Havermanns Baumkuchen

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Mitte der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts arbeitete ich in einer kleinen Konditorei in einer großen Stadt.

lch war einer von drei angestellten Konditoren. Besonders in der Vorweihnachtszeit konnten wir uns über ausreichende Beschäftigung nicht beklagen. Unser Arbeitstag hatte oft zwölf Stunden, und unser Chef, kurz vor der Rente stehend, ein ausgewiesener Fachmann, groß gewachsen und noch mit einer athletischen Figur ausgestattet, organisierte professionell den Arbeitsablauf. An die Zeitabläufe gebunden, leisteten wir Tag für Tag unser Pensum mit Achtung und Distanz zu unserem Chef und Inhaber der Konditorei. Meine Arbeit bestand darin, in dieser Vorweihnachtszeit die bestellten Baumkuchen auf der sich drehenden Walze der Baumkuchenmaschine Schicht für Schicht zu backen und die ausgekühlten Baumkuchenringe des Vortages je nach Bestellung in bestimmter Größe nach Anzahl der Ringe mit temperierter Kuvertüre (helle, dunkle) und mit weißem Fondant (diese Ringe wurden vorher mit kochender Aprikosenmarmelade bestrichen) zu überziehen.

Ein besonderer Kunde waren die Havermanns, ihnen mussten unsere Baumkuchen besonders gefallen, denn die Liste ihrer Bestellung schien in dieser Zeit unendlich.

In der dritten Adventswoche hatten wir immer eine zweite Schulklasse der nahen Grundschule zu Besuch. Eine willkommene Abwechslung vom alltäglichen Arbeitsalltag.

Die Kinder waren mit leuchtenden Augen und Begeisterung dabei, unter unserer Anleitung einen mit Vanille, Zitrone und Zimt angereicherten Mürbeteig zu kneten, mit einem Holz auszurollen, um dann Sterne und Herzen auszustechen.

Die Backstube, in der wir ja in dieser kalten Jahreszeit auf keinen Fall frieren mussten, zeigte sich bei dieser Veranstaltung in einem besonderen Glanz, zumal wir bis auf unseren Chef alle rote Zipfelmützen auf dem Kopf hatten. Unser Chef nahm das zum Anlass, seine Konditoren mit der Klasse zu fotografieren.

Heiligabend dann, in der Früh, wenn wir das letzte Backwerk hergestellt hatten, rief er uns kurz zusammen, und dann gab es für jeden traditionsgemäß einen Briefumschlag mit einer kleinen Geldprämie zum Fest und eben ein Foto mit den Kindern. So wurde es auch an diesem Heiligen Abend gehandhabt.

Für Havermanns überzog ich den letzten Baumkuchen mit weißem Fondant, einen Baumkuchen mit beträchtlichem Durchmesser und mit sechs Ringen. Die Kollegen hatten schon die Backstube aufgeräumt und in einen feierabendlichen Zustand versetzt. Die Arbeit war getan, und unser Chef übergab uns wie üblich einen Briefumschlag, redete ein paar wohlwollende Worte und verabschiedete uns in die freien Weihnachtstage.

Am Rande der Stadt wohnte ich zu dieser Zeit mit meiner Frau in einer kleinen Wohnung, eine naturbelassene Gegend, wo wir uns wohlfühlten. Natürlich interessierte es mich, wie hoch die Geldprämie Heiligabend ausgefallen war. Bevor ich die Heinmfahrt mit dem Pkw antrat, öffnete ich den Umschlag. Das Bild mit den Schulkindern war wohltuend gut getroffen, schauten wir doch alle erfreut an diesem Adventstag, aber die Geldprämie – von Deutscher Mark im Briefumschlag war nichts zu sehen. Der Umschlag enthielt nur das Bild. Zunächst konnte ich es gar nicht richtig einordnen. Irgendwas konnte ja nicht stimmen, vielleicht hatte ich in den letzten Monaten und besonders in der Vorweihnachtszeit einen größeren Fehler begangen oder so etwas in diese Richtung. Zurückgehen und den Chef zur Rede stellen kam mir nicht in den Sinn, zumal mir bekannt war, laut Aussagen der Kollegen, dass, wenn der Chef mit der Jahresleistung eines Angestellten nicht zufrieden war, der Briefumschlag zu Weihnachten durchaus leer sein konnte.

Innerlich aufgewühlt, begab ich mich auf die Heimfahrt. Wie an einem Heiligen Abend fühlte sich meine Stimmung nicht, eher wie einer dieser kühlen Dezembertage, wo die Kälte in die Kleidung aufsteigt und man sich wünscht, dass es bald wieder Frühling wird.

Zu Hause angekommen, erzählte ich meiner Frau die Geschichte. Die Wohnung war schon weihnachtlich geschmückt, das Licht der vier Adventskerzen und der Duft der Tannenzweige ließen meine Stimmung etwas besser werden, dennoch überlegte ich noch einmal in Ruhe, was ich in letzter Zeit beruflich gut und nicht so gut empfand.

Die Kaffeezeit war gekommen, meine Frau freute sich schon auf eine genüssliche Tasse Kaffee, als es an der Wohnungstür klingelte. Die Tür wurde von mir geöffnet, vor mir stand mein Chef mit seiner Frau. Er hatte eine rote Zipfelmütze auf dem Kopf und duzte mich. «Entschuldigung für die unerwartete Störung an diesem besonderen Tag, aber meine Frau hat vor einer Stunde bei der Tagesabrechnung bemerkt, dass ich deine Geldprämie zum Weihnachtsfest nicht in den Briefumschlag gelegt habe. Ich habe es vergessen, einfach vergessen. Hier ist nun deine Extraprämie zum Weihnachtsfest, es tut mir leid, wenn ich dich zunächst enttäuscht habe.» Seine Frau nickte nur mit lächelnden Zügen im Gesicht, sie reichte mir einen etwa fünfzig Zentinmeter hohen Karton, bevor der Chef seine Rede fortsetzte. «ln dem Karton befindet sich ein weißer Baumkuchen, den du dir in diesem Jahr durch die besonderen Umstände verdient hast. Es ist der Baumkuchen mit den sechs Ringen, der traditionsgemäß, seit wir die Konditorei haben, Heiligabend auf unserem Kaffeetisch steht. Ein kleines Geheimnis der Konditorei, dass der letzte hergestellte Baumkuchen am Heiligabend dem Inhaber gehört. Ich setzte ihn immer auf Havermanns Liste, dann landet er bei uns auf dem Kaffeetisch, dieses Jahr gehört er dir.»

Mir fielen zunächst keine Worte ein, Chef und Chefin in einer so menschlichen Haltung, von einer gewissen Distanz keine Spur. Ich war überwältigt, aber langsam löste sich bei mir die Spannung, und ich spürte eine nicht beschreibbare Wärme in meinem tiefsten Inneren.

Meine Frau bat beide an den Kaffeetisch, es wurde ein besonders starker Kaffee gemeinsam getrunken, dazu wurde der Baumkuchen von mir angeschnitten, mein Chef erwähnte die angenehm empfundene Ruhe nach den geschäftlichen Tätigkeiten am 24. Dezember, und dann begann für uns alle der Zauber von Weihnachten.

Jahrzehnte sind seitdem vergangen, die kleine Konditorei gibt es nicht mehr, längst bin ich aus dem Berufsleben ausgeschieden, aber wenn unsere kleine Familie am Heiligen Abend am Kaffeetisch sitzt, steht noch immer ein weißer Baumkuchen auf dem Tisch. Dann schneide ich den Baumkuchen an, und bei einer starken Tasse Kaffee erzähle ich die Geschichte von Havermanns Baumkuchen, und dann beginnt für uns ein besinnlicher Heiliger Abend.

Rolf Appel

Ursula Richter; Barbara Mürmann (Hrsg.):
Weihnachtsgeschichten am Kamin.23

Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2008

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