Ein Zuhause für Charley

 

 

An jenem Abend schneite es und Charley wollte, dass ich ihn den Arm nehme.

Darum trug ich ihn den ganzen Heimweg.

Ich hatte ihn in meine alte, weiche, blaue Babydecke gewickelt. Er war neu bei uns und ich passte genau auf, wo ich hintrat, damit ich nicht im Schnee ausrutschte. Gleichzeitig dachte ich über den Namen nach, den ich für ihn ausgesucht hatte. Charley. Charley Andersen. Ich heiße Henry. Henry Andersen.

»Hier ist dein Zuhause«, erklärte ich Charley bei unserer Ankunft und zeigte ihm alle Zimmer, auch mein eigenes.

Ich zeigte ihm mein Bett und den Platz, an dem meine Mutter die Geschenke am Tag vor meinem Geburtstag versteckt. »Dies ist dein Zuhause, Charley.« Das wiederholte ich mehrmals, damit Charley wusste, dass er daheim war.

Meine Mama und mein Papa sagten klipp und klar, wer mit Charley Gassi gehen würde. (Dafür sei ich zuständig, sagten sie, und ich konnte es kaum erwarten, mit Charley tagein, tagaus Gassi zu gehen.) Sie sagten klipp und klar, wer ihn füttern würde. (Dafür sei ich zuständig, sagten sie, und ich konnte es kaum erwarten, Charley tagein, tagaus Gassi zu füttern.)

Sie sagten auch klipp und klar, wo Charley schlafen würde. (Charley würde in der Küche schlafen, sagten sie, und ich stellte mir Charley vor: tagein, tagaus nachts allein in der Küche.)

»Charley möchte in meinem Zimmer schlafen«, sagte ich.

»Charley wird in der Küche schlafen«, sagten sie.

Wir richteten Charley in der Küche ein Nachtlager her, unterm Tisch, wo es warm ist, und ich legte Charley meinen alten Teddy Bobo aufs Kissen. Dabei erinnerte ich mich, dass ich früher jeden Abend neben Bobo eingeschlafen war. Meinen kleinen roten Wecker legte ich zwischen die beiden — tick-tack-tick-tack — wie das Pochen eines kleinen Herzens in der Dunkelheit.

Charley rollte sich wie eine Kugel zusammen. Ich legte den Kopf neben ihn und wartete darauf, dass er einschlief. Dabei erinnerte ich mich, wie meine Mama und mein Papa manchmal gewartet hatten, bis ich einschlief — und kurz darauf schlief Charley tatsächlich ein. Beim Atmen stieß er ein leises Geräusch aus, das mich ganz schläfrig machte.

Ich ging nach oben in mein Zimmer, setzte mich in mein Bett und schaute durchs Fenster den Schneeflocken zu, die sich auf die Stadt, den Park und die Bäume legten. Dabei malte ich mir aus, wie ich mit Charley im verschneiten Park spielen würde.

*

Mitten in der Nacht ertönte ein Jaulen und jeder wusste sofort, dass es Charley war.

»Nicht jaulen, Charley! Nicht jaulen!«

Ich rannte in die Küche, nahm ihn auf den Arm und drückte ihn fest an mich.

Er zitterte.

Wir wanderten langsam durchs Haus und ich zeigte ihm noch einmal mein Zimmer und mein Bett. Ich zeigte ihm meine Eltern, die fest schliefen, und hielt Charley dicht an mich gedrückt.

Nach einer Weile legte ich Charley auf sein Nachtlager, kraulte ihm den Bauch und Charley lächelte, so wie jemand lächelt, dem man sagt: »Hey, lass uns für immer Freunde sein!«

Ich streichelte ihm den Rücken und die weiche Stelle hinter den Ohren. Er war sehr, sehr müde.

Das Mondlicht erhellte die nächtliche Küche und warf seinen Schein direkt auf Charley.

»Nacht, Charley«, sagte ich. »Nacht, mein kleiner Charley.«

Eine ganze Weile später hörte ich Charley erneut heulen. Ich fuhr aus dem Schlaf und sauste zu ihm.

»Nicht jaulen, Charley! Nicht jaulen!«

Ich hob ihn hoch und hielt ihn fest im Arm. Er zitterte. Ich zeigte ihm, wie der Mond in die nächtliche Küche schien.

»Das macht der Mond extra für dich«, sagte ich. Er leckte meine Nase ab. Das kitzelte.

Wir wanderten abermals durchs Haus und ich zeigte ihm noch einmal mein Zimmer. Charley wollte, dass ich ihn aufs Bett hob. Darum setzte ich ihn auf die Bettdecke und dabei fiel mir ein, dass meine Mama und mein Papa klipp und klar gesagt hatten, wo Charley nicht schlafen sollte.

Charley wollte, dass ich mich zu ihm lege. Also legte ich mich neben ihn aufs Bett und wir schauten uns in die Augen. Charley hat braune Augen und meine sind grün. Ich sagte, wenn er Lust hätte, könnten wir beste Freunde sein, und Charley schaute mir in die Augen und ich in seine. »Ich hab dich lieb, mein kleiner Charley«, sagte ich zu ihm.

Eigentlich wollten wir gar nicht schlafen, aber wir nickten beide auf meinem Bett ein…

…und genau so haben wir Charleys erste Nacht verbracht.

Amy Hest

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