Der König von Opalistan

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Der Himmel war blau und der kleine Engel fröhlich.

Der König von Rubinistan hatte ihm die Trillerpfeife geschenkt und so trillerte er vor sich hin. So laut trillerte er, dass sich Noahs Taube manchmal mit den Flügeln die Ohren zuhielt. Sie hatte ein empfindliches Gehör. Der Esel trabte mit gespitzten Ohren. Es war warm und ringsum blühten die schönsten Kakteen.

Sie näherten sich dem Land des Königs von Opalistan.

Der König von Opalistan war schwarz und unermesslich reich. In jedem Weihnachtsplätzchen, das auf der Welt gebacken wurde, befanden sich seine Gewürze: Zimt und Anis, Ingwer, Muskatnuss, Nelken und Vanille. Fast alle wuchsen auf seinen Feldern und die, die nicht dort wuchsen, kaufte er und verkaufte sie wieder. Eigentlich war er nur im Nebenberuf König. Im Hauptberuf war er ein berühmter Gewürzhändler.

Seine Karawanen brachten die Gewürzsäcke in alle Häfen und von dort beförderten seine Schiffe sie weiter.

Sein Palast war der prächtigste von allen. Er war aus mit Silberstaub durchsetzter Erde gebaut, Opale und Diamanten umrahmten die Fenster. Der kleine Engel musste zwinkern, so blendete ihn alles.

Obwohl der König von Opalistan sehr beschäftigt war, nahm er Hatschi, den Esel und Noahs Taube freundlich auf.

»Ich reite gerade auf die Jagd«, sagte er. »Begleitet ihr mich?«

Und weil der Engel von der Jagd nichts verstand, war er gleich einverstanden.

Der König bestieg ein prächtig aufgezäumtes Kamel. Seine Waffenträger ritten Pferde.

Sie ritten hinaus und der kleine Engel auf seinem Esel hielt sich dicht an der Seite des Königs. Noahs Taube hockte auf seiner Schulter.

Sie erreichten eine Wasserstelle, an der gerade ein wilder Elefant seinen Durst löschte.

»Gib mir einen Speer!«, befahl der König einem seiner Begleiter. Er packte die Waffe und holte aus, um sie gegen den Elefanten zu schleudern.

»Was hast du vor?«, schrie der kleine Engel erschrocken.

Noahs Taube flatterte auf und versteckte sich hinter dem nächsten Busch.

»Ich will ihn töten«, erklärte der König.

»Und warum?«

»Er hat so schöne Zähne.«

»Wozu brauchst du seine Zähne?«

»Meine Hofbildhauer schnitzen daraus die schönsten Bilder.«

»Und für was brauchst du schöne Bilder?«

»Um sie dem Christkind zu bringen. Es hat demnächst Geburtstag. Da will ich es besuchen«, sagte der König. Er hatte ein so gutes Gedächtnis, dass er den Geburtstag des Christkinds immer im Kopf behielt.

»Meinst du, das Christkind freut sich über Bilder aus Zähnen?«, fragte Hatschi.

»Warum nicht?«

»Weil es selbst Zähne hat. Über Zähne von toten Tieren freut es sich bestimmt nicht. Du hast sicher noch andere Geschenke, die du ihm mitbringen kannst?«

»Natürlich«, antwortete der König. »Edelsteine und kostbare Stoffe.«

»Ich bin sicher, dass das als Mitbringsel genügt«, sagte der kleine Engel, und Noahs Taube flog gurrend auf ihren Platz auf seiner Schulter zurück, weil sie der gleichen Meinung war.

Da ließ der König von Opalistan den Elefanten laufen. Zum Dank dafür brachte ihm Hatschi alle Weihnachtslieder bei, die ihm gerade einfielen: »Vom Himmel hoch, da komm ich her«, »Ihr Kinderlein, kommet« und »Süßer die Glocken nie klingen«.

Und als der König die Melodien auswendig konnte, sang der kleine Engel die zweite Stimme dazu. So ritten sie über das Land und sangen »Leise rieselt der Schnee«, bis es für Hatschi Zeit wurde, sich zu verabschieden.

Er lenkte den Esel nach rechts, während der König von Opalistan mit seinem Gefolge geradeaus weiterritt.

»Auf Wiedersehen in einer Woche!«, rief der kleine Engel ihm zu.

»Bis in einer Woche!«, rief der König zurück. »Ich freue mich schon sehr.«

 

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