Der blaue Stuhl

Der blaue Stuhl – PDF

Eines Tages gingen Herr Klops und Herr Schwärzlich in der Wüste spazieren.
»Nicht viel los hier«, sagte Herr Schwärzlich.
»Irgendwie wüstenmäßig«, knurrte Herr Klops, der es immer sehr genau nahm.
»Ah! Da ist was!«, sagte Herr Schwärzlich und deutete auf einen blauen Fleck in der Ferne.
Sie kamen näher und sahen einen Stuhl.
»Ein Stuhl«, sagte Herr Schwärzlich.
»Ein blauer Stuhl«, sagte Herr Klops… und setzte sich sogleich unter den Stuhl.
»Ich mag Stühle«, sagte er, »man kann sich darunter verstecken.«»Na, das ist das allerwenigste«, sagte Herr Schwärzlich. »Ein Stuhl ist eine zauberhafte Sache. Man kann ihn in einen Hundeschlitten verzaubern, in ein Feuerwehrauto, in ein Polizeiauto, in ein Flugzeug, in einen Hegalopter…«
»Helikopter heißt das«, knurrte Herr Klops.
»Na gut«, sagte Herr Schwärzlich. »Jedenfalls kann man einen Stuhl in alles verzaubern, was fährt und fliegt… und in alles, was schwimmt.«
»Na, klar doch!«, sagte Herr Klops, dem das Spiel langsam Spaß machte. »Schwärzlich, pass auf. Haifische!«
»Und das ist noch längst nicht alles«, sagte Herr Schwärzlich. »In null Komma nix wird aus einem Stuhl ein Schreibtisch oder ein Ladentisch. Es gibt ja wohl kaum was Schöneres, als Kaufladen zu spielen. Nicht wahr, mein lieber Klops?«
»Oh, ja!« Herr Klops bestätigte das. »Ein Stuhl ist wirklich und wahrhaftig eine zauberhafte Sache. Aber er ist auch sehr praktisch. Wenn du dich auf einen Stuhl stellst, mein lieber Schwärzlich, dann bist du größer als dein größter Freund …

… und ein Stuhl ist auch sehr nützlich, um sich gegen wilde Tiere zu verteidigen. Die würden einen sonst womöglich anknabbern. Das kann man täglich in jedem Zirkus sehen …

… und in den Zirküssern, nein, den Zirkussen«, fuhr Herr Klops fort, denn er war jetzt so richtig in Fahrt, »in den Zirkussen, da machen die Akrobat und Jongleure mit Stühlen die tollsten Kunststücke. Einfach so!«
Herr Schwärzlich wollte nicht zurückstehen.
»Ich bin dran, ich bin dran!«, rief er und ließ seinen Worten Taten folgen. »Du vergisst die Equilibristen. Ja, so heißen die!«

Nicht weit von ihnen beobachtete ein Kamelide (sozusagen die Idee von einem Kamel, und solche Tiere sind in der Wüste häufig anzutreffen), nicht weit von ihnen beobachtete also ein Kamelide mit strengem Blick die Spielereien der beiden Freunde.
In aller Stille näherte sich das Kamelide und rief dann plötzlich:
»Nein, jetzt reichtʼs aber! Was ist denn das für ein Zirkus?!«
Pardauz, fidibumm, aus der Traum!
»Ein Stuhl«, sagte das Kamelide, »ein Stuhl ist dazu da, um sich darauf zu setzen.«
Das Kamelide setzte sich breit und behäbig auf den Stuhl, fest entschlossen, sich so bald nicht wieder zu erheben.

»Gehen wir«, sagte Herr Schwärzlich zu seinem Freund, »dieses Kamel hat ja keine Ahnung, nicht die geringste Idee!«
»Und außerdem ist es nicht einmal ein Kamel«, sagte Herr Klops, der es immer sehr genau nahm, »es hat nämlich nur einen einzigen Höcker! Es ist nichts anderes als ein Dromedar!«

Claude Boujon: Der blaue Stuhl.
Hamburg: Verlag Inhauser, 1999

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