Jungen/Mädchen

 

jm

Maedchen-Jungen

Mädchen 

Ich heiße Ute und finde Autos toll. Bei uns in der Straße ist eine Werkstatt. Dort gehe ich nachmittags oft hin und gucke zu, wie kaputte Wagen repariert werden. Zuerst haben die Mechaniker über mich gelacht.

„Na, kleines Mädchen”, haben sie gesagt, „willst du nicht lieber mit Puppen spielen?”

Jetzt kennen sie mich und lachen nicht mehr. Im Gegenteil, sie erklären mir alles: wie der Motor arbeitet, was Kolbenfraß ist und warum die Bremse bremst.

Ich weiß schon ziemlich genau, wie ein Auto funktioniert, wie man einen Reifen wechselt und den Ölstand prüft. In der Werkstatt helfen, das macht mir Spaß. Am liebsten möchte ich später Automechaniker werden.

Meine Mutter schüttelt den Kopf, wenn sie das hört.

„Ein Mädchen und Automechaniker! So eine Schnapsidee!”

Dabei weiß sie ganz genau, dass ich etwas von Autos verstehe. Einmal hatten wir nämlich unterwegs einen Platten. Wir waren beide allein, meine Mutter und ich, und sie war ganz verzweifelt.

„Was sollen wir bloß tun?”, hat sie gejammert. „Hoffentlich kommt ein Mann vorbei und hilft uns!”

Da bin ich ausgestiegen und habe das Warndreieck aufgestellt. Und dann habe ich ihr gezeigt, wie das Rad gewechselt wird. Allein konnte ich es nicht, weil ich noch nicht stark genug bin. Aber zu zweit haben wir es geschafft. Wir mussten nur noch bei der nächsten Tankstelle die Schrauben nachziehen lassen.

„Ist ja toll, was du kannst!”, hat meine Mutter gestaunt. Sie hat mir ein großes Eis gekauft und ich musste ihr gleich noch den Motor erklären. Aber Automechaniker soll ich trotzdem nicht werden. „Das ist nichts für Frauen”, behauptet sie und mein Vater und meine Oma sagen das auch.

Komisch: So viele Männer arbeiten als Koch. Darüber wundert sich niemand. Aber wenn ein Mädchen Motoren reparieren will, dann sagen alle: Die spinnt. Ehrlich, das verstehe ich nicht. Ich mag Autos. Und ich werde Automechaniker. Ganz bestimmt!

Jungen

Mutters Geburtstag rückte immer näher, aber Klaus wusste noch kein Geburtstagsgeschenk. Schließlich fragte er Ulrike. „Kannst du mir nichts sagen?”
„Hm, ich sticke Mutti ein Deckchen”, antwortete Ulrike achselzuckend, und dann fügte sie lachend hinzu: „Du kannst ihr ja Topflappen häkeln.”
„Ha? Du spinnst wohl!”, rief Klaus. „Das ist doch Mädchensache!”
„Sieh da”, entgegnete Ulrike. „Alles, wovon ihr Jungen nichts versteht, nennt ihr Mädchensache, typisch! Ihr häkelt ja nur keine Topflappen, weil ihr das nicht könnt. Weil ihr zu dumm dazu seid, jawohl!”
Oder hatte Ulrike sogar >zu doof< gesagt? Klaus ärgerte sich jedenfalls. „Als ob ich keine Topflappen häkeln könnte!”, sagte er.
„Versuch’s doch”, meinte Ulrike. „Ich glaube allerdings, das ist verlorene Mühe, du hast ja doch zwei linke Hände.”
Das wollte Klaus nicht auf sich sitzen lassen. Wieso sollte er eigentlich nicht häkeln können? Nur weil er ein Junge war? Schließlich sind die Schneider auch Männer.
„Na, jetzt gibst du auf, was?”, stichelte Ulrike. Aber sie hatte sich geirrt. Den Triumph gönnte Klaus ihr nicht.
„Abgemacht”, sagte er. „Du zeigst mir das Häkeln und ich mache Mutti Topflappen. Warum schließlich nicht?”
Ulrike sah ihn erstaunt an. Aber Klaus meinte es ernst und so musste sie ihm das Häkeln zeigen. Und tatsächlich, es klappte, langsam zwar, aber immerhin.
„Von wegen zwei linke Hände!”, meinte Klaus am Schluss stolz. „Hast du schon einmal so prima Topflappen gesehen?”
Als Klaus sein Geburtstagsgeschenk überreichte, musste sich seine Mutter vor Staunen erst einmal hinsetzen.
„Du hast das gemacht?”, fragte sie verblüfft. „Das sind ja ganz prächtige Topflappen! Ich wusste gar nicht, dass ich einen so tüchtigen Sohn habe! Vielen, vielen Dank!”

G. Schütz

Karin Schupp (Hrsg.): 200 kurze Geschichten.
Lahr: Kaufmann, 1999

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