Küssen ist doof

Küssen ist doof

Es ist Wochenende, und beim Frühstück machen es sich Tim und Papa richtig gemütlich. Mit Tischdecke, Kakao, Brötchen, Marmelade, Wurst und Käse! Weil Wochenende ist, darf Tim so viel Schokocreme essen, wie er will.
»Lecker«, sagt er glücklich.
»Morgen kommt Tante Ulla«, erzählt Papa.
»Oh nein!«, ruft Tim und lässt sein Brötchen fallen. »Ich verstecke mich, damit sie mich nicht findet.«
Tim krabbelt schon mal unter den Tisch, um zu gucken, ob die Tischdecke ihn auch gut versteckt. Da krabbelt Papa zu ihm unter den Tisch.
»Tante Ulla ist doch ganz nett«, sagt er.
»Ja, schon«, sagt Tim. »Aber die küsst mich immer ab. Das mag ich nicht. Und ihr Lippenstift ist so klebrig!« Tim schüttelt sich.
»Da hast du recht. Das ist nicht schön«, meint Tims Papa und setzt sich wieder auf seinen Stuhl.
»Ich verstecke mich und komme erst wieder heraus, wenn Tante Ulla weg ist«, ruft Tim. »Dann muss ich auch nicht ihre blöde Torte essen. Davon wird mir immer schlecht.«
»So schlimm ist Tante Ulla nun auch nicht«, meint Papa. »Sie hat dich sehr lieb.«
Tim krabbelt wieder unter dem Tisch hervor. Er überlegt. »Ich hab sie auch ganz lieb. Aber nicht den Lippenstift und die Torte auch nicht.«
»Ich habe eine Idee«, sagt Papa da. »Was wäre, wenn Tante Ulla dich nie wieder küsst und du nie wieder ihre Torte essen musst?«
»Dann ist Tante Ulla meine allerliebste Lieblingstante«, antwortet Tim. »Mit ihr macht es am allermeisten Spaß, Feuerwehr zu spielen. Außerdem kennt sie die besten Lügengeschichten.«
Papa lacht. »Bessere als meine?«
Tim grinst und nickt. Dann fragt er: »Was soll ich denn machen, damit Tante Ulla mich nicht mehr küsst?«
»Das ist nicht einfach«, meint Papa und gießt sich noch etwas Kaffee ein.
»Nun sag schon, Papa«, drängelt er.
»Wenn Tante Ulla morgen klingelt«, sagt Papa, »dann machst du die Tür auf und sagst nein, wenn sie dich küssen will.«
»Das kann ich nicht«, meint Tim. »Ich will nicht, dass Tante Ulla traurig ist.«
»Sie ist aber noch trauriger, wenn du dich versteckst«, meint Papa. »Du musst versuchen, ganz lieb nein zu sagen, dann ist Tante Ulla bestimmt nicht traurig.«
Tim sitzt ganz ruhig auf seinem Stuhl und überlegt. Dann steht er plötzlich auf: »Das mache ich.«
Papa klopft ihm anerkennend auf die Schulter.
»Ich will morgen unbedingt mit Tante Ulla Feuerwehr spielen, und mein neues Dinosaurierbuch will ich ihr auch zeigen.«
»Du schaffst das«, meint Papa und schlägt die Zeitung auf. Tim nickt, jetzt freut er sich richtig auf morgen. Weiterlesen

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Der grüne Omnibus

Anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens
an die Opfer des Holocaust

Der grüne Omnibus

Theo Stemmler

Die Tage wurden kürzer, und obwohl die Mittagstemperaturen in jenem warmen September 1944 manchmal noch 25 Grad erreichten, gingen die Leute aus Waldau nicht mehr zum Dorfweiher, um dort zu baden. Die Erwachsenen brachten die Ernte ein, die Kinder gingen vormittags zur Schule und waren nachmittags mit Hausaufgaben beschäftigt — oder mit dem Einkaufen von Dingen, die ihnen ihre Mütter auf Zetteln notiert hatten.

Karl nahm sich für den Heimweg vom Fleischer viel Zeit. Er genoß die Freiheit vor dem erneuten Beginn der häuslichen Verwahrung. Trotzig ließ er das Einkaufsnetz, in dem ein Pfund Schweineleber schwappte, über die staubige Straße schleifen, verscheuchte einige Hühner, die ihm in die Quere kamen, und trat mit seinen genagelten Schuhen nach jedem erreichbaren Stein, dass Funken sprühten.

Gelegentlich blieb er stehen und wartete eine Weile, bis sich genügend Speichel in seinem Mund gesammelt hatte. Dann nahm er breitbeinig Aufstellung und ließ den schaumigen Riesentropfen in den Staub fallen. Der beim Aufschlag entstehende Knall bestätigte ihm zu seiner Freude immer wieder das Verbotswidrige seines Tuns. Spucken gehört sich nicht, und nimm gefälligst die Hand aus der Hosentasche. Weiterlesen

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Einbruch am Heiligen Abend

«Du traust dich nicht, du traust dich nicht …»

«Natürlich traue ich mich!», entgegnete Max scharf. Was war denn schon dabei? Wenn die alte Frau wirklich fast taub war, wie seine neuen Kumpel meinten, dann würde sie nicht hören, wie er durch das gekippte Fenster an der Seite des Hauses griff und den Engel von der Fensterbank nahm. Er müsste nur warten, bis die Alte auf das Klingeln seiner Kumpel hin die Haustür öffnen würde, dann blieb ihm genug Zeit zum Handeln.

«Dann mal los!», befahl Roco, der Anführer der Jungs. Max atmete tief durch. Eigentlich fand er es albern, einen Engel zu stehlen – wozu sollte das denn gut sein? Aber wenn die Gruppe ihn sonst nicht aufnahm…

Unauffällig schlenderte er an der Seite des kleinen Häuschens entlang bis zu dem gekippten Fenster. Dort stand der goldene Engel, eine Harfe in einer Hand und den Mund geöffnet, so, als singe er gerade ein Lied, das nur er hören konnte. Aus der Nähe betrachtet, war der Engel nicht mal schön – er hatte viele Schrammen, die goldene Farbe war stumpf und an manchen Stellen abgeblättert.

Max hörte, wie es an der Haustür klingelte. Er wusste nicht, welche Geschichte sich Roco ausgedacht hatte und wie viel Zeit ihm blieb. Daher griff er sofort, als er die Stimme der alten Frau hörte, die die Haustür geöffnet hatte und nun mit Roco sprach, durch das gekippte Fenster nach dem Engel. Doch er hatte sich verschätzt, er konnte die Figur nicht mal mit den Fingerspitzen berühren. Hastig zog er Weiterlesen

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Risiko für Weihnachtsmänner

Sie hatten schnellen Nebenverdienst versprochen, und ich ging hin in ihr Büro und stellte mich vor. Das Büro war in einer Kneipe, hinter einer beschlagenen Glasvitrine, in der kalte Frikadellen lagen, Heringsfilets mit grau angelaufenen Zwiebelringen, Drops und sanft leuchtende Gurken in Gläsern. Hier stand der Tisch, an dem Mulka saß, neben ihm eine magere, rauchende Sekretärin: alles war notdürftig eingerichtet in der Ecke, dem schnellen Nebenverdienst angemessen. Mulka hatte einen großen Stadtplan vor sich ausgebreitet, einen breiten Zimmermannsbleistift in der Hand, und ich sah, wie er Kreise in die Stadt hineinmalte, energische Rechtecke, die er nach hastiger Überleg und durchkreuzte: großzügige Generalstabsarbeit.

Mulkas Büro, das in einer Annonce schnellen Nebenverdienst versprochen hatte, vermittelte Weihnachtsmänner; überall in der Stadt, wo der Freudenbringer, der himmlische Onkel im roten Mantel fehlte, dirigierte er einen hin. Er lieferte den flockigen Bart, die rotgefrorene, mild grinsende Maske; Mantel stellte er, Stiefel und einen Kleinbus, mit dem die himmlischen Onkel in die Häuser gefahren wurden, in die > Einsatzgebiete<, wie Mulka sagte: die Freude war straft organisiert.

Die magere Sekretärin blickte mich an, blickte auf meine künstliche Nase, die sie mir nach der Verwundung angenäht hatten, und dann tippte sie meinen Namen, meine Adresse, während sie von einer kalten Weiterlesen

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Der angekettete Elefant

Als ich ein kleiner Junge war, war ich vollkommen vom Zirkus fasziniert, und am meisten gefielen mir die Tiere. Vor allem hat es mir der Elefant angetan. Wie ich später erfuhr, ist er das Lieblingstier vieler Kinder. Während der Zirkusvorstellung stellte das riesige Tier sein ungeheures Gewicht, seine eindrucksvolle Größe und seine Kraft zur Schau. Nach der Vorstellung aber und auch der Zeit bis kurz vor seinem Auftritt blieb der Elefant immer am Fuß an einem kleinen Pflock angekettet. Der Pflock war allerdings nicht weiter als ein winziges Stück Holz, das kaum ein paar Zentimeter tief in der Erde steckte. Und obwohl die Kette mächtig und schwer war, stand für mich außer Zweifel, dass ein Tier, dass die Kraft hatte, einen Baum mitsamt der Wurzel auszureißen, sich mit Leichtigkeit von einem solchen Pflock befreien und fliehen konnte. Dieses Rätsel beschäftigt mich bis heute.

Was hält ihn zurück? Warum Weiterlesen

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Bruder Jan

 Mein Bruder Jan ist Schwester. Eigentlich ist er Zivi. Er macht seinen Zivildienst und arbeitet in einem Krankenhaus wie eine Krankenschwester. Er bringt den Patienten das Essen, füttert die Schwerkranken, die nicht allein essen können, macht die Betten, wäscht die Kranken, gibt auch mal eine Spritze und >schwenkt die Nachttöpfe<, wie er sich ausdrückt.

Am liebsten unterhält er sich mit den Patienten. Die freuen sich natürlich, denn meistens haben die Schwestern dazu keine Zeit. Jan ist, glaube ich, sehr beliebt bei den Kranken und auch bei den Schwestern. Alle sagen Jan zu ihm, auch die Patienten. Eigentlich müssten sie ihn doch Bruder Jan nennen, denn die Schwestern heißen Schwester Brigitte, Schwester Helga oder Schwester Annemarie.

Jan sagt nie >Oma< und >du< zu den alten Patientinnen, sondern spricht sie mit ihrem Namen an und sagt> Sie<.

„Ich habe eine eigene liebe Oma”, sagt er, „und alte Leute muss man höflich behandeln, gerade wenn sie krank und hilfsbedürftig sind.“

Eine alte Frau möchte immer, dass er den Arm um sie legt, sie stützt und füttert. Eigentlich könnte sie noch allein essen, aber in seiner Gesellschaft macht es ihr mehr Spaß. Wenn er Zeit hat, hilft er ihr gern. Dann strahlt sie ihn an.

Eine andere Patientin, die manchmal ein bisschen wirr im Kopf ist, ruft immer laut nach ihm. „Jan, Jan!“, schallt es durch die Gänge. Überall auf der Station kann man das Rufen hören und alle ziehen Jan mit seiner Verehrerin auf.

Am Wochenende ist Jan zu Hause und erzählt von der alten Frau, die ihn immer ruft. Ich sage:„Vielleicht hat sie am Montag deinen Namen wieder vergessen.“

Aber am Montag hat die Kranke Jans Namen nicht vergessen und ruft weiter nach ihm.

 

Antje Burger

Karin Schupp (Hrsg.): 200 Kurze Geschichten.

Lahr: Kaufmann 1999

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Alptraum – Gudrun Pausewang

Alptraum

So was hab ich kürzlich geträumt: Ich war im Ausland. Es muss ein afrikanisches Land gewesen sein, denn die Leute dort waren Schwarze. Wir waren die einzigen Weißen, wo immer wir uns auch aufhielten.
So ein Traum wäre nichts Besonderes. Nicht wert, erwähnt zu werden. Ich hab schon oft geträumt, ganz allein zwischen Eskimos, Indianern oder Chinesen zu sein. Anregende Träume. Oft sogar aufregende Träume, schön abenteuerlich.
Aber dieser Traum zwischen den Schwarzen war ganz anders. Ein Angsttraum! Denn wir – meine Eltern, mein Bruder Michael und ich – waren dort nicht als Touristen, sondern als Asylbewerber!
Ich weiß nicht, weshalb wir in diesem Traum aus Deutschland hatten flüchten müssen. Krieg? Hunger? Eine zweite Hitlerzeit? Jedenfalls waren wir auf der Flucht und suchten in diesem Land der Schwarzen Schutz. Ich fühlte es ganz deutlich: Wir waren Bittsteller.
Und genau so wurden wir auch behandelt. Schließlich hatten wir ja unser Haus und unser Auto nicht bei uns, nicht mal unser Geld. Wir waren arm. Als Mutti auf der Post Weiterlesen

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