Der Kasperl

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Dezember Der Kasperl

Am nächsten Tag erreichte Hatschi eine kleine Stadt. In den Straßen drängten sich die Menschen, denn der Christkindlmarkt wurde gerade eröffnet.

»Soll ich die alle einladen?«, fragte er den Esel.

»Wenn du deinen Auftrag so ausführst, wie es der heilige Petrus dir befohlen hat, dann musst du es wohl.«

Da stellte sich der kleine Engel auf den Rücken des Esels und schrie in die Menge: »Ihr seid alle eingeladen zum Geburtstag des Christkinds!« Doch die Leute gingen weiter.

Hatschi ließ die Arme hängen und wusste nicht, was er tun sollte. »Leute«, rief er. »Hört mir zu, Leute!«

Aber niemand hörte ihn. Dazu war es viel zu laut. Es dudelte, klingelte, zupfte und sang überall Weihnachtslieder. Da. drang eine kleine Engelsstimme nicht durch.

»Vielleicht ist es besser, wenn du die Menschen einzeln anredest«, schlug ihm der Esel vor, dem Hatschis Füße im Kreuz allmählich weh taten.

Daraufhin ging der kleine Engel mutig auf die erstbeste Frau zu und zupfte sie am Ärmel. Die Frau kaufte gerade Christbaumkugeln. Als sie am Ärmel gezupft wurde, fiel ihr eine aus der Hand auf den Boden und zerbrach.

»Mach dass du wegkommst, du Lauser!«, fauchte sie Hatschi an.

Erschrocken rannte Hatschi davon. Der Esel hatte große Mühe ihm zu folgen. Sie liefen zwischen Buden mit Kinderspielzeug, Christbaumschmuck und warmen Pullovern hindurch. Überall duftete es nach Lebkuchen und gebrannten Mandeln. Den nächsten Versuch machte Hatschi bei drei Kindern.

»Das Christkind«, begann er, »feiert in dreizehn Tagen Geburtstag. Zu diesem Anlass wird eine große Party gegeben. Dazu seid ihr herzlich eingeladen.«

Doch die Kinder lachten ihn aus.

»Das Christkind!«, schrien sie. »Der glaubt noch an das Christkind!«

Da drehte sich Hatschi schnell um und ging weiter. Der Esel folgte ihm mit hängenden Ohren.

Auf dem Marktplatz in der Mitte der Stadt stand eine große Tanne. Sie war über und über mit brennenden Kerzen, Silberhaar, Sternen, Kugeln und glitzerndem Schnee geschmückt. Doch als Hatschi sie genauer betrachtete, entdeckte er, dass die Kerzen nicht wirklich brannten, sondern künstliche Lichter, die Silberfäden aus Papier und die Sterne und Kugeln aus Glas waren. Nur der Schnee war echt.

Da war der kleine Engel schrecklich enttäuscht.

»He, du! He, du!«, kreischte plötzlich eine blecherne Stimme hinter ihm. Sie kam aus einer komischen Bude, die keinen Eingang hatte. Unter einem spitzen Giebel befand sich ein großes Fenster, das durch einen Vorhang geöffnet und geschlossen werden konnte. Eine kleine Figur mit einer lustigen Zipfelmütze auf dem Kopf sauste in dem Fenster hin und her.

»He, du! Ich bin der Kasperl«, schrie die Figur. »Was machst du denn für ein trauriges Gesicht?«

»Über dem Einkaufen haben die Menschen das Christkind vergessen«, sagte der kleine Engel bekümmert.

»Nicht alle haben das!«, rief der Kasperl fröhlich.

»Wer nicht?«, fragte Hatschi.

»Ich nicht«, sagte der Kasperl.

»Du bist kein Mensch«, erklärte ihm der kleine Engel.

»Ich«, kreischte der Kasperl entrüstet. »Was bin ich denn dann?«

»Ein Holzkopf.«

»Und was ist in mir drin?«

Hatschi überlegte. Was war nur in dem Kasperl drin?

»Eine Hand«, sagte er, nachdem er fertig überlegt hatte.

»Und was ist das für eine Hand?«

»Eine Menschenhand.«

»So!« Der Kasperl klopfte befriedigt mit seiner Pritsche auf den Fensterrahmen. »Gehört eine Menschenhand etwa nicht zu einem Menschen?«

»Natürlich. Ich wollte dich nicht kränken«, entschuldigte sich Hatschi. »Wie kann ich das wieder gutmachen?«

»Indem du mich einlädst«, rief der Kasperl schnell.

»Nichts tu ich lieber als das«, sagte Hatschi glücklich. »Hiermit erlaube ich mir dich feierlich zum Geburtstag des Christkinds einzuladen!«

»Ui, fein!« Der Kasperl hüpfte vor Freude in die Höhe. »Da bring ich ihm eine Pritsche mit!«

»Was soll das Christkind mit einer Pritsche?«, fragte Hatschi.

»Pritschen natürlich.«

»Und was noch?«

»Fliegen klatschen.«

»Und was noch?«

»Kleinen frechen Engeln eine runterhauen, wenn sie unverschämt werden.« Da hörte Hatschi auf den Kasperl zu fragen, was das Christkind mit einer Pritsche anfangen sollte. Er lachte wieder, kletterte auf den Rücken des Esels und ritt getröstet weiter. Mitten durch die Menschenmenge ritt er.

Aber niemand beachtete ihn.

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Ein Gedanke zu „Der Kasperl

  1. Volksschule Krumbach

    „Ups, die Geschichte gibt es wohl nicht“
    Scheint bei uns auf
    MfG
    Gerda Schwarz

    Antwort

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