Frau Bund und Hund

Frau Bund und Hund PDF

Es ist ein sonniger und warmer Tag. Frau Bund und ihr Hund sind nicht im Park, im Bad oder im Wald. Sie sind in ihrer Wohnung.

Wie an jedem anderen Tag auch.

Frau Bund mag nämlich keine Leute treffen. Vor allem keine Nachbarn. Da muss sie grüßen, neugierige Fragen beantworten und sich anstarren lassen. Das kann Frau Bund nicht leiden.

Dem Hund Bodo ist das recht so. Er will nicht auf schmutzigen und stinkenden Straßen umherrennen. Oder noch schlimmer, sich auf ungepflegten Wiesen Flöhe einfangen.

Bodo geht genau dreimal am Tag vor die Haustür. Ordentlich und gesittet, wie es sich für einen wohlerzogenen Hund gehört, wird das Geschäftchen verrichtet.

Und bei so einem Geschäfteverrichten passiert es.

Bodo will gerade in Stellung gehen. Da! Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kommt eine wilde Kreatur geschossen und rempelt Bodo um. Wild, zerzaust, verlaust, freche Visage, Stirnfransen bis über beide Augen. Soll das etwa ein Hund sein? Oder noch besser, eine Hundedame?

Bodos Herz macht einen Salto.

Frau Bund ist entsetzt.

Die Hundefrau bleibt stehen und dreht sich um. Dann schaut sie Bodo an, aber wie…

Nun fällt Frau Bund fast in Ohnmacht. Denn ihr Bodo rappelt sich auf und schnüffelt an dieser zotteligen, schmutzigen, unge-
pflegten Hundsperson! Doch damit nicht genug. Er macht sich mit ihr auch noch aus dem Staub. Frau Bund ruft laut: „Bodo hier!“ „Platz!“ „Wirst du wohl herkommen!“ Keine Chance. Bodo ist verduftet.

Jetzt ist guter Rat teuer. „Wie bekomme ich meinen Liebling zurück?“, fragt sich Frau Bund.

Erst einmal wartet sie.

Vielleicht kommt er ja von selber wieder. Es wird Abend. Keine Spur von Bodo. Frau Bund macht sich Sorgen. Soll sie ihn suchen gehen?

Da wird ihr wohl nichts anderes übrig bleiben.

Bergmangasse hinauf, Weinbergstraße hinunter, Heimweg zurück. Ohne Erfolg. Bodo bleibt verschwunden. Heute muss Frau Bund allein schlafen gehen.

Am nächsten Morgen klingelt sie bei den Nachbarn. Das fällt ihr gar nicht leicht. Aber keiner hat Bodo gesehen. Auf der Straße spricht sie Leute an. Sie wollen alle helfen, aber wie?

Herr Fröhlich, der Nachbar, hat eine Idee. „Flugzettel schreibe“, meint er.

Die heften sie an Bäume, Zäune, Telegrafenmasten und Wartehäuschen.

Aber Bodo bleibt verschwunden. Drei Tage ist er schon weg. Frau Bund ist sehr verzweifelt. Zum Glück gibt es Herrn Fröhlich. Er tröstet sie. Er redet ihr zu. Sie soll etwas essen, meint er.

Am Morgen des vierten Tages ist Bodo wieder da. Zerzaust, verlaust, schmutzig, mit einem wilden Funkeln in den Augen.

Ab in die Badewanne! Flohpulver, Haarschnitt und ordentliches Futter.

Am Abend, beim Geschäfteverrichten, haut er wieder ab. Aber in der Früh kommt er zurück. Lässt sich füttern und hätscheln. Schläft den ganzen Tag. Abends macht er sich davon.

Gut, dass Frau Bund Herrn Fröhlich hat, in dieser schweren Zeit voll Kummer und Sorgen.

Eines Morgens sieht Bodo wieder vor der Tür. Aber diesmal nicht allein. Er bringt die freche Hundsperson mit.

„Also gut, du kannst bleiben“, seufzt Frau Bund. Sie ist in letzter Zeit sehr milde gestimmt. Aber auch für den Straßenköter gilt: Badewanne, Flohpulver, ordentliches Futter. Den Haarschnitt verweigert der Rotschopf.

Weglaufen will Bodo jetzt nicht mehr. Und weil es hier seit neuestem lustig zugeht, bleibt die Rote auch. An Name und Halsband wird sie sich gewöhnen. Aber an die Leine geht sie nicht.

Helga Bansch: Frau Bund und Hund.

Wien: Verl. Jungbrunnen, 2004

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