Die Gaukler

gDieses Mal kamen sie in eine große Stadt. Wenn der Esel und Noahs Taube nicht gewesen wären, hätte sich der kleine Engel ganz verloren gefühlt. Es gab viele breite Prachtstraßen und ab und zu große Plätze, enge Gassen gab es, Geschäftsstraßen und einen Park mit vielen Bäumen. Die Auslagen in den Geschäften waren wunderbar geschmückt, denn in fünf Tagen war Weihnachten, und Weihnachten war der Geburtstag des Christkinds. Viele Leute bastelten und kauften Geschenke, backten Weihnachtsplätzchen und schmückten Tannenbäume. Deshalb hatten sie für niemanden Zeit. Nicht für den Bettler an der Ecke, nicht für die Straßenmusikanten, nicht für den kleinen Engel, den Esel oder Noahs Taube. Und sie hatten auch keine Zeit für drei arme Gaukler, die sich ihr Geld auf der Straße verdienten, indem sie die Fußgänger mit kleinen Kunststücken unterhielten.

Der eine war ein Trommler. Er hatte ein buntes Gewand aus lauter Flicken an. Wenn einer der anderen etwas Besonderes zeigte, schlug er einen Trommelwirbel.

Der andere war ein Purzelbaumschläger. Er purzelte vorwärts und rückwärts, sprang behend auf die Füße, schlug einen Salto und purzelte weiter.

Der dritte war ein Seiltänzer. Er spannte sein Seil von Laternenpfahl zu Laternenpfahl und spazierte darauf herum wie auf dem festen Boden.

Als Hatschi ihnen begegnete, waren sie gerade arbeitslos, weil niemand ihnen zusah. Da konnte der Trommler trommeln, der Purzelbaumschläger purzeln und der Seiltänzer tanzen, soviel sie wollten, niemand blieb stehen.

»Vor Weihnachten geben die Menschen ihre Groschen für andere Dinge aus«, klagte der Trommler und die anderen nickten dazu.

»Das ist mir auch schon aufgefallen«, sagte der kleine Engel.

»Vielleicht würden wir mehr beachtet, wenn uns etwas Besonderes einfiele, etwas Sensationelles, noch nie Dagewesenes?«, überlegte der Purzelbaumschläger.

»Vielleicht wäre ein lebendiger kleiner Engel das, was sie sehen wollen?«, schlug Hatschi vor.

»Das wäre sicher gut«, sagte der Seiltänzer. »Aber woher sollen wir einen lebendigen kleinen Engel nehmen?«

Da zog Hatschi seinen Kittel, die blauen Jeans und die Schuhe aus. »Vom Himmel«, antwortete er und stand in seinem weißen Hemdchen mitten auf der Straße und breitete

die Flügel aus.

Der Trommler schlug einen Trommelwirbel und der Purzelbaumschläger einen Purzelbaum. Dann brüllte der Seiltänzer: »Leute! Seht alle her! Hier ist ein echter kleiner Engel!«

Hatschi flatterte hoch. Er flog ein paar Kurven und Kreise und setzte sich dann auf eine Straßenlaterne.

Aber die Leute rannten weiter, ohne ihn sehr zu beachten.

»Ach was«, brummte ein alter Mann mürrisch. »Das ist auch wieder nur so ein Werbetrick. Darauf falle ich nicht mehr herein.«

Eine Frau fragte den Trommler: »Ist der aus Plastik?« Und eine andere: »Wo kann man den kaufen?«

Doch niemand kam auf den Gedanken, dass er wirklich einen kleinen Engel vor sich hatte.

Der Trommler sagte geduldig: »Nein, er ist nicht aus Plastik. Nein, den kann man nirgends kaufen. Nein, das ist kein Werbetrick.«

Doch die Leute hörten immer nur, dass er Nein sagte. Da dachten sie weiter nicht darüber nach, sondern gingen vorbei, ohne etwas zu geben.

Nur der Bettler an der Ecke, der alles beobachtet hatte, stand auf und humpelte zu ihnen herüber. Er nahm seinen Hut, in dem ein paar Groschen klimperten, und leerte ihn auf die Straße. Und während Hatschi seine Kleider wieder anzog, teilte der Bettler das Geld in fünf kleine Häufchen: eines für den kleinen Engel, eines für den Trommler, eines für den Purzelbaumschläger, eines für den Seiltänzer und eines für sich selbst.

»Da«, sagte er. »Viel ist es nicht, aber es reicht für uns alle.«

Hatschi bedankte sich herzlich bei ihm und er lud ihn und die drei Gaukler zum Geburtstagsfest des Christkinds ein.

»Führt ihm eure Kunststücke vor! Darüber freut es sich.«

Er verabschiedete sich und kletterte wieder auf den Rücken des Esels. Noahs Taube kam herbeigeflogen und setzte sich ihm auf die Schulter.

»Los geht’s!«, rief der Esel und trabte aus der Stadt heraus, ohne sich einmal umzusehen.

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