Meine Oma fand immer eine Lösung – Willi Fährmann

Meine Oma fand immer eine Lösung

Ich schaute in Istanbul aus dem Fenster meines Hotels. Wunderbar funkelte das Wasser des Bosporus in der Morgensonne und viele kleine und einige große Schiffe pflügten ihre Spuren in das Wasser. Aber nicht dieses Schauspiel war es, das mich fesselte, sondern ein graues, unansehnliches Haus auf der anderen Straßenseite genau dem Hotel gegenüber zog meine Blicke an. Es hatte zehn Stockwerke oder mehr und hätte in seinem schmutzigen Kleid auch in jeder anderen Großstadt der Welt seinen Platz haben können. Aber dann öffnete sich im obersten Stockwerk gleich unter dem Flachdach ein Fenster und… Aber das alles muss von Anfang an erzählt werden. Und der Beginn dieser Geschichte liegt schon mehr als hundert Jahre zurück.

Das war zu der Zeit, in der meine Oma noch keine Oma gewesen ist. Sie war Mutter und hatte fünf Kinder. Damals war das eine eher kleine Kinderzahl. Die Familie Fangenburg zwei Häuser neben Omas Wohnung hatte elf Kinder und selbst dieser Kinderreichtum war in Omas jüngeren Jahren keine Seltenheit. Oma jedenfalls war der Meinung, dass die Mietwohnung, in der sie wohnten, zu klein wurde. Sie hörte sich überall nach einer größeren Wohnung um, aber die Wohnungsnot war auch vor hundert Jahren schon groß. Da kam sie auf den Gedanken, die Bäckersfrau Behrens zu bitten einen Aushang aufzuhängen. Sie hatte in sehr schöner Schrift auf ein Plakat gemalt: »Familie Lohgerber sucht neue Wohnung«. Und meine Oma hatte eine gestochen schöne Schrift.

Frau Krulle aus der Donnersteinstraße gefiel das sorgfältig geschriebene Plakat und sie dachte: Wer so eine saubere und ordentliche Schrift hat, der ist sicher auch ein sauberer und ordentlicher Mensch. Und weil in ihrem Hause gerade eine Wohnung frei geworden war, durfte meine Oma Tilla sich bei Frau Krulle vorstellen. Die Oma nahm den Opa Martin zur Verstärkung mit.

Bereitwillig führte Frau Krulle die Lohgerbers durch die leere Wohnung. Sie lag im ersten Stock und die vier Zimmer, die große Küche mitgezählt, waren hell und geräumig. Der Mietpreis von 18,50 Mark im Monat war zwar nicht ganz niedrig, aber Opa Martin sagte: »Ich verdiene 51 Pfennig in der Stunde. Wir werden es schon schaffen.«

Er streckte Frau Krulle die Hand entgegen. Hätte sie Opas Hand ergriffen und eingeschlagen, dann wäre alles abgemacht gewesen. Aber Frau Krulle zögerte. »Ist was?«, fragte Opa.

Frau Krulle druckste ein wenig herum und sagte schließlich: »Ich muss Ihnen noch was sagen, Frau Lohgerber, Herr Lohgerber. Ich kann nichts vertragen, was mit Tieren zu tun hat. Sie dürfen keinerlei Tiere im Haus halten.«

Das war für Oma und Opa keine gute Auskunft. Opa hätte so gern einen kleinen Hund gehabt oder Tauben auf dem Dachboden, und Oma träumte von einer gelb getigerten Katze und wäre vielleicht auch mit einem Kanarienvogel zufrieden gewesen. Aber Frau Krulle behauptete, ein Hund belle die ganze Nachbarschaft nervös, Tauben machten zu viel Dreck, eine Katze würde ihre Geschäfte im Hause verrichten und einen pestilenzartigen Gestank verbreiten, ja, selbst das Singen eines Kanarienvogels könne sie nicht aushalten.

Die Lohgerbers überlegten noch eine Weile, aber dann nahmen sie die Wohnung doch. Und das muss man der Frau Krulle lassen, mit den Kindern war sie keineswegs empfindlich. Die konnten im Hause herumtoben, ja, sogar mit ihren Schuhen vom Tisch auf den Holzfußboden springen, Topfdeckel gegeneinander schlagen und Musik machen, das alles störte Frau Krulle nicht.

Nur wenige Male im Jahr kam sie aus ihrer Erdgeschosswohnung in den ersten Stock, klopfte leise bei den Lohgerbers an und trat ein. Sie war weiß im Gesicht und flüsterte: »Frau Lohgerber, könnten die Kinder heute einmal ganz leise sein. Ich habe meine Migräne. Bei jedem Geräusch denke ich, mein Kopf platzt mir auseinander.«

»Aber selbstverständlich, Frau Krulle«, antwortete dann meine Oma. »Die Kinder werden mäuschenstill sein.«

Frau Krulle stöhnte auf und sagte: »Bitte, Frau Lohgerber, nichts mit Mäuschen. Ich kann gerade heute nichts vertragen, was mit Tieren zu tun hat.«

»Ach, richtig. Aber bei diesem Sauwetter…«

»Bitte, bitte, Frau Lohgerber, nichts mit Sau!«

»Na ja«, sagte die Oma, »ich wollte nur sagen, bei solchem Wetter fühlt man sich schnell hundeelend.«

»Schon wieder ein Tier«, klagte Frau Krulle. »Auch Hunde machen mich ganz krank.«

»Schon gut, schon gut, Frau Krulle. Morgen werden Sie sich bestimmt wieder pudelwohl fühlen.«

»Und noch ein Hund«, rief Frau Krulle und floh eilends aus Lohgerbers Küche. Die Oma hätte sie gern getröstet und Frau Krulle daran erinnert, dass sie doch eine Bärennatur habe und bald ihre Migräne vergessen haben würde, doch Frau Krulle lief wieselflink die Treppe hinab.

Und dann geschah es. Opa kam an einem Wintertag kurz vor Weihnachten von der Fabrik. Ein nasser Schneeregen fegte ihm ins Gesicht. Er hatte seinen Jackenkragen hochgeschlagen und die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen. Als er unter der Eisenbahnunterführung herging, hörte er mit einem Male ein jämmerliches Miauen. Er schaute empor und entdeckte eine Katze. Die hatte sich im Gestänge der Brücke verstiegen und konnte nicht vor und nicht zurück. Mein Opa stellte seine Ledertasche auf den Boden und stieg an einer rostigen Eisenleiter hoch, befreite die Katze und trug sie behutsam bis auf den Bürgersteig. Er sah, dass die Katze sehr schön war. Sie hatte ein seidenweiches, gelb getigertes Fell, Augen gelb wie Honig und einen strammen schneeweißen Schnurrbart. Opa beugte sich nieder und streichelte die Katze. Sie wurde ganz zutraulich und strich ihm um die Beine, ja, als er endlich seine Tasche wieder unter den Arm klemmte und sich auf den Weg machte, wich sie nicht von seiner Seite. An der Ecke zur Donnersteinstraße hin sagte Opa zu der Katze: »Du bist zwar ein herrliches Tier, Mieze, aber ich kann dich nicht mitnehmen. Die Frau Krulle…«

Doch dann ging es ihm so, wie es allen ergeht, die sich verlieben. Er wurde erfinderisch. Er dachte sich: Wenn ich die Katze unter meine dicke Jacke stecke, dann kann Frau Krulle das Tier nicht sehen. Und hören wird sie auch nichts, wenn ich die Katze erst in unserer Wohnung habe. »Nicht wahr, Mieze, du läufst auf Samtpfoten.« Die Katze maunzte leise, als ob sie ihn verstanden hätte. Der Opa knöpfte seine Jacke auf und legte die Katze an seine Männerbrust. Dann schloss er sorgfältig Knopf um Knopf. Der Katze schien das zu gefallen, denn sie fühlte sich offensichtlich behaglich und begann leise zu schnurren.

Der Oma gefiel es gar nicht, als sie sah, was ihr Mann da angeschleppt hatte. »Ich will keinen Streit mit Frau Krulle«, sagte sie.
»Niemand kann Katzentritte hören«, antwortete Opa.

»Und außerdem, willst du das arme Tier bei dem Wetter wieder auf die Straße jagen?«

Oma zuckte mit den Schultern, aber schüttete der Katze doch ein Schälchen voll mit Milch und stellte es ihr auf die Holzkiste neben dem Herd.

»Wir wollen sie Julia nennen«, sagte Opa.

Julia hatte die Milch noch nicht halb aufgeschleckt, da kam Frau Krulle in die Küche. Sie war so wütend, dass sie sogar das Anklopfen vergessen hatte.

»So etwas!«, rief sie empört. »Ein Tier in meinem Haus, eine Katze unter meinem Dach! Das ist doch…«

Oma versuchte sie zu beruhigen und versprach, dass sie die Julia dreimal am Tag aus dem Haus las¬sen wollte. Dann könnte die Katze ihre Geschäfte draußen verrichten und nichts würde im Haus zu riechen sein. Aber da kam sie bei Frau Krulle schlecht an. »Lauter Katzentatzen auf dem Fußboden im Flur!«, sagte sie und schüttelte den Kopf. Was Oma auch vorschlug, Frau Krulle bestand darauf, dass die Katze schleunigst wieder aus dem Haus müsse.

Oma machte einen letzten Versuch und sagte: »Frau Krulle, wenn ich nun die Katze dreimal am Tag aus dem Haus lasse und sie braucht dabei nicht durch Ihren Flur zu laufen, wäre das keine Lösung?«

»Dreimal am Tag und nicht durch den Flur?« Frau Krulle lachte ärgerlich, denn jeder wusste es, es gab nur einen einzigen Ausgang aus dem Haus, und der führte durch Frau Krulles Hausflur.

»Wenn Sie das schaffen, Frau Lohgerber, dann fallen Ostern und Weihnachten auf einen Tag. Dann können Sie meinetwegen die Katze behalten.« Sie schüttelte den Kopf und verließ die Wohnung.

Das war jener Augenblick, in dem meine Oma zur bedeutenden Erfinderin wurde. Sie setzte sich an den Küchentisch und schloss fest die Augen. Auch hielt sie sich mit den Händen die Ohren zu. Denn das weiß man ja, die großen Erfinder müssen nach innen schauen und auf die Stimmen in ihrem Kopfe hören. Als Opa sah, dass Oma auf der Erfinderstraße war, da hielt er sogar das Pendel der Küchenuhr an, weil die wirklichen Erfinder auch vom Ticken der Uhr gestört werden.

Mit einem Male riss die Oma die Augen auf, es sprühten richtige Funken daraus hervor, sie nahm die Hände von den Ohren, rannte in den Keller und kam wieder herauf mit einem kleinen Marktkorb und einer Wäscheleine. Die knotete sie an den Henkel des Korbes, legte ein Handtuch in den Korb und setzte die Julia vorsichtig hinein. Dann öffnete sie das Fenster zur Straße hin und ließ den Korb mit der Katze langsam hinab. Sie hatte den Katzenaufzug erfunden. Und das zu einer Zeit, als es in der Stadt noch nicht einmal einen Aufzug für Menschen gab. Doch die Sache hatte leider einen Haken. Die Katzen wussten damals noch nicht, dass ein Aufzug auch aufwärts fahren kann. Oma jedoch fand ganz schnell eine einfache Lösung. Sie zog den Korb empor und legte ein Stückchen Leberwurst hinein. Dann ließ sie ihn wieder auf die Straße hinab. Die Katze kam vorbei, schnupperte, roch die Wurst und sprang mit einem eleganten Satz in den Korb. Die Oma, nicht faul, zog die Katze im Korb und die Wurst in der Katze wieder in das Obergeschoss.

Oma brauchte den Trick mit der Wurst nur einmal zu machen, dann wusste die Julia schon Bescheid. Sie war schön und schlau. Und das kommt selbst bei den Menschen nur selten zusammen vor.

Meine Oma hat mir die Geschichte von der schönen Julia oft erzählt und doch hatte ich sie vergessen. Erst als ich in Istanbul sah, wie sich das Fenster im zehnten Stockwerk öffnete und eine Frau einen Korb an langer Schnur bis auf die Straße hinunterließ, da fiel es mir mit einem Male wieder ein: Meine Oma war die Erfinderin dieses Aufzugs. Nun hatte die Frau keine Katze im Korb, sondern ein Geldstück. Und unten wartete ein Bäcker, der ihr die frischen Brötchen in den Aufzug legte und das Geld herausnahm. Gern hätte ich der Frau zugerufen, dass meine Oma diese wunderbare Sache erfunden hatte, aber leider konnte ich die türkische Sprache nicht. Aber wer weiß, vielleicht wird diese Geschichte ja auch einmal ins Türkische übersetzt. Ich meine, damit man auch dort weiß, was meine Oma für eine tolle Frau gewesen ist.

Willi Fährmann: Geschichten machen stark – Zum lesen und Vorlesen für Kinder.
Würzburg: Arena Verlag 2002

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