Blech-Romanze

Es gibt alte Sachen – meine Frau sagt: „Viel zu viele“ –, von denen kann ich mich nur schwer trennen. Und damit fing es an…

Gestern Morgen, als ich ins Büro gehen wollte, stand eine Blechdose neben meiner Tasche.

„Nimm sie mit und wirf sie unten in den Koloniakübel“, sagte die Beherrscherin meines Haushalts. „Weihnachten steht vor der Tür, und sie nimmt mir im Kasten zu viel Platz weg.“

Ich nahm sie mit und ging.

Aber als ich dann im Hof vor der Mülltonne stand, konnte ich mich auf einmal nicht dazu entschließen, die ausrangierte Keksdose unter den aufgeschlitzten Konservenbüchsen, Kartons und leeren Flaschen zu versenken. Ich nahm sie also wieder mit.

Im Büro stellte ich sie zunächst auf meinen Schreibtisch.

„Was willst du damit?“ fragte mich ein Kollege.

Es war mir etwas peinlich, denn man kann mit diesem Blechbehälter keinen Staat mehr machen. Vor Jahren, bevor unsere Omama uns darin immer zu Weihnachten ihre selbstgebackenen Spekulatius, Vanillekipferl, Zimtsterne, Sirupkekse und Husarenkrapferl schickte, war sie als Kaffeebehälter aus einer Rösterei in den großmütterlichen Haushalt gekommen.

„Wegwerfen“, stotterte ich, weil ich mich der verbeulten, mit eingerissenen Etiketten beklebten Dose schämte. „Früher waren Kekse drin…“

„Selbstgemachte?“

Und da musste ich natürlich die Dose öffnen. Ich hielt sie ihm unter die Nase.

„Du kannst es noch riechen. Es sind nicht irgendwelche Kekse gewesen, sondern die besten von der ganzen Welt. Du hast bestimmt noch nie so gute gegessen.“

Es fanden sich noch ein paar Brösel in den Ecken und unter dem Pergamentpapier, mit dem die Oma die Dose ausgelegt hatte.

Er machte den Finger feucht, tippte hinein, kostete und meinte: Hm, hm…“

Freilich, er konnte nicht ahnen, womit sich der Duft und der Geschmack in meiner Erinnerung verbindet. Für mich war’s Weihnachten, besser noch die lange kurze Anlaufzeit zu diesem Fest.

Es begann schon Ende November. Da überkam meine Mutter immer eine seltsame Unruhe,

eine Nervosität, wie sie Schüler vor der Prüfung haben.

Und eines Tages fing sie mit den Vorbereitungen an: Da wurden Nüsse gemahlen, Mandeln heiß überbrüht und enthäutet („Nein, du darfst nicht helfen, du nascht mir zu viel“), Korinthen und Rosinen aufgeweicht, Orangeade fein geschnitten, und überall in der Wohnung roch es nach gekochter Schokolade.

Wenn dann die ausgestochenen Sterne, Vögel, Hasen, Blumen auf dem Backblech lagen, durfte ich die Teigschüssel ausschlecken…

Und endlich duftete es köstlich aus dem Backrohr, wurde das knusprige, goldgelbe und dunkelbraune Ergebnis in verschiedene Blechdosen gelegt.

Mit Kostproben war die Mutter geizig. Nur den „Ausschuss“, die leicht angeschwärzten oder zerbrochenen Kekse, überließ sie mir.

Später, als aus der Mutter eine Omi wurde, hat sie uns die Weihnachtsbäckerei immer im dieser Dose geschickt. Leider kam die Herrlichkeit oft zerbröselt an, und eines Tages schrieb meine Mutter: ,Das Backen macht mir so viel Arbeit. Man kann sich doch jetzt bequem die besten Kekse kaufen.“

Und das tun wir nun schon seit Jahren. Immer wieder entdeckt meine Frau neue Sorten in prachtvoller Verpackung, Nürnberger Lebkuchen, Basler Leckerli, englische Kekse.

Doch das ist nicht das Wahre. Beim Schnuppern in Omamas Dose bin ich dahintergekommen. Irgendetwas fehlt mir bei dieser dieser Weihnachtsbäckerei vom Fließband.

Vielleicht ist es auch die Vorstellung, wie so etwas fabriksmäßig entsteht, mit Schuld an meinem Unbehagen. Womöglich bäckt sich dort die Weihnachtsware schon im Sommer. Ganz zu schweigen davon, dass keine Omi-Mutter dabei rote Wangen bekommt und niemand Schüsseln ausschleckt und Verbranntes nascht.

Ich machte den Deckel zu.

In der Mittagspause habe ich Keksformen gekauft und bei meinem Buchhändler noch ein altes Kochbuch mit phantastischen Rezepten für Weihnachtsbäckerei aufgestöbert.

Diese Einkäufe kamen in die Dose.

„Du solltest sie doch wegwerfen“, regte sich meine Frau auf, als ich abends mit der Viereckigen heimkehrte.

Schließlich einigten wir uns, dass es heuer zu Weihnachten selbstgebackene Kekse gibt und dass die in Omas Dose kommen.

„Du bist ein Romantiker“, seufzte meine Frau. „Hätte ich das alte Ding nur selber fortgeschmissen!“

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