4. Dez. – Barbaras Starke Blüten

Barbaras Starke Blüten

Barbara Veit

Als Barbara am 4. Dezember aufwachte, war es ein Tag wie jeder andere. Papa war schon zur Arbeit gegangen, Mama sagte, dass sie sich beeilen musste… schon wieder zu spät dran! Dann war Mama auch weg und Barbara steckte das Pausenbrot in ihre Schultasche, zog langsam ihre Jacke an, zog sie wieder aus und setzte sich an den Frühstückstisch. Sie war müde, denn letzte Nacht hatte sie viel zu lange unter der Bettdecke gelesen. Mit der Taschenlampe, damit niemand was merkte!

Eigentlich hatte sie keine Lust, in die Schule zu gehen. Aber sie musste! Nur noch fünf Minuten wollte sie hier sitzen, eine Banane essen und an Harry Potter denken. Wenn sie einen Zauberbesen hätte, dann könnte sie zur Schule fliegen und außerdem würde sie viel lieber Zaubern lernen als Mathe!

Gerade als sie das letzte Stückchen Banane in den Mund steckte, klingelte das Telefon.

»Mmmpf«, sagte sie und: »Hallo!«

»Was heißt hier >mmmpf, hallo<!- fragte eine tiefe Stimme.

»Dddas heißt… Entschuldigung, hier ist Barbara!«, murmelte Barbara verlegen.

»Ddddas klingt schon besser!«, antwortete die tiefe Stimme. »Hier ist nämlich der Nikolaus und möchte dir zum Namenstag gratulieren!«

»Wawawas?«, stotterte Barbara.

»Stotterst du eigentlich seit neustem?«, lachte jetzt eine vertraute Stimme.

»Mensch, Opa!«, seufzte Barbara erleichtert. »Du hast mich richtig erschreckt!«

»Hab ich’s wieder mal geschafft!« Großvater kicherte zufrieden. »Alles Gute, mein Kind! Was hast du denn zum Namenstag bekommen?«

Barbara antwortete nicht. Weder Mama noch Papa hatte an ihren Namenstag gedacht, nicht mal sie selbst. Letztes Jahr auch nicht, fiel ihr ein.

»Oooch«, murmelte sie, »ich glaube, dass wir sowas nicht feiern.«

»So!«, knurrte Großvater. »Dann werden wir das heute ändern! Ich gebe dir hiermit schulfrei und lade dich zu mir ein! Wenn du dich beeilst, schaffst du es in einer halben Stunde! Bis gleich!«

Klick! machte es und Großvater hatte aufgelegt.

Barbara stand ratlos im Flur. Sie konnte doch nicht einfach die Schule schwänzen. Wahrscheinlich wollte Opa wieder mal ihre Eltern ärgern. Das machte er gern. Opa war der Meinung, dass in der heutigen Zeit die Menschen viel zu viel arbeiteten und das alles nur, um sich Zeug zu kaufen, das eigentlich niemand brauchte. Barbara musste plötzlich lachen, weil sie an die komischen Krache dachte, die Opa mit Mama hatte. Opa nahm die Krache nicht ernst, aber Mama ging senkrecht an die Decke.

»Wieso braucht ihr eine Sauna?«, hatte Opa vor ein paar Monaten gefragt, als Papa plötzlich auf die Idee kam, in den Keller eine Sauna einzubauen.

»Weil das gesund ist!«, hatte Mama gesagt.

»Gesund? Du nennst das gesund, wenn man sich in heißem Dampf gar kochen lässt?«

»Ja, es ist sogar sehr gesund, Vater!«, hatte Mama geantwortet.

»Ha! Soll ich dir was sagen? Diese schwachsinnige Idee kommt aus Finnland! Und weißt du, was ich gelesen habe? In Finnland sterben mehr Menschen an Herzschlägen als in anderen Ländern! Ist ja auch kein Wunder, wenn die stundenlang in heißem Dampf rumsitzen!«

»Sauna ist gesund!«, hatte Mama geschimpft. »Das sagen auch die Ärzte bei uns!«

»Ich würde da verdammt vorsichtig sein!«, grummelte Opa und zwinkerte Barbara mit dem rechten Augen zu. »Dein Mann ist genau in dem Alter, in dem Männer besonders anfällig für Herzprobleme sind!«

»Vater!!!!« Und schon war Mama senkrecht an der Decke. Opa aber schlich kichernd zur Tür hinaus. Barbara wollte auch keine Sauna und sie konnte nicht verstehen, warum Mama immer so wütend wurde, wenn Opa seine Scherze machte. Barbara mochte Opa! Deshalb überlegte sie nur kurz, ließ dann den Schulranzen liegen, sauste aus dem Haus, packte ihr Fahrrad und fuhr zu ihm.

Es war ein milder Morgen, viel zu warm für Dezember. In der Nacht hatte es geregnet, aber jetzt schien die Sonne und das feuchte Laub roch gut. Opa wartete vor seinem kleinen Haus und trug die alte Jacke aus Schaffell, die Mama schon lange wegwerfen wollte.

»Los!«, rief er. »Stell dein Fahrrad weg. Ich will einen Spaziergang durch den Garten mit dir machen!«

Das war wieder eine typische Opa-Idee. Spaziergang durch den Garten! Und dafür riskierte sie Krach mit ihren Eltern und in der Schule! Opa stapfte bereits Richtung Obstgarten ohne auf sie zu warten. Barbara lehnte das Rad gegen den Schuppen und rannte hinter ihm her.

»Pass auf!«, brummte Großvater. »Du suchst dir jetzt die schönsten Zweige mit den dicksten Knospen aus und ich schneide sie ab!«

»Wie… wieso denn?«, fragte Barbara.

»Du stotterst ja schon wieder!«, grinste Opa. »Ich sag dir, warum wir die Zweige schneiden: weil heute Barbaratag ist!«

Barbara blieb stehen und schaute Großvater zweifelnd an. War das wieder einer seiner Witze? Aber Großvater sah ernster aus als sonst, lehnte sich an einen alten Apfelbaum und sagte: »Weißt du, die Menschen vergessen all die kleinen Dinge, die wichtig sind im Leben. Zum Beispiel Namenstage. Jeder Name hat ja eine Bedeutung, sonst könnte man die Leute ja auch Kühlschrank oder Ofen nennen!«

Barbara musste lachen. Dieser Gedanke war ihr noch nie gekommen. Sie fand manche Namen schön, andere langweilig oder blöd. Aber dass sie eine Bedeutung hatten, daran hatte sie noch nie gedacht.

»Warum wohl kennst du keinen, der Judas oder Adolf heißt?«, fragte Opa grimmig.

»Weil Judas Jesus verraten hat und Hitler Adolf hieß!«, antwortete Barbara blitzschnell.

»Sehr gut! Waren beide üble Burschen und deshalb hat ihr Name eine bestimmte Bedeutung!« Opa nickte und strich mit der Hand über die Rinde des Apfelbaums.

»Was für eine Bedeutung hat Barbara?«, fragte Barbara und hielt plötzlich ein wenig die Luft an.

»Auf Lateinisch bedeutet es die Fremde oder die Barbarin, das ist so was wie eine Wilde! Passt ganz gut zu dir, oder?«

Barbara verzog das Gesicht. Deshalb nannte Opa sie immer kleine Wilde!

«Sonst nichts?«, fragte sie.

»Doch«, antwortete Großvater. »Es ist auch der Name einer sehr starken jungen Frau, die lange Zeit als Heilige verehrt wurde. Sie lebte vor 1700 Jahren in Nikomedia. Das war eine Stadt in der heutigen Türkei. Sie soll sehr schön und klug gewesen sein, diese Barbara, und außerdem Christin. Das war gefährlich, denn die Türkei gehörte damals zum Römischen Reich und die Römer verfolgten alle Christen. Barbaras Vater war ein reicher Kaufmann. Er hatte überhaupt kein Verständnis für ihren Glauben an Christus. Er fand, dass sie heiraten sollte, und damit basta. Tat sie aber nicht! Da wurde er so wütend, dass er sie in einen Turm einsperrte. Aber in dem Turm wuchs ihre innere Kraft sogar noch. Da wurde ihr Vater so wütend, dass er sie an die Römer auslieferte…«

»Was? Ihr Vater?« Barbara sah Großvater ungläubig an.

»Ja, ihr eigener Vater! Manche Väter werden sehr böse, wenn die Töchter nicht tun, was ihnen gesagt wird!«

»Und was haben die Römer mit ihr gemacht?«

»Na ja, sie verlangten, dass sie ihren Glauben ablegt. Tat sie natürlich nicht…«

»Und dann?«

Großvater runzelte die Stirn und kratzte sich ein wenig unglücklich an der Stirn.

»Sie wurde zum Tode verurteilt und starb sehr tapfer. Ihr Vater wurde kurz danach von einem Blitz erschlagen, heißt es in der Legende. Jetzt weißt du, dass deine Namenspatronin eine sehr tapfere Frau ist. Sie galt bei den Christen als Helferin der Gefangenen und Sterbenden. Kannst stolz auf sie sein!«

Barbara nickte.

»Und was ist mit den Zweigen?«

»Die schneiden wir jetzt – für dich zum Namenstag! Dann stellst du sie in eine Vase und an Weihnachten werden sie blühen. Das ist ein Zeichen für die Kraft, die Barbara von Gott bekommen hat.«

Danach schnitten sie schweigend einen dicken Strauß von Apfel- und Kirschzweigen. Später tranken sie Kakao und unterhielten sich noch lange über Barbara und viele andere Namen.

Es war der schönste Tag, den Barbara je mit Opa verbracht hatte. Er schrieb ihr auch eine Entschuldigung für die Schule. Barbara steckte die Zweige in eine Vase und schaute sie jeden Tag genau an. Lange Zeit sahen sie aus wie tot, aber plötzlich wurden die Knospen dicker, bekamen grüne Köpfchen und einen Tag vor Weihnachten brachen die ersten auf, zarte weiße Blüten mitten im Winter. Barbara liebte Opa! Und sie fühlte sich sehr stark.

Brita Groiß; Gudrun Likar: Weihnachten ganz Wunderbar: ein literarischer Adventskalender
Wien: Ueberreuter 2001

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