zieht die Schultern hoch.

„Ich friere!“, sagt sie.

„Ich auch!“, sagt Jakob. „Schaut nur, ich hab schon Gänsehaut!“

Die Mama legt einen Arm um Jakob und einen um Lena und drückt beide fest an sich.

„Sie ist irgendwo dort oben, die Sonne“, erklärt sie und blickt durchs Fenster zum Himmel. „Ich weiß es ganz bestimmt. Die Sonne scheint immer. Auch wenn wir sie nicht sehen können.“

„Immer-immer-immer?“, fragt Lena.

Die Mama nickt.

„Wie die Luft!“, sagt Jakob.

„Und der Wind!“

„Und der Gott!“

„Ja“, antwortet die Mama. „Genauso!“

Lena stellt sich auf die Zehen und zeigt hinunter in den Garten. „Und wie meine rosa Zopfspange“, erklärt sie.

„Deine rosa Zopfspange?“, fragt die Mama erstaunt.

„Ja“, sagt Lena. „Sie liegt irgendwo dort unten im Gras. Ich weiß es ganz bestimmt. Aber ich kann und kann sie nicht sehen!“

Karin Schupp (Hrsg.): 200 Kurze Geschichten.
Lahr: Kaufmann 1999

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