Wir verstehen uns blind

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An diesem Einkaufssamstag waren besonders viele Leute in die Fußgängerzone gekommen.

»Winterschlusverkauf! Alles um die Hälfte billiger!«, rief der Verkäufer und alle stürzten sich auf die Kleiderständer vor dem Geschäft.

»Winterschuhe fast geschenkt!«, rief der Schuhverkäufer auf der anderen Straßenseite. Gleich wühlten viele Hände in der Schuhtruhe. »Ich hab ihn zuerst gesehen«, rief ein junger Mann wütend und winkte mit dem linken Pelzstiefel, »geben Sie mir sofort den rechten Pelzstiefel!«

Die Leute rauften und stritten, rannten auf der Straße hin und her und suchten mit unruhigen Blicken nach Schnäppchen, die sie noch schnell vor den anderen kaufen könnten.

Niemand sah das kleine Mädchen, das neben der Telefonzelle stand und verzweifelt weinte.Plötzlich zuckte Katharina zusammen. Ein feuchtes Etwas hatte ihre rechte Hand berührt. Mit Tränen verschwommenen Augen sah Katharina einen großen Hund.
»Was ist mit dir passiert?«, fragte der junge Mann, der den Hund an einem Bügel festhielt.

»Ich habe meine Eltern verloren«, rief Katharina.

»Wenn du willst«, sagte der Mann, »helfe ich dir, sie zu suchen.«

»Danke«, sagte Katharina, »aber, … ich glaube nicht, dass du mir helfen kannst. Diese gelbe Schleife bedeutet doch, dass du blind bist. Wie kannst du da meine Eltern finden?«

»Ich habe ja auch dich gefunden«, sagte der Mann.

»Hm, das ist wirklich eigenartig«, überlegte Katharina, »keiner hat mich gesehen, nur du.«

»Die Leute sind wirklich blind«, lachte der Mann, »für mich und meinen Hund warst du nicht zu übersehen. Ich heiße übrigens Matthias.«

DSCF9621»Katharina«, stellte sich das Mädchen vor und griff nach der Hand, die Matthias ihr entgegenstreckte. Katharina erzählte ihm, dass sie ihre Eltern zuletzt bei den Markständen gesehen hatte, und so beschlossen sie dorthin zu gehen.

Katharina und Matthias hielten sich am Hundebügel fest, während sie die Fußgängerzone hinaufgingen.

»Schade, dass ich kein Foto von meinen Eltern dabei habe«, sagte Katharina, »das könnten wir deinem Hund zeigen, damit er weiß, wen er suchen muss.« Matthias lachte laut: »Cindy ist kein Polizeihund.«

»Aber woher weiß ein Blindenhund, wohin er gehen muss?«

»Cindy ist ein gut trainierter, braver und folgsamer Hund. Stadtpläne kann er aber nicht lesen. An einer Kreuzung muss ich normalerweise einen Passanten nach dem Weg fragen, Cindy weiß ihn nicht. Sie bleibt jedoch bei Gehsteigkanten, Stufen oder Ampeln stehen und sie führt mich auch um Hindernisse herum.

»Warum bist du eigentlich blind? Oder darf man das gar nicht fragen?«, sagte Katharina nach einiger Zeit.

»Natürlich darf man das fragen. Ich bin von Geburt an blind.«

»Das ist aber schlimm«, sagte Katharina, »wenn man nichts sieht, kann man ja gar nichts machen.«

»Was glaubst du, kann ich nicht machen?«, fragte Matthias.

»Na, zum Beispiel spielen. Ich spiele mit meinem Papa immer >Ich seh etwas, was du nicht siehst<.«

»… und das ist klein und schwarz«, sagte Matthias.

»Das Auto, die Tasche, das Plakat, der Schuh …«, riet Katharina.

Matthias schüttelte immer den Kopf. Schließlich gab Katharina auf. »Den krächzenden Raben dort oben auf dem Baum hast du wohl nicht gesehen«, sagte Matthias ein wenig stolz.

»Du siehst mit deinen Ohren wirklich mehr als ich mit meinen Augen«, meinte Katharina. »Jetzt bin ich dran.« Und so spielten sie »Ich höre etwas, was du nicht siehst«.

Als sie an einem Kino vorbeikamen, erzählte Katharina, dass sie mit ihrer großen Schwester schon einmal dort war. »Schade, dass du dir nie einen Film anschauen kannst.«

»Stimmt nicht, ich gehe gerne ins Kino und schau mir oft im Fernsehen einen Film an. Dumm ist nur, dass bei spannenden Szenen keiner der Schauspieler etwas sagt. Wenn man nur die Musik hört, weiß man gar nicht, was da passiert.«

»Wir können ja gerne einmal gemeinsam einen Film ansehen«, meinte Katharina.

Endlich hatten Katharina und Matthias den Markt erreicht. An einem Gemüsestand blieb Matthias kurz stehen und tastete die Tomaten mit den Fingern ab.

»Kann man eigentlich Farben riechen?«, fragte Katharina.

»Manchmal schon. Eine grüne Tomate riecht anders als eine reife rote. Und vor allem schmeckt sie anders. Die Farben von Gegenständen kann man nicht riechen, aber man kann sie fühlen. Ein weißes Auto wird in der Sonne weniger warm als ein schwarzes. Deshalb sind auch alle Kühlwagen weiß. Wer erst später erblindet ist, kann sich aber noch genau an die Farben erinnern«, sagte Matthias.

Er reichte dem Verkäufer sechs Äpfel und holte aus der Hose die Geldbörse. Dann zahlte er vier Euro und sechzig Cent, die der Verkäufer verlangte.

»Woher weißt du, wie viel du bezahlt hast?«, fragte Katharina.

»Die Münzen unterscheiden sich durch ihre Größe und ihren Rand. Die Geldscheine haben verschiedene Längen, die man mit einer Geldspange nachmessen kann.«

Obwohl sie den Markt mehrmals durchwanderten, fanden sie keine Spur von Katharinas Eltern. Sie setzten sich müde auf eine Bank und aßen ein paar Äpfel.

»Wo könnten deine Eltern noch sein?«, fragte Matthias.

Katharina überlegte. Dann hatte sie plötzlich eine Idee:

»Vielleicht im Sportgeschäft, dort wollte mein Vater Ski kaufen.«

Katharina und Matthias beschlossen ins Sportgeschäft zu gehen. Auf der Suche nach den Eltern kamen sie zu einer Ampel.

DSCF9632»Hörst du, wie die Ampel tickt?«, fragte Matthias. »Wenn sie langsam tickt, heißt das, die Ampel ist rot. Tickt sie schnell, so wie jetzt, kann man bei Grün über die Straße gehen.«

In der Skiabteilung des Sportgeschäfts fragte Katharina:

»Betreibst du auch Sport?«

»Ich jogge gerne, bin aber schon einmal in eine Straßenlaterne gerannt. Ohne meinen Hund und ohne Blindenstock ist das ein gefährlicher Sport. Im Winter fahre ich gerne Ski.«

»Und wie machst du das? Fährt Cindy auf Hundeskiern vor dir her?«

»Nein, aber das könnten wir vielleicht einmal ausprobieren«, lachte Matthias. »Hinter mir fährt immer ein Freund mit, der mir zuruft, wie ich fahren soll. Das klappt wunderbar und macht uns beiden großen Spaß.«

Katharina fragte den Verkäufer, ob er ihre Eltern gesehen hatte. Doch trotz genauer Beschreibung konnte sich der Verkäufer nicht an ihre Eltern erinnern.

Verzweifelt stand Katharina mit Matthias wieder auf der Straße.

»Was sollen wir nur tun?«, fragte Katharina und konnte die Tränen kaum unterdrücken.

»Die ersten Geschäfte schließen schon«, flüsterte Matthias, der das Klimpern der Schlüssel hörte. Er streckte seine Hand aus, griff nach seiner Armbanduhr und öffnete ihr Glas. Mit seinen Fingern befühlte er die Uhrzeiger. »Es ist schon achtzehn Uhr. Ich glaube, wir sollten zur Polizei gehen.«

Die beiden gingen in ein Internetcafe um zu fragen, wo sich die nächste Polizeistation befindet. Der Besitzer war sehr freundlich und erklärte ihnen den genauen Weg zur Polizeistation in der U-Bahn. Katharina beobachtete interessiert die Leute, die an den Computern arbeiteten.

»Kannst du auch im Internet surfen?«, fragte Katharina.

»Sicher, ich zeig dir schnell, wie es geht«, sagte Matthias, packte seinen Laptop aus dem Rucksack und steckte ihn an das Internet.

»Es gibt eigene Computerprogramme, die blinden Menschen vorlesen, was auf dem Bildschirm geschrieben steht.« Tatsächlich war plötzlich eine Computerstimme zu hören.
Katharina war vom Computer begeistert: »Was sind das für Punkte auf der Tastatur, die sich dauernd verändern?«

»Das ist eine Braillezeile. Damit können die Texte auch mit den Fingern in Blindenschrift gelesen werden.«

»Was ist eine Blindenschrift? Kann man damit auch Bücher lesen?«

»Ja, auch Blinde können lesen. Louis Braille erfand eine Schrift, die aus sechs fühlbaren Punkten besteht. Jeder Buchstabe entspricht einer anderen Anordnung von Punkten. Wer blind ist, liest nicht mit den Augen, sondern mit den Fingern.«

Als sie sich wieder auf den Weg machten, war es bereits dunkel geworden.

»Woher weißt du eigentlich, ob es Tag oder Nacht ist?«, fragte Katharina.

»Ich sehe es nicht, aber hören und fühlen kann ich es. Untertags wärmt der Sonnenschein. Wer bei Mondschein spaziert, spürt die nächtliche Kühle. Am Tag fahren Busse, laufen viele Menschen durch die Straßen. In der Nacht ist es ruhiger und im Sommer zirpen die Grillen.«

Katharina beobachtete, wie in den Häusern immer mehr Lichter angingen: »Lebst du bei dir zu Hause im Finstern oder schaltest du das Licht ein?«

»Ich schalte es schon ein, besonders wenn ich Besuch habe. In meiner Wohnung kenne ich mich aber perfekt aus, auch ohne Licht. Das hat Vorteile«, lächelte Matthias, »wenn ich in der Nacht aufs Klo muss, brauch ich nicht erst den Lichtschalter zu suchen.«

»Hier geht es zur Polizeistation!«, sagte Katharina und führte Matthias ums Eck.

In der Wachstube erklärte Katharina dann einer Polizistin, dass sie ihre Eltern verloren hatte. Die Polizistin seufzte tief:

»Gott sei Dank bist du hier. Wir haben dich schon gesucht! Deine Eltern haben sich große Sorgen gemacht.« Die Polizistin telefonierte. »Ich werde dich nach Hause bringen«, sagte sie.

»Matthias soll aber mitgehen«, sagte Katharina, »meine Eltern müssen ihn unbedingt kennen lernen.« Die Polizistin nickte. In der U-Bahn-Station stiegen die drei in den Lift.

»Schau«, rief Katharina und führte die Hand von Matthias zu den Knöpfen, »die Stockwerke sind auch mit Braillezeichen angeschrieben!« Am Bahnsteig entdeckte Katharina noch etwas Besonderes: Erhebungen im Boden.DSCF9642

»Das ist ein Blindenleitsystem«, meinte Matthias, »mit meinem Blindenstock finde ich dadurch den Weg von der Straße zur U-Bahn und wieder zurück.«

Sie fuhren einige Stationen mit der U-Bahn. Dann erkannte Katharina plötzlich den Weg wieder. Die Polizistin läutete an der Wohnungstür. Die Eltern öffneten mit verweinten Augen.

»Katharina! Wo bist du gewesen? Auf einmal warst du weg. Wir haben dich stundenlang gesucht!« Katharinas Eltern umarmten ihre Tochter. Dann sahen sie Matthias und Cindy.

»Wir haben euch auch gesucht«, sagte Katharina, »das ist mein Freund Matthias, er ist blind und hat einen sprechenden Computer und einen Hund, der die Straßenkarte liest.«

»Wirklich?«, fragten ihre Eltern. Katharina zwickte Matthias in die Hand. »Na klar. Ich muss euch so viel erzählen …«

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