Lieber Weihnachtsengel, bitte sofort öffnen!

engel

Bitte, sofort öffnen A4

Beinahe wäre sie dem Weihnachtsengel gar nicht aufgefallen. Aber dann sah er sie doch.
Die rote Schrift, mit der jemand „Bitte sofort öffnen! Es ist total dringend!!!“ auf den Briefumschlag geschrieben hatte. Der Weihnachtsengel spitzte die Lippen. Was hatte das zu bedeuten?
Eilig öffnete er den Umschlag.
„Lieber Weihnachtsengel dies ist kein normaler Wunschzettel!“
Der Weihnachtsengel machte große Augen.„Nicht?“, wunderte er sich.
„Ich brauche Deine Hilfe! Mein Name ist Willi, ich bin sieben Jahre alt und gehe in die Klasse 2a. Meine Schule ist die Lilienschule. Die Sache ist nämlich die, dass meine Klasse dieses Jahr das Krippenspiel aufführen wird. Ich war der zweite Verkündigungsengel. Also für den Notfall. Falls Lars, der erste Verkündigungsengel, bei der Aufführung krank sein sollte. Aber jetzt gibt es ein Problem. Gestern hatten wir die letzte Probe. Tja, und da haben wir Lars am Flaschenzug hochgezogen, damit er der heiligen Maria verkünden kann, dass sie ein Kind bekommen wird. Na ja, und dann hat das aber nicht so geklappt und der Lars ist mit vollem Karacho direkt vor die Füße der heiligen Maria gedonnert.“
„Ach du meine Güte!“, seufzte der Weihnachtsengel mitfühlend.
„Ein paar Beulen und Schrammen hat der Lars jetzt, aber viel schlimmer ist, dass er nicht mehr den Verkündigungsengel spielen will und ich einspringen muss. Aber ich will nicht am Flaschenzug hochgezogen werden. Davor habe ich schreckliche Angst. Und ich habe die Ersatzrolle nur übernommen, damit die andern denken, dass ich mutig bin. Denn die halten mich doch für einen Feigling. Als ich vorgeschlagen habe, dass ich auch einfach zu Fuß zu Maria kommen könnte, haben mich Freddy und Tom gleich ausgelacht. Sie haben gesagt, das sei wieder mal typisch für mich, dass ich kneife. Lieber Weihnachtsengel, kannst du mir nicht bitte, bitte, irgendwie helfen?“
Der Weihnachtsengel dachte nach.
„Oooh! Das ist wirklich ein schwieriges Problem. Aber dem armen Jungen muss geholfen werden!“
Dann las der Weihnachtsengel den letzten Satz des Briefes: „Unsere Aufführung findet am 17. Dezember statt…“
„Das ist ja heute!“, entfuhr es dem Weihnachtsengel.
„…um fünf Uhr dreißig in der Lilienschule. Bitte, bitte, hilf mir!
Dein trauriger Willi
PS: Ich bin auch immer lieb gewesen.
PPS: Fast immer.“

„Beim heiligen Petrus, wie kann ich dem Jungen denn nur helfen?“
Da schlug die Kirchturmuhr fünf. In einer halben Stunde würde das Krippenspiel beginnen.
„Ich fliege erst mal hin und sehe nach, wie schlimm die Lage ist“, entschied der Weihnachtsengel.
Damit stopfte er den Brief in seine Posttasche und flog los.

Lilienschule stand in großen bunten Buchstaben über dem Haupteingang eines alten Steingebäudes.
„Hier muss es sein“, dachte der Weihnachtsengel und schwebte zur Erde hinab.
Strahlendes Licht fiel aus den Klassenzimmern der Lilienschule auf den verschneiten Schulhof, auf dem immer mehr Autos parkten. Eltern und Kinder stiegen aus und liefen schnell in das warme Gebäude.
Der Weihnachtsengel ging langsam hinterher. „Und wo finde ich jetzt den armen Willi?“, murmelte er.
In den Gängen wuselten unzählige Kinder durcheinander. Niemand bemerkte den kleinen Weihnachtsengel, weil Weihnachtsengel für Menschen unsichtbar sind.
Eltern, Lehrer, Schüler und ihre Geschwister drängten auf eine große, geschlossene Flügeltür zu. Sie wurde gerade von innen einen Spaltbreit geöffnet. Eine Lehrerin streckte den Kopf heraus und lächelte die Wartenden an. Bevor sie etwas sagen konnte, fragte ein ungeduldiger Vater: „Wann geht es denn endlich los?“ – „Wir sind gleich so weit“, antwortete die Lehrerin. „Wir suchen nur noch unseren Verkündigungsengel.“ Mit lauter Stimme rief sie: „Willi, wir warten alle auf dich!“engel1
Da teilte sich die Menge und ein zierlicher Junge mit blonder Lockenperücke auf dem Kopf und Flügeln, die traurig an seinem weißen Nachthemd baumelten, schlurfte auf die Lehrerin zu.
„Ich will aber nicht an den Flaschenzug!“, jammerte er leise.
„Das arme Kerlchen!“, dachte der Weihnachtsengel.
„Aber das musst du doch auch gar nicht. Wir machen es ohne“, beruhigte ihn die junge Frau und schob ihn an sich vorbei in den Raum hinein.
Der Weihnachtsengel huschte schnell hinterher.

Die Lehrerin klatschte in die Hände. „Unsere Zuschauer werden langsam ungeduldig!“, rief sie den Kindern zu, die in ihren Kostümen auf der Bühne herumtobten.
„Wie machen wir das denn jetzt mit dem Verkündigungsengel?“, wollte einer der Hirten wissen. „Ziehen wir Willi mit dem Flaschenzug hoch oder ist er zu feige?“
„Das muss Freddy oder Tom sein“, dachte der Weihnachtsengel.
„Es reicht jetzt, Freddy!“, erwiderte die Lehrerin. „Und du, Tom“, wandte sie sich an den Ochsen, unter dessen Maske es hervorkicherte, „hör auf zu lachen! Willi möchte nicht, und damit ist die Sache erledigt. Der Verkündigungsengel wird zu Fuß vor Maria erscheinen und ihr die Frohe Botschaft verkünden.“
Mit gesenktem Kopf ließ sich Willi von der Lehrerin zur Bühne schieben.
Am liebsten hätte der Weihnachtsengel ihn in den Arm genommen, so leid tat er ihm.

„Die Schauspieler für die Verkündigungsszene auf ihre Plätze, bitte! Der Rest verschwindet hinter die Bühne. Und kann, bitte, einer den Vorhang zuziehen?“, wies die Lehrerin die Kinder an, eilte zur Tür zurück und ließ die wartenden Zuschauer in den großen Raum strömen. Sie nahmen auf den bereitgestellten Stühlen Platz. Das Licht ging aus und es wurde ganz still. Nur noch ein Scheinwerfer strahlte den zugezogenen Vorhang an. Jetzt kamen auf leisen Sohlen die Flötenspieler in Zweierreihen in den Raum, stellten sich vor dem Vorhang auf und spielten „Vom Himmel hoch, da komm ich her …“
„Los geht’s!“, flüsterte der Weihnachtsengel und verschwand hinter dem Vorhang.

Applaus brandete auf, als das Flötenspiel vorüber war. Die Musiker verließen die Bühne und der Vorhang ging langsam auf. Maria saß auf einer Bank und betrachtete die schönen Pappbäume und Sträucher, die die Klasse 3b in den letzten Wochen gebastelt hatte. Plötzlich ging ein anerkennendes Raunen durch die Zuschauer. Freddy und Tom riefen hinter der Bühne im Chor: „Boah! Der traut sich was!“ Woraufhin Maria neugierig in die Höhe blickte. Direkt über ihr schwebte Willi als Verkündigungsengel an der Bühnendecke. Viel höher, als Lars jemals mit dem Flaschenzug gekommen war.

„Und, macht es Spaß?“, fragte der Weihnachtsengel.engel2 Er hielt Willi ganz fest, während er mit ihm durch die Luft flog.
Willi nickte überglücklich. Mit dem Weihnachtsengel zusammen hatte er keine Angst zu fliegen.
Vorsichtig setzte der Weihnachtsengel Willi vor Maria ab.

Das Krippenspiel wurde wunderschön und ein großer Erfolg. Am Ende klopften nicht nur Freddy und Tom Willi anerkennend auf die Schulter. Willi strahlte über das ganze Gesicht -und auf die Frage, wie er das gemacht habe, antwortete er nur mit einem geheimnisvollen Lächeln.
Der Weihnachtsengel breitete seine Flügel aus und wollte wieder losfliegen.
Da sah sich Willi suchend um. „Lieber Weihnachtsengel, ich weiß nicht, wo du bist. Ich kann dich ja nicht sehen. Aber ich wollte dir noch Danke sagen“, flüsterte er mit glühenden Wangen vor sich hin.
„Das habe ich gern gemacht“, wisperte der Weihnachtsengel. „Und ich bin gespannt auf deinen Wunschzettel im nächsten Jahr!“

Alexandra Fischer-Hunold

Werbung

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s