Der Teddybär

Der Teddybär

Es schneite. Dicke Flocken wirbelten durch die Luft. Sie legten sich auf die Erde, bis alles weiß und zugedeckt war. Die Kinder klebten selbst gemachte Strohsterne an die Fensterscheiben und streuten den Vögeln Sonnenblumenkerne in die Futterhäuschen.

Der kleine Engel ritt immer noch durch den Wald. Lange Zeit begegnete ihm niemand, den er einladen konnte. Füchse, Dachse und Wiesel hielten ihren Winterschlaf, und die Rehe und Hirsche kamen nicht aus dem Gebüsch heraus.

Auf einmal wurde es hell zwischen den Stammen. Der Wald war zu Ende. Wo Haselnuss- und Himbeerstauden seinen Rand säumten, blieb der Esel stehen.

»Ach je, ach je, ach jemine!«, jammerte jemand im Gesträuch. »Was mach ich bloß? Ich geh tot! Bestimmt geh ich tot!« Erschrocken stieg Hatschi ab und ging der Stimme nach.

Unter den schneebeladenen Ästen hockte ein brauner Teddybär am Boden.

»Um Himmels willen!«, rief der kleine Engel erstaunt. »Was tust du denn da?«

»Der heilige Nikolaus hatte mir fest versprochen mich in diesem Jahr auf seine Reise mitzunehmen. Aber dann sauste er mit flatterndem Bart an mir vorbei, ohne auf mich zu warten. Eine Weile bin ich hinter ihm hergerannt. Doch auf einmal waren mir die Dornen im Weg. Sie haben meinen Pelz aufgerissen, und jetzt sägemehle ich.«

»Was tust du?«, fragte Hatschi verwundert.

»Ich sägemehle. Lebendige Wesen bluten, wenn sie sich verletzen, und Teddybären sägemehlen. Oje, gleich geh ich tot.«

»Wie schrecklich«, stöhnte der Engel und rang seine blaugefrorenen Händchen. »Kann ich denn gar nichts tun?« Die Wunde war ein langer Riss im Bauch. »Esel, weißt du einen Rat?«

»Ih – nein«, sagte der Esel. »Eigentlich nicht – oder vielleicht doch. Der Riss müsste wieder zugenäht werden.«

»Zugenäht? Was ist das?«, fragte Hatschi. Er verstand etwas von Fußball, aber vom Nähen verstand er nichts.

Doch der Esel wusste mehr darüber. Irgendwann einmal hatte er einem Schneider gehört.

»Zunähen tut man mit Nadel und Faden.«

»Was ist das, Nadel und Faden?«, fragte der kleine Engel.

»Ein Faden ist etwas Spinnwebdünnes und eine Nadel etwas Festes, Spitzes mit einer Öse. Da fädelt man ein und dann sticht man in den Stoff auf der einen Seite hinein und auf der anderen wieder hinaus. So kann man das Loch zusammenziehen.«

Da riss sich Hatschi ein Haar vom Kopf und zeigte es dem Esel. »Ist das dünn genug?«

»Es könnte reichen. Aber du hast keine Nadel.«

Doch da fiel Hatschi etwas ein. Er nahm ein Ende seines Haares in den Mund und machte es nass. Dann hielt er es in den kalten Winterwind. Das nasse Stück gefror und wurde so fest wie eine Nadel. Und damit nähte er den Riss schnell wieder zu.

Als er damit fertig war, betrachtete der Teddybär stolz die frische Naht. Wer hat schon einen mit echtem Engelshaar geflickten Pelz?

»In siebzehn Tagen feiert das Christkind Geburtstag«, sagte Hatschi beim Abschied. »Da bist du herzlich eingeladen. Aber bring etwas mit!«

»Ich bring mich selbst«, brummte der Teddybär. »Ist das genug?«

Der kleine Engel war damit zufrieden. Er kletterte auf den Rücken des Esels und ritt weiter.

»Tschüss!«, rief er noch. »Bis bald.«

Sigrid Heuck: Frohe Weihnachten, liebes Christkind!

Würzburg, Arena, 2004

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