Die Geschichte des weisen Nathan

Vor langer Zeit befreundeten sich in Jerusalem zwei Männer, die so verschieden voneinander waren, dass sich jedermann wunderte, der davon hörte.

Der eine war Saladin, der Sultan von Babylon, der andere Nathan, ein frommer Jude.

Saladin war im Volk berühmt für seine Tapferkeit, mit der er seine Feinde besiegte. Von Nathan aber erzählten sich die Leute, dass er unermesslich reich und geizig sei.

Das kam so:

Der verschwenderische Sultan war eines Tages in Geldnot geraten. Seine Schatzkammern waren leer. Ungeduldig erwartete er eine große Summe Geldes aus Ägypten. Doch die Karawane, die es ihm hätte bringen sollen, war anscheinend in einem Wüstensturm umgekommen oder von Räubern überfallen worden.

In seiner Not wusste Saladin sich nicht mehr anders zu helfen, als einen Mann um Hilfe zu bitten, den er nur vom Hörensagen kannte: Nathan.

„Nathan wird mir das Geld zu Wucherzinsen leihen“, dachte er. „Das will ich zu verhindern suchen.“

Für den Sultan wäre es zwar einfach gewesen, Nathan mit Gewalt zu zwingen, das nötige Geld herauszurücken. Doch zunächst wollte er wenigstens nach außen den Anstand wahren und es auf andere Art versuchen.

Er ließ Nathan zu sich rufen und empfing ihn freundlich mit allen Ehren.

„Mein Freund“, sagte er zu ihm, „ich habe schon von vielen gehört, du seist nicht nur fromm, sondern auch bewandert in göttlichen Dingen. In unserem Land bekämpfen sich drei Religionen, von denen sich jede als die beste ausgibt. Nun möchte ich gern von dir erfahren, welche du von den dreien für die wahre und richtige Religion hältst, die jüdische, die muslimische oder die christliche?“

Nathan, der nicht nur reich, sondern auch weise war, ahnte, dass ihm Saladin mit dieser Frage eine Falle stellen wollte.

Welches von den drei verschiedenen religiösen Gesetzen er auch an die erste Stelle setzte, der Sultan würde ihm einen Strick daraus drehen:

Sage ich, die jüdische Religion, unterstellt mir der Sultan, dass ich mich gegen seinen Glauben wende. Sage ich, deine Religion, Sultan, wird er mich fragen, warum ich nicht am jüdischen Glauben festhalte.

Nathan überlegte einen Augenblick, dann sprach er:

„Mein Herr und Gebieter, die Frage, die du mir vorlegst, ist gut und tiefsinnig. Wenn ich meine Meinung dazu sagen soll, lass mich dir an Stelle einer Antwort eine Geschichte erzählen:

Vor Jahren lebte im fernen Osten ein wohlhabender Mann. Unter seinen vielen Schätzen hütete er auch einen Ring von unschätzbarem Wert : ein Diamant spiegelte das Licht in tausend Farben. Und wer ihn betrachtete, vermochte die Augen kaum mehr abzuwenden.

Doch was den Ring noch wertvoller machte, war seine besondere Gabe, die er demjenigen schenkte, der den Ring am Finger trug: die Gabe, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst.

Wie sein Vater und alle seine Vorfahren würde auch dieser Mann den Ring einmal demjenigen seiner Kinder vererben, das ihm am liebsten war.

Der Mann besaß drei Söhne. Sie bereiteten ihm viel Freude, waren liebenswert und klug, jeder auf seiner Art.

Doch der Vater liebte alle gleichermaßen.

Welchem nun sollte er den Ring vererben?

Je mehr die Jahre vergingen, umso schwer fiel ihm die Wahl. In vertraulichen Gesprächen versuchte jeder der Söhne, den Vater zu überzeugen, dass nur er würdig sei, den Ring zu besitzen und als Oberhaupt der Familie an die Stelle des Vaters zu treten.

So versprach der Mann den Ring an einem Tag seinem Ältesten, am andern Tag seinem Jüngsten und am dritten dem Zweitgeborenen.

Zuletzt ließ er endlich einen Goldschmied rufen und gab ihm den Auftrag, zwei weitere Ringe zu schaffen, und keine Mühe zu scheuen, sie dem Muster gleichzumachen.

Als der Künstler die Arbeit vollendet hatte, konnte sogar der Vater das Original nicht mehr von den Kopien unterscheiden.

Auf dem Sterbebett ließ der Vater zum letzten Mal seine drei Söhne zu sich rufen, segnete sie und gab jedem einen Ring.

Kaum war der Vater begraben, brüstete sich der Älteste, im Besitz des Ringes zu sein. Doch er staunte nicht wenig, als die beiden Jüngeren mit einem gleichen Schmuckstück prahlten.

Sie fingen an zu streiten und sich zu beschimpfen. Sie ließen die Ringe untersuchen und von allen Seiten prüfen.

Es war umsonst. Jeder Ring blieb gleich viel wert wie der andere.

Auch der Richter vermochte nicht zu entscheiden, welcher der drei Söhne nun der wahre Erbe sei.

Nach langem Nachdenken und jeder im festen Glauben, dass der Vater sie alle gleich geliebt und auserwählt hatte, schlossen sie Frieden und bemühten sich fortan, jeder auf seine Art, ihre Nächsten zu lieben wie sich selbst – dem Vater zum Wohlgefallen.“

Als Nathan die Geschichte zu Ende erzählt hatte, blieb es einen Augenblick still.

„Verzeih“, sagte Nathan endlich, „da auch ich mich nicht getraue, die drei Ringe voneinander zu unterscheiden. So ist auch nicht zu beweisen, welche von den drei Religionen die einzig wahre ist. Lass sie uns als Geschenke des Vaters alle gleichermaßen achten.“

„Lieber Nathan, deine Geschichte bewegt mich“, sagte der Sultan. „Sei von nun an mein Freund!“

Über der Geschichte hatte Saladin ganz vergessen, warum er Nathan hatte zu sich rufen lassen.

„Hattest du nicht noch ein anderes Anliegen?“, gab ihm Nathan plötzlich zu bedenken.

„Nein“, sagte der Sultan.

„Ach“, sagte Nathan darauf, „ich bin kürzlich erfolgreich von einer Reise zurückgekommen und habe vieles bares Geld im Hause. Wenn du’s brauchen kannst, würde ich dir damit gerne helfen.“

Saladin nahm das Angebot dankbar an und gestand seinem Besucher, dass es im Grunde jenes war, was er zuerst von ihm gewollt und es sich notfalls auch mit Gewalt zu holen gedacht hatte.

Bald darauf konnte der Sultan das ihm von Nathan geliehene Geld wieder zurückgeben.

Dabei überhäufte er ihn mit Kostbarkeiten und verlieh ihm Ehre und Ansehen im ganzen Land.

Max Bolliger: Die Geschichte des weisen Nathan.

Wien: Herder Verlag 2004

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