Der heilige Nikolaus

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»Heute ist der sechste Dezember«, sagte der kleine Engel. Sie durchquerten gerade einen großen Wald. »Der heilige Nikolaus muss geweckt werden. Die Kinder warten auf ihn.«

»I-ja!«, antwortete der Esel. Mehr hatte er nicht zu sagen. Er war ein Morgenmuffel.

»Aber erst müssen wir ihn finden«, fuhr Hatschi fort. »Wer weiß schon, wo er wohnt?«

»Ich«, zwitscherte eine Kohlmeise. Sie saß auf einem Baum, unter dessen Zweigen der Esel gerade durchschlurfte. »Ich weiß, wo er wohnt.«

»Dann bring uns zu ihm!«, bat Hatschi sie.

»Gern.«

Die Kohlmeise flatterte vor ihnen her und führte sie zu der Einsiedelei mitten in dem großen Wald.

Der heilige Nikolaus schlief tief und fest. Er war schon ziemlich alt. Sein Leben war anstrengend gewesen und deshalb war er oft sehr müde.

Behutsam klopfte Hatschi an seine Tür.

»Heiliger Nikolaus!«, rief er. »Es ist Zeit für dich aufzustehen! Die Kinder warten.«

Doch der heilige Nikolaus hörte ihn nicht.

»Lass mich mal!«, sagte der Esel. Er holte tief Luft und schrie, so laut er konnte: »Hü-ah! Aufstehn! Aufstehn!«

Aber der heilige Nikolaus wälzte sieh in seinem Bett auf die andere Seite und schnarchte weiter.

»Um Himmels willen!«, jammerte Hatschi verzweifelt. »Die Sonne steht schon hoch. Wenn sie untergeht, muss er unterwegs sein, und vorher hat er noch viel zu besorgen.«

Über den Gedanken an die vielen traurigen Kinder, die alle vergeblich auf den Nikolaus warten würden, begann Hatschi zu weinen. Er schluchzte und schniefte vor sich hin und seine Tränen sammelten sich in einer Pfütze vor seinen Füßen.

Glücklicherweise schwebte gerade die Wolke über dem Wald, auf der die anderen kleinen Engel Fußball spielten.

»Abseits!«, schrie einer. Dann blieb er plötzlich stehen und horchte. War da nicht ein Weinen in der Luft? Das Weinen eines kleinen Engels? Die Stimme kam ihm bekannt vor. Weil aber fast alle ihm bekannten kleinen Engel gerade mit ihm Fußball spielten, schloss er daraus, dass es nur die  Stimme Hatschis sein konnte, der  vom heiligen Petrus auf  die Erde geschickt  worden war.

»Stopp!«, schrie der kleine Engel auf der Wolke. »Halbzeit!«

»Wieso?« – »Warum?« – »Stimmt doch gar nicht«, riefen die anderen durcheinander.

Doch da war der Schreier schon davongeflattert. Er flog auf direktem Weg zum heiligen Petrus, in der Luftlinie sozusagen. »Hatschi weint!«, keuchte er atemlos, als er vor dem großen Steinpult angekommen war. Da holte der heilige Petrus sein Fernrohr heraus und sah auf die Erde.

»Ach ja!«, seufzte er bekümmert. »Der heilige Nikolaus verschlaft gerade den sechsten Dezember!« Und weil er ein einfallsreicher Mann und unter anderem auch für das Wetter zuständig war, fiel ihm nichts Besseres ein, als es regnen zu lassen. Es regnete über dem Wald und Hatschi kauerte sich frierend in den Eingang.

Zufällig war das Dach der Einsiedelei schon lange reparaturbedürftig. Der Regen sickerte durch die Schindeln, rann auf den Dachboden und tropfte in die Schlafkammer, dem heiligen Nikolaus gerade auf die Nase. Zuerst wischte der ein paar Mal, als wollte er eine Fliege verscheuchen. Dann fuhr er hoch. Sein erster Blick fiel auf den Wandkalender.

Oh Schreck! – da strahlte ihm eine dicke Fünf entgegen – und das war das Kalenderblatt von gestern. So schnell war er noch nie aus dem Bett in seinen Kleidern gewesen. Er warf sich den roten Mantel über die Schultern und seinen Sack auf den Rücken. Er setzte sich die Bischofsmütze auf die weißen Haare, und es war ihm gleich, dass sie ein bisschen schief saß. Dann griff er sich seinen Stab und stürzte aus dem Haus. Beinahe wäre er über den kleinen Engel gefallen.

»Am vierundzwanzigsten Dezember feiert das Christkind Geburtstag!«, schrie Hatschi ihm nach.

»So was Dummes«, brummte der heilige Nikolaus verärgert. »Das weiß doch jeder.«

»Es lädt dich herzlich dazu ein!« Der kleine Engel rannte ein Stück hinter ihm her.

»Wenn ich nicht zu müde bin, komme ich gern«, rief der heilige Nikolaus über die Schulter zurück und verschwand zwischen den Stämmen.

»Na, das ist ja gerade noch mal gut gegangen«, seufzte Hatschi erleichtert und trocknete sich die Tränen ab. Dann kletterte er auf den Rücken des Esels und ritt weiter.

 

Sigrid Heuck: Frohe Weihnachten, liebes Christkind!

Würzburg, Arena, 2004

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