Christkindlmarkt – Jutta Treiber

Christkindlmarkt

Jutta Treiber

Wie jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit besuchten wir den Christkindlmarkt auf dem Hauptplatz. Dieses Jahr war er sehr schön gestaltet. Das behaupteten zumindest mein Vater und meine Mutter. Es gab einen großen Christbaum, es gab eine Krippe mit lebensgroßen Figuren und in dem Stall liefen echte Schafe und Ziegen hemm. Meine Mutter war davon hellauf begeistert. Mein Vater war von den Ständen mit Punsch und Glühwein offensichtlich mehr angetan. Ich fühlte mich ein wenig fehl am Platz. Für den Krippen-Kinderkram zu groß, für Punsch und Glühwein ganz offensichtlich zu klein. Irgendwie werden zehnjährige Jungen an einem Christkindlmarkt nicht sehr gut bedient.

Ich stellte mich zuerst in die Punsch- und Glühweinabteilung, aber die Männer, die dort standen, schienen schon etwas besäuselt zu sein und ihre Gespräche waren eher eine Aneinanderreihung von Urlauten als eine intelligente Unterhaltung, also wandte ich mich dann doch der Mutter-Kinderkram-Krippenabteilung zu und beobachtete die Schafe, ebenfalls Urlaute ausstießen.

Es war also eigentlich egal. Ein Christkind tänzelte herum, in silbernem Gewand, mit goldenem Haarschmuck, am anderen Ende des Platzes spielte eine Bläsergruppe und danach sang ein Chor kitschige Weihnachtslieder.

Mein Vater blieb in der Punschabteilung hängen, meine Mutter schlenderte die Stände entlang. Es war erst vier Uhr nachmittags, aber es war schon dunkel geworden. Abendstimmung.

Meine Mutter wurde unruhig, ich wusste genau, sie wollte schnell ein paar Weihnachtsgeschenke ergattern, fand aber nichts Passendes, war außerdem ärgerlich, weil Papa wieder einmal beim Punsch hängen geblieben war und das Geschenke-Besorgen ihr allein überließ. Ich wollte auch noch eine Kleinigkeit für meinen Freund Josi kaufen, aber was sollte ich auf diesem Kitschmarkt schon finden? Es gab da nur Unmengen von Christbaumkugeln, Lebkuchen, Weihnachtsgestecken und Kerzen und noch einmal Lebkuchen und Weihnachtskekse und wieder Christbaumkugeln und Kerzen und Krippen. Dort, wo die Bläsergruppe stand, verkaufte ein Mann Christbäume. Aber dann sah ich auf einmal einen Stand, der etwas anders aussah: da gab es Holzspielzeug, knifflige Rätselspiele, Geduldspiele aus Holz und Metall. So ein Spiel könnte ich Josi kaufen, dachte ich, der liebt knifflige Rätselspiele über alles. Ich schaute mir die Sachen genauer an. Ja, da würde ich etwas finden.

Auch meine Mutter war stehen geblieben. Sie zeigte fasziniert auf eine Krippe. »Schau mal«, sagte sie, »ist die nicht schön?«

Da stand ein Stall aus Holz, mit einem Stern darüber. Die Figuren waren aus Ton, Maria und Josef, die Krippe, Ochs und Esel, außerhalb des Stalles stand ein Schäfer, der ein paar Schafe vor sich herzutreiben schien, und an der rechten Seite stand eine Figur, die anscheinend den Engel darstellen sollte, aber er war ganz ungewöhnlich. Er hatte ein dickes Gesicht und war nicht weiß, sondern erdbraun, er sah ein bisschen aus wie unser Nachbar, der behindert ist und am Down-Syndrom leidet. Und da fiel mir erst auf, dass das der Stand von der Werkstatt war, in der Behinderte arbeiteten.

Die Behinderten hatten die Krippe selbst hergestellt. Sowohl den Stall aus Holz als auch die Tonfiguren. Ich glaube, diese Krippe war die schönste auf dem Christkindlmarkt. Viel schöner als der ganze Fabrikskrippenkitsch.

Ich kaufte ein Kniffelspiel für Josi. Und ein Geduldspiel für Susi, meine heimliche Liebe. (Sie ist so heimlich, dass Susi selbst nichts davon weiß, ich hoffe, dass ich den Mut haben werde, ihr das Geschenk zu geben.)

Meine Mutter – das war zu erwarten gewesen – kaufte die Krippe. Der Behindertenbetreuer packte jede Figur einzeln in Seidenpapier und legte sie in eine Schachtel. Papa wurde aus der Punschabteilung entfernt und zum Tragen des Holzstalles bestimmt.

Zu Hause verstaute ich die beiden Spiele in meinem Geheimfach. Mutter packte die Krippe aus. »Ich baue sie gleich auf der Anrichte auf«, sagte sie. »Vielleicht kommt dann ein bisschen Weihnachtsstimmung auf.« Oh, oh, oh – gleich würde wieder das ewige Gejammer von der nicht vorhandenen Weihnachtsstimmung und dem Stress und Papas Punschvorliebe und, und, und anfangen – das wollte ich jetzt eigentlich gar nicht hören. Und so lenkte ich die Aufmerksamkeit wieder auf die Krippe.

Mutter räumte die Anrichte ab und platzierte den Holzstall darauf. Danach packten wir die Figuren aus und stellten sie in den Stall. Maria und Josef, die Krippe, Ochs und Esel, den Schäfer und die Schafe, den Engel mit Down-Syndrom. Mutter war entzückt, Vater war auf der Wohnzimmercouch eingeschlafen.

Doch plötzlich erstarrte meine Mutter und schien den Schreck ihres Lebens gekriegt zu haben.

»Wo ist das Kind?«, rief sie. »Um Gottes willen, wo ist das Kind?«

»Welches Kind?«, fragte ich. »Wenn du mich meinst, ich bin hier.«

»Sei nicht so blöd, Franz!«, sagte Mutter. »Ich meine das Kind in der Krippe. Es ist nicht da!«

Tatsächlich – die Krippe war leer. Es gab kein Kind in der Krippe.

Ich hätte das Gejammer, das nun folgte, auswendig vorsagen können: Der Betreuer hatte das Kind nicht eingepackt, es war ihm beim Einpacken neben der Schachtel hinuntergefallen, er hatte es zertrampelt, es war Mutter auf dem Heimweg aus der Schachtel gefallen (eine allerdings höchst unwahrscheinliche Möglichkeit), es war uns während des Auspackens auf den Fußboden gefallen, und das alles war nur deshalb so gekommen, weil Papa zu viel Punsch getrunken hatte und sich um nichts kümmerte, und weil sie, Mutter, die Ärmste, sich um alles… und so weiter und so fort.

Wir suchten also zunächst auf dem Fußboden. Ich kroch einmal um den Tisch herum, fand außer Kuchenbröseln noch eine Murmel und eine Sicherheitsnadel, aber kein Christkind. Ich suchte hinter der Anrichte, dort fand sich ein alter Socken, der etwas streng roch, aber kein Christkind. Mama wollte sich schon anziehen und den ganzen Weg zurück zum Christkincllmarkt gehen und das Kind suchen.

»Es ist dunkel!«, sagte mein Vater, mitten aus dem Couchschlaf heraus. »Du würdest es nicht einmal finden, wenn es lebensgroß wäre.« Dann schlief er wieder ein.

Ich stand vor der Anrichte und schaute in die Krippe. Ich konnte mich nicht erinnern, wie das Christkind ausgesehen hatte. »Da war gar kein Christkind«, sagte ich.

»Blödsinn!«, sagte Mutter, »eine Krippe ohne Christkind, das gibt’s doch nicht!« Irgendwie hatte sie ja Recht.

Ich schaute die Figuren genauer an. Josef in einem einfachen braunen Gewand. Die Krippe, nackt. Der Ochs liegend, der Esel stehend, die Schafe mit weißen Woll-Löckchen, der Schäfer mit einem weiten grünen Umhang, der Engel mit Down-Syndrom. Maria, zart, in einem blauen Umhang.

Und plötzlich sah ich es. Winzig klein, kaum zu bemerken und ganz geborgen. Und ich dachte, dass ich so eine Krippe wirklich noch nie gesehen hatte.

»Da ist es ja«, sagte ich. »Das Kind. Hier, siehst du es nicht? Maria hat es in die Arme genommen.«

Brita Groiß; Gudrun Likar:
Weihnachten ganz Wunderbar: ein literarischer Adventskalender
Wien: Ueberreuter, 2001

Über kindg

Guten Tag! Wir sind kein Verein oder Institution; nur eine Gruppe Freunde, die an Gymnasien und Universitäten unterrichtet. Dieses Projekt ist aus reinen pädagogischen Gründen entstanden und hat überhaupt keine finanziellen Interessen.
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