Halbert und Hob (englische Weihnachtserzählung)

friedenGibt es eine Ursache für diese
harten Herzen? Oh, Lear,
Dass es etwas jenseits der Natur geben muss,
das sie besänftigt, scheint eindeutig.

 

  1. Vater und Sohn

Rauh und wild ist die Landschaft im Norden, wo diese Geschichte spielt, und rau und wild waren die zwei Männer, von denen hier die Rede ist. Der alte Halbert und sein Sohn Hob waren so etwas wie zwei Menschen, an denen die Zivilisation vorübergegangen war. Sie schienen nichts aufzuweisen, außer den harten und ungehobelten Instinkten unzivilisierter Geschöpfe. Sie stammten von einer wilden Sippe ab, und in ihnen, den letzten ihres Geschlechts, schien das Wilde und Raue seinen Höhepunkt gefunden zu haben. Sie waren keine Kriminellen, denn man konnte sie nicht des Diebstahls oder Mordes bezichtigen. Doch wenn man ihnen auch nur mit einem Wort krumm kam, war ihre Antwort ein Fausthieb.

Und ihre Fausthiebe waren keine Späße!

Halbert war der Schrecklichere von beiden. Er war zwar nicht aufbrausender als Hob, denn Hob war der aufbrausendste Mensch, den man sich vorstellen kann, aber er war mit seinen siebzig Jahren der Stärkere. Ja, seine Stärke war so außergewöhnlich, dass sie es verdiente, mit einem Lied gepriesen zu werden:

Oho, der alte Knochen war hart, hart wie der Stumpf einer Eiche.

Seit tausend Jahr’n war der Baum im Kern unversehrt.

Doch weniger beschädigt noch waren nach siebzig Jahr’n

Die Nerven, die wie Drahtseile in den Muskeln, im breiten Kreuz Dieses gewaltigen Menschen lagen.

Ja, so waren diese beiden Männer:

 Harsch und scharf in ihren Worten, rau und brutal in ihren Taten.

Wen wundert es da, dass sie überall gehasst und gefürchtet wurden! Wen wundert es, dass die wenigen Leute, die in dieser einsamen und rauen Gegend lebten, die beiden mieden, wie man ein wildes Tier meiden würde. Denn sie erschienen wirklich mehr wie Bestien als wie Menschen.

Doch ungeachtet ihres wilden Gebarens leben auch Bestien gemeinschaftlich zusammen, und je mehr die Nachbarn die beiden mieden, umso mehr gaben sich Halbert und Hob mit ihrer eigenen Gesellschaft zufrieden. Sie verriegelten sich in ihrem kleinen Zuhause, das seit Urzeiten in Familienbesitz war, das jedoch mittlerweile vernachlässigt und vom Verfall bedroht war. Es machte den Eindruck, als würde es über den Köpfen der letzten Abkömmlinge des Geschlechts, das es beherbergt hatte, zusammen krachen.

Die beiden hatten die Gewissheit, dass sie allein in der Welt waren und dass es niemanden gab, der nach ihnen kommen würde, und vielleicht war es diese Gewissheit, die sie zusammenhielt.

  1. Der Streit

Man darf indes nicht glauben, dass die beiden brutalen Männer friedlich miteinander lebten. Die Höhlen wilder Bestien werden von Zeit zu Zeit erschüttert, weil es darin zu heftigen Auseinandersetzungen kommt, und genauso verhielt es sich mit der Unterkunft dieser beiden.

Schreie und Flüche und die Geräusche, die entstehen, wenn gekämpft wird und alles übereinander fällt, erreichten die Ohren der Nachbarn. Man fragte sich, wer von den beiden wohl umgebracht wird, doch man war vernünftig genug, sich nicht einzumischen. Denn nach all diesen Ausbrüchen und trotz all der Schläge, die ausgetauscht worden waren, sah keiner der beiden schlimmer aus als sonst, und sie waren genauso zufrieden mit ihrem Zusammenleben wie vorher.

Alle Nachbarn hingegen waren der Ansicht – und jeder ermähnte den andern, sich seine Worte genau zu merken –, dass diese Zustände so nicht weitergehen könnten.

»Irgendwann wird das ein Ende haben«, war die übereinstimmende Haltung.

Sie hatten völlig recht, aber das Ende kam – wie so oft – auf äußerst unerwartete Art und Weise.

Es geschah am Heiligen Abend. Draußen war es bitterkalt und hoher Schnee war gefallen und bedeckte den Boden, aber diejenigen, die in ihren Herzen das Weihnachtsfeuer am Glühen hielten, spürten die Kälte nicht. Das Fest der Liebe und des Friedens hatte den armen Leuten Trost gespendet und die Kinder glücklich gemacht.

Doch keines dieser Gefühle, die die Weihnachtszeit wachruft, herrschte in der Behausung von Halbert und Hob. Wahrscheinlich hatten sie vergessen, dass Weihnachten war.

Als sie beim Abendessen saßen, fingen sie an zu streiten. Der Anlass war irgendeine dumme Kleinigkeit, die es nicht wert ist, dass man sich an sie erinnert oder sie erläutert. Sie trugen ihren Streit betont langsam und behäbig aus, als hätten sie das Gefühl, mehr davon zu haben, wenn sie sich nicht beeilten. Sie hatten die Fäuste in den Hosentaschen geballt, und jeder lauerte darauf, dem anderen eine Beschimpfung an den Kopf zu werfen, um sich danach wieder zurückzulehnen und sein Gegenüber überlegen und hämisch anzustarren.

Ein Zuschauer hätte sich wohl fast gewünscht, die beiden würden sich endlich prügeln. In diesem wohlkalkulierten Austausch von verletzenden Gemeinheiten zwischen Vater und Sohn lag eine unnatürliche Grausamkeit, die stärker war als Faustschläge. Fluch folgte auf Fluch, Beschimpfung auf Beschimpfung, so als handelte es sich um eine Wette zwischen den beiden, bei der jeder danach trachtete, den anderen an Boshaftigkeit und Verunglimpfung zu übertreffen.

Doch schließlich wichen die Worte den Taten.

Der alte Mann, mit einem Gesicht, das blau war vor Wut und Erregung, hatte gerade einen Fluch wie hochkonzentriertes Gift seinem Sohn entgegengespuckt, als dieser, knurrend wie eine Bestie, seinem Vater an die Gurgel sprang.

»Raus hier! Verschwinde!«, brüllte er und warf dem Alten eine Gemeinheit an den Kopf, die alles andere, bisherige noch übertraf. »Dieser Ort hier ist zu heiß – hier ist kein Platz für uns beide! Sieh zu, dass du wegkommst, du –, und koch draußen im Schnee ab! Begrab dich selbst im Schnee, so sparst du den Preis für einen Blechsarg, wie ihn die Bettler kriegen!«

Warum leistete der alte Mann keinen Widerstand? Er war groß und kräftig genug und hätte seinen Sohn noch immer verprügeln können, wenn er gewollt hätte. Ganz bestimmt wollte er Hob auf den Boden werfen und ihn mit Schlägen und Tritten bearbeiten.

Aber nein: Er schloss die Augen, senkte den Kopf und ließ die Arme sinken. Er, der brutale alte Mann mit dem bitterbösen Mundwerk, war auf einmal regungs- und sprachlos. Erwirkte wie ein geduldiger Wachposten, der das Feuer des Gegners über sich ergehen lässt, weil es ihm sein Hauptmann so befohlen hat.

Das war nichts als ein Trick, dachte Hob. Der alte Mann spielte den Feigling und war bereit nachzugeben, aus Angst vor einer Nacht im Schnee.

»Diese Masche wird dir nichts bringen!«, schrie er. »Mach, dass du raus kommst – hörst du? Wenn du nicht wie ein Mann hinausgehen kannst, dann kriech auf allen vieren wie ein Hund!«

Und er zog seinen Vater von dessen Stuhl am Kaminfeuer auf den Boden, schleifte ihn über den Boden durch das Zimmer zur Treppe, schleifte ihn die Treppe hinunter zur Tür.

Die Tür war noch nicht ganz erreicht, als diese schändliche und schreckliche Szene ein plötzliches Ende fand.

III. Der Finger Gottes

 

Die Szene, die darauf folgte, war unendlich befremdlicher.

Der alte Mann, der bis dahin leblos wie ein Stück Holz in der Gewalt seines Sohnes war, öffnete plötzlich seine Augen. Das Feuer des Hasses war in ihnen erloschen. Halberts Schläfen, die noch einige Minuten zuvor schwarz vor lauter Wut waren, waren nun weiß wie im Tode. Er hatte seine Hände gefaltet und schaute ergeben seinen Sohn an, der noch immer mit einem Würgegriff seinen Hals umfasst hielt.

»Hob«, sagte er mit einer Stimme, die weicher war, als Hob sie jemals aus seinem Munde vernommen hatte, »Hob …«.

Hob verharrte in stillem Erstaunen, seine Hände unbeweglich am Hals seines Vaters.

»Es war vor vielen Jahren an einem Weihnachtsabend«, fuhr der alte Mann fort, in demselben außergewöhnlichen Tonfall, der irgendwie das Blut seines Sohnes in den Adern erstarren ließ. »Wir hatten einen heftigen Streit, mein Vater und ich, genauso wie du und ich gestritten haben. Als du gerade über mich hergefallen bist, habe ich alles wieder ganz deutlich vor mir gesehen. Ich zog meinen Vater herunter, genau an diese Stelle – als eine Stimme zu mir zu sprechen schien. Ich bereute, was ich meinem alten Vater antat. Ich hörte auf.

Hob, auch du empfindest Reue. Nicht um meinetwillen, sondern wegen deiner selbst! Warte – versuche die Stimme zu hören, die ich damals hörte! Wage es nicht, diesen letzten Schritt zu tun! Wage es nicht, dich über den erhobenen Finger Gottes hinwegzusetzen! Ich wagte es damals nicht. Und das war richtig so. Ich habe rechtzeitig aufgehört. Hör also auch du auf.«

Der alte Mann hielt inne und schloss seine Augen wieder. Erwartete ab.

Langsam nahm der Sohn seine Hände vom Hals seines Vaters.

Langsam begaben sich die beiden Männer wieder nach oben und in völliger Stille gingen sie zu ihren Sitzplätzen zurück. Ohne ein Wort, ohne ein Zeichen, ohne eine Regung verbrachten sie ihren restlichen Weihnachtsabend.

  1. Der Preis der Lektion

 

Das schwache Licht bei Morgengrauen enthüllte den alten Mann, der noch immer in seinem Stuhl saß. Sein böses, altes Gesicht zeigte Spuren von dem tiefen inneren Tumult der letzten Nacht, obwohl jetzt alles vorüber war. Er war tot.

Vor ihm kauerte sein Sohn. Er zitterte und war auf einmal stark gealtert.

Welche Stürme hatten in den Seelen dieser beiden einfachen, unzivilisierten Geschöpfe getobt und gewütet! Welch unnatürlicher Hass, welch plötzliche Ahnung von einem alten, über ihrer Familie lastenden Fluch, welch grauenhafte Erfahrung von nichtgekanntem Schrecken! Welch unausweichliche Verdammnis!

Beim Begräbnis des alten Mannes stützte sich sein Sohn auf einen geliehenen Stock. Schwankend und taumelnd folgte er dem Sarg, und seine ernsten, schweigenden Lippen waren entspannt. Er murmelte unablässig vor sich hin.

»Er schimpft und flucht wie immer!«, sagten die jüngeren Leute, die die Beisetzung verfolgten.

»Nein«, dachten die älteren Leute. »Er betet.«

Auf dem Rückweg von der Kirche lief ein Jugendlicher hinter Hob her und bewarf ihn mit Steinen. Es war bedauernswert, wie er sie aufhob und in seinen zitternden Armen nach Hause trug.

Für den Rest seines Lebens blieb er ein wackeliger, vor sich hin murmelnder alter Mann, den die furchtbare Gnade Gottes zerrüttet hatte. Er starb in Frieden.

Robert Browning

 

Jochen Friedrich (Hrsg): Englische Weihnachtserzählungen.

Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 1997

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