Der Ochse

9. DezemberDer Ochse

Durch den tiefen Schnee zu stapfen fiel dem Esel oft sehr schwer. Manchmal stieg der kleine Engel ab, damit er es leichter hatte. Um sie herum war alles weiß, feucht und watteweich. Das erinnerte ihn an seine Wolkenheimat. Er hätte so gern mal wieder mit seinen Freunden Fußball gespielt. Bei dem Gedanken daran bekam er Heimweh.

Lange Zeit begegnete ihnen niemand. In der Ferne flatterte ein Krähenschwarm von Baum zu Baum, aber sie kamen nicht so nah heran, dass Hatschi ihnen eine Einladung zurufen konnte. Dem Esel war es für eine Unterhaltung zu kalt. Da überfielen den kleinen Engel trübe Gedanken. Warum hatte der heilige Petrus gerade ihn mit diesem Auftrag losgeschickt?

Hätte nicht auch ein anderer gehen können?

Warum gerade er?

Die neuen Schuhe drückten ihn immer noch. Der Wind pfiff durch seine Jacke und die zusammengefalteten Flügel hätten sich auch gern mal wieder entfaltet.

Gerade als er laut aufseufzte vor Gram, stand auf dem Weg vor ihm ein riesiges rot-weiß geschecktes Tier. Es war mindestens doppelt so groß wie der Esel, und auf dem Kopf trug es zwei Hörner.

»Geh weg!«, rief Hatschi, der es mit der Angst zu tun bekam.

»Aber, aber«, brummte das Tier. »Wer bist denn du?«

»Ich bin ein kleiner Engel, und du?«

»Ein Ochse«, sagte der Ochse. Er senkte den Kopf mit den Hörnern, um Hatschi besser betrachten zu können. Das gab ihm ein drohendes Aussehen.

Der kleine Engel machte einen Schritt rückwärts. So standen sie eine Weile und starrten sich an.

»Musst du ihn nicht einladen?«, fragte der Esel plötzlich.

»Den!«  Hatschi zeigte mit dem Finger auf den Ochsen. »Nein.«

Der Ochse stand unverändert mächtig und Furcht erregend da und rollte die Augen. »Aber hast du mir nicht erzählt, dass der heilige Petrus dich mit dem Auftrag losgeschickt hat, jeden einzuladen, der dir über den Weg läuft?«

Das stimmte.

»Aber so ein Ungeheuer kann ich doch nicht einladen. Da bekommt das Christkind ja Angst.«

»Wenn der heilige Petrus dir befahl jeden einzuladen, der dir begegnet, dann darfst du keine Unterschiede machen. Dann gehört der Ochse dazu«, gab ihm der Esel zu bedenken.

Da holte Hatschi tief Luft und sagte seinen Spruch auf. Der Ochse schnaubte Dampfwolken aus der Nase. Er stampfte den Schnee mit seinen Vorderhufen.

»Das Christkind hat schon wieder Geburtstag«, muhte er. »Das freut mich aber.«

»Kennst du das Christkind?« fragte Hatschi.

»Selbstverständlich. Es wurde ja in meinem Stall geboren. Niemand hatte seinen Eltern ein Zimmer vermietet. Da kamen sie zu mir. Ich bin ein wenig zur Seite gerückt und so gab es Platz für uns alle.«

Da schämte sich der kleine Engel, weil er den Ochsen so falsch eingeschätzt hatte, und er entschuldigte sich vielmals bei ihm.

»Macht nichts«, brummte der. »Das bin ich gewohnt.«

Bevor sie sich trennten, begleitete er Hatschi bis zur nächsten Straße. Er trampelte vor ihnen durch den Schnee und für den Esel war es ein Leichtes, ihm zu folgen.

»Das will ich auch für das Christkind tun, wenn es nötig ist«, brummte der Ochse. Er stapfte zurück zu seinem Stall, während Hatschi weiterritt.

»Himmel, war ich dumm!«, schimpfte er laut mit sich selbst. Und der Esel wackelte mit den Ohren, weil er derselben Meinung war.

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