Die lange Reise nach Hause – Wilhelm Meissel

Die lange Reise nach Hause

Leo mochte nicht mehr nach Hause gehen. Zu Hause war es öde. Vater kam auch nicht mehr. Er wohnte jetzt woanders. Das hatte besondere Gründe: Vater hatte sich scheiden lassen.

Scheiden tut weh, heißt es in einem Lied. Wenn Leo seinen Vater betrachtete, den er einmal im Monat sah, war nichts von Weh in seinem Gesicht. Davon war schon mehr im Gesicht seiner Mutter zu sehen. Warum eigentlich? Sie bekam doch Geld und die Kinderbeihilfe von Vater. Trotzdem war sie unglaublich geizig mit dem Taschengeld. Aber nicht nur damit. Sie hatte plötzlich einen Hang zur eisernen Pflichterfüllung und holte Leo morgens viel zu früh aus dem Bett.

„Du musst rechtzeitig in der Schule sein“, sagte sie.

Aber sie sagte das mit einer Stimme, die Leo auf die Palme brachte. Mutter brüllte nicht, keifte nicht, murrte nicht. Ganz im Gegenteil. Sie war sanft, freundlich, liebenswürdig. Das hielt Leo nicht aus. Wenn er sich aber fragte, warum, konnte er keine Antwort finden. Das wurmte ihn noch mehr. Er hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten, wenn sie ihn anredete. Gut, früher hatte ihn der Vater mit dem Wagen zur Schule geführt. Das war vorbei. Aber musste sie ihn deswegen so früh aus dem Bett jagen?

Nach der Schule graute Leo davor heimzugehen. Eigentlich trieb ihn nur der Hunger in die Wohnung. Wenn er die Tür aufsperrte, krampfte sich sein Magen zusammen, denn er wusste, was jetzt kommen würde.

„Was hat es in der Schule Neues gegeben?“ fragte die Mutter.

„Nichts“, antwortete er.

„Hast du heute Hausaufgaben? “ fragte sie weiter.

„Ja“, antwortete er mürrisch.

„Wir wollen die Sache herzhaft angehen“, sagte sie.

Herzhaft! Hausaufgaben herzhaft angehen! Sie sagte tatsächlich herzhaft. Vater hätte ihn nie mit solchen Worten belästigt.

Wenn er dann an seinem Tisch saß und arbeitete, kam Mutter herbei, schaute ihm über die Schulter und legte ihm die Hand sanft auf die Haare. Wie er das hasste! Er war doch keine Tränensuse, die nach Trost hungerte.

„Weißt du, wir müssen jetzt zusammenhalten“, sagte sie dazu leise.

Zusammenhalten? Gegen was und wen? Gegen Vater? Dass sie sich nicht täuschte!

War Leo mit den Hausaufgaben fertig, schlich er auf Zehenspitzen in die Diele. Er schlüpfte in die Laufschuhe und lauschte. Mutter saß bei der Schreibmaschine und machte Schreibarbeiten für ein Büro. Sie schrieb auch an Samstagen, manchmal auch an Sonntagen. Und was brachte das? Es gab trotzdem nur Kartoffeln oder Haferflocken und Spinat. Machte Mutter mit ihm doch einmal einen Ausflug, dann kamen sie höchstens mit der Straßenbahn bis an den Stadtrand. Wie ihn das anödete, über die überfüllten Lagerwiesen zu spazieren und auf einem Fitnessweg durch den Wald zu schlendern. Wo war denn da ein Sinn?

Leo öffnete leise die Tür und stahl sich davon. Er lief zur nahen U-Bahn-Station. Dort hatte er vor Wochen ein paar Typen kennengelernt, die ihm mächtig imponierten. Die hingen immer dort herum und führten einen Spruch, der sich gewaschen hatte. Mit diesen Typen fluchte er, stänkerte Leute an, machte Radau und brüllte sich seinen Ärger und sein Unbehagen aus dem Bauch.

Wenn er zum Abendessen heimkehrte, bemühte er sich nicht, leise zu sein.

„Wo warst du?“ fragte ihn die Mutter.

„Unten“, antwortete er.

„Was heißt das?“

„Ich habe meine Kumpel getroffen.“

„Du hältst es nicht für notwendig, mir vorher etwas davon zu sagen?“

Darauf schwieg er und ging in sein Zimmer. Nach dem Essen, das er lustlos in sich hineinschaufelte, ging er wie ein Tier in seiner Stube auf und ab. Dann kam Mutter und sah ihm eine Weile zu.

„Wollen wir nicht miteinander reden?“ fragte sie.

„Lass mich“, antwortete er.

Da kehrte sie zu ihrer Schreibmaschine zurück und arbeitete weiter. Manchmal merkte er, sie verweinte Augen hatte und ein ganz spitzes Gesicht. Aber sie weinte nie laut, sie schrie nicht, sie schlug nie mit der Faust auf den Tisch. Das machte ihn wahnsinnig, dass sie ihn niemals beschimpfte oder ungerecht behandelte.

Nachts, wenn Leo auf das Klosett musste, merkte er im Zimmer seiner Mutter Licht. Er fragte sich, was sie dort tat, aber er vermied es nachzuschauen.

In seiner Geldbörse trug Leo die Telefonnummer seines Vaters. Es gab nur wenige Augenblicke, wo er ungestört telefonieren konnte. Meist dann, wenn die Mutter ihre Arbeit im Büro ablieferte. Da blieb sie eine Stunde fort, und Leo hängte sich ans Telefon. Aber er hatte kein Glück in letzter Zeit. Immer wenn er abhob, kam ein Besetztzeichen. Er wunderte sich auch, dass Vater nie anrief.

Als die Mutter heimkehrte, stellte er sich in die Tür ihres Zimmers.

„Das Telefon ist kaputt“, sagte er vorwurfsvoll.

„Es ist nicht kaputt“, antwortete die Mutter müde, „es ist gesperrt.“

„Warum gesperrt?“

„Weil ich die Gebühren nicht bezahlen kann.“

„Nichts klappt hier“, sagte er und ging wütend in sein Zimmer.

Er vergrub sein Gesicht zwischen den Händen, er presste seine Ohren zu, aber das Schreibmaschinengeklapper hörte er trotzdem. Schwieg die Schreibmaschine, klirrte das Geschirr in der Abwäsche oder rumpelte die Waschmaschine im Badezimmer. Immer tat sie etwas, nur er konnte nichts tun, nichts. Er wartete und wartete, nur wusste er nicht, worauf.

Das Semesterzeugnis war miserabel. Die Mutter hatte es zu sehen gewünscht. Dagegen konnte er nicht protestieren, und er machte sich auf einen Wirbel gefasst. Die Mutter schaute auf das Papier, legte es auf den Tisch und sagte: „Was ist los mir dir? Warum tust du mir das an?“

„Ich? Dir?“ sagte er verwirrt.

„So darf das nicht weitergehen mit uns beiden“, sagte die Mutter.

Da hatte sie recht. So konnte es nicht weitergehen. Er wollte nicht mehr. Er erinnerte sich an das Vormundschaftsgericht. Er war damals Streitobjekt und wurde der Mutter zugesprochen.

Zugesprochen! Sprechen konnten die, so viel sie wollten. In Wirklichkeit gehörte er woanders hin. Mit vierzehn Jahren durfte er selbst entscheiden. Das waren noch eineinhalb Jahre. Dann würde alles klar werden. Klare Fronten, wie sein Vater zu sagen pflegte. Raus wollte er, endlich raus aus der tristen Dämmerstube.

Kurz vor Ostern bekam Leo einen Brief. Die Mutter hatte das Schreiben auf Leos Tisch gelegt. Es war ein Brief von Vater.

Willst Du mit mir verreisen? las Leo. Telefonieren kann man mit Dir nicht, weil Euer Telefon abgeschaltet ist. Wie wäre es mit Italien? Schreib sofort zurück.

„Ja!“ brüllte Leo, und die Mutter zuckte hinter der Schreibmaschine zusammen. Leo schrieb zurück, trug seine Sachen zusammen und packte den Rucksack. Er pfiff und trällerte, er war mit den Gedanken schon weit fort. Er merkte nicht, was seine Mutter für ein Gesicht machte und was sie tat. Sie legte ihm eine neue Zahnbürste und Zahncreme neben den Rucksack, Seife, Waschlappen, frische Unterwäsche und etwas Proviant. Sie kramte im Wäscheschrank nach einem Kuvert. Sie teilte den Inhalt des Kuverts und legte die Hälfte der Geldscheine unter die Seifenschale.

„Für alle Fälle“, sagte sie.

„Ich brauche das nicht“, sagte Leo.

„Man kann nie wissen“, meinte die Mutter.

Er nahm das Geld doch, er hatte ein komisches Gefühl, und das würgte ihm den Hals zu, sodass er nicht einmal Danke sagen konnte.

Als Leo das Haus verließ, dachte er nicht mehr daran. Er war erfüllt von überschwänglicher Freude, und die Straßenbahn zum Bahnhof schlich wie eine Schnecke.

Endlich traf Leo seinen Vater. Er sah nur ihn. Er stürmte auf ihn los, umarmte ihn und lachte.

„Hallo, Leo!“ sagte der Vater.

„Ich freu‘ mich, Vater.“

„Mach mir auch eine Freude“, sagte der Vater, „und sag nicht Vater, sondern Hans zu mir.“

„Ja“, rief Leo laut, und einige Leute drehten sich um.

„Da ist noch jemand, der mitfährt“, sagte der Vater. „Sie heißt Nora.“

Leo drehte sich um. Eine junge Frau betrachtete ihn kühl und gab ihm kurz die Hand.

„Guten Tag“, sagte sie, und Leo verspürte einen Stich.

„Guten Tag“, grüßte Leo leise.

So ist das also, dachte Leo, das ist nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe.

„Was macht ihr für Gesichter!“ rief der Vater. „Seid lustig, Kinder. Wir sind ja eine Familie!“

Leo zwang sich zu einem Lächeln, aber Nora blieb ernst.

Vielleicht wird es trotzdem schön, beruhigte sich Leo, und er atmete tief durch.

„Wie steht es mit deinen Finanzen, Leo?“ fragte der Vater.

Leo klopfte gegen seine Brusttasche und fühlte sich sofort sicherer.

„Gut“, sagte der Vater, „das Geld verwahre ich, du verlierst es nur.“

Dann gingen sie zum Schalter und kauften die Fahrkarten.

Sie fuhren. Leo hatte die Augen geschlossen, genoss das Rattern der Räder, träumte die Bahnfahrt voraus, träumte vom blauen Meer, dem lachenden Gesicht des Vaters und den wilden Spassen, die sie miteinander haben würden. Aber wenn er das Gesicht des Vaters vor sich hatte, schob sich das von Nora davor.

Leo machte die Augen auf. Vater und Nora saßen ihm gegenüber, ihre Hände lagen ineinander, und sie schwiegen.

Eigentlich hätte er neben Vater sitzen sollen, eigentlich hätte er mehr Anspruch darauf als die Fremde, die nicht wissen konnte, was er gelitten hatte ohne ihn.

„Er ist wach“, sagte Nora. „Gehen wir, ich habe Hunger.“

Sie erhob sich und zog Vater mit.

„Hast du etwas zu essen?“ fragte der Vater und zeigte auf Leos Rucksack.

Leo nickte.

„Wir sind gleich zurück. Pass auf das Gepäck auf“, sagte der Vater und zwinkerte ihm zu.

Sie verließen ihn, gingen in den Speisewagen, plauderten und lachten. Leo holte den Proviant aus dem Rucksack. Er war plötzlich ohne Gefühl, er war leer, er öffnete mechanisch die Dose, legte die Brote zurecht und ein Säckchen, bei dem ein Zettel lag. Er erkannte die Handschrift seiner Mutter. SALZ stand auf dem Zettel. Er spürte die Hitze in seinen Ohren. Er begann, ohne Appetit zu essen, er räumte die Abfälle fort, aber er war unfähig, den Zettel wegzugeben, sondern steckte ihn in die Rocktasche zu den losen Münzen. Dann versuchte er zu schlafen.

Er musste tatsächlich eingeschlafen sein, denn als er die Augen aufmachte, war es hell. Vater saß ihm gegenüber, und Nora hatte den Kopf auf Vaters Schulter gelegt und schlief. Der Vater lächelte Leo zu.

„Wir sind gleich da“, sagte er.

Das Hotel lag am Strand. Es gab wenig Gäste. Niemand war im Wasser. Es war zu früh im Jahr. Einige Paare gingen auf dem Strand auf und ab, genossen die frische Brise oder lagen in Decken gehüllt in den Liegestühlen. Vater und Nora spazierten Hand in Hand über den Sand, Leo drei Schritte hinterher. Das ging nun schon den zweiten Tag so. Leo hätte gern seine Hand in die freie Hand seines Vaters geschoben, aber er war kein kleines Kind; er schämte sich, es kam ihm albern vor. Er wartete auf ein Zeichen von Vater, dass es endlich losginge: ein Ballspiel, ein Lauf, eine Mutprobe im kalten Wasser. Er wartete vergeblich. Er trabte drei Schritte hinter Nora und Vater. Blieben sie stehen, stoppte auch er; gingen sie weiter, trabte er an. Bis sich Nora umdrehte.

„Sag, Leo, kannst du nicht allein etwas unternehmen?“ fragte sie.

Leo blickte von ihr zu Vater. Der Vater schaute auf das Meer.

„Ein Segelboot!“ sagte der Vater.

Auch Leo blickte hinaus.

„Ja“, sagte Leo leise, „ich kann etwas unternehmen. Gibst du mir mein Geld, Vater?“

„Geld? Da ist nichts übrig. Das hat gerade für deine Fahrkarte gereicht.“

„Ich gehe ins Hotel“, sagte Leo.

„Wir sehen uns beim Essen“, lächelte der Vater.

Leo ging langsam am Strand zurück. Als er außer Sicht des Vaters war, rannte er. Im Zimmer seines Vaters suchte er die Fahrkarte und nach Papier. Er fand die Karte, aber kein Papier. Er nahm den verknüllten Zettel aus der Tasche, auf den seine Mutter das Wort Salz geschrieben hatte. Es erstaunte ihn, weil er sich jetzt leicht von ihm trennte.

Danke für die Einladung, schrieb er auf den Zettel und steckte ihn an den Spiegel. Dann packte er in der Besenkammer, in der seine Pritsche war, den Rucksack und rannte zum Bahnhof. Der Mann beim Schalter erklärte ihm mit den Fingern, in wie viel Stunden der Zug kommen würde. Leo sperrte sich ins Bahnhofsklosett und wartete. Als der Zug einfuhr, schlich Leo wie ein Dieb über den Bahnsteig und schlüpfte in einen Waggon. Der Zug fuhr an, und Leo weinte. Er wusste nicht, warum. Er spürte keinen Schmerz und keine Freude, nur Erleichterung. Er schloss die Augen, das Land flog vorbei, er sah es hinter geschlossenen Lidern, und er lauschte dem Stoßen der Räder. Es ratterte und ratterte wie die Schreibmaschine der Mutter. Er hatte Hunger, aber kein Geld. Die wenigen Münzen in der Tasche reichten nicht einmal für die Straßenbahn in der Stadt, in die er zurückkam.

Er wanderte durch die dunklen Gassen, erreichte sein Haus und sah Licht hinter den Fenstern. Er sperrte leise auf, er schlich zu dem erleuchteten Zimmer und hielt den Atem an.

Er sah die Schreibmaschine, in die Papier eingespannt war, und einen Pack beschriebener Blätter. Daneben stand das Bügelbrett, darunter der Korb voll Wäsche, auf dem Fußboden lagen Strümpfe und bunte Tücher. Er sah die Mutter seine Hemden falten, seine Wäsche glattstreichen. Er stand, unfähig einen Schritt weiter zu tun, und wartete. Er ließ den Rucksack fallen.

Die Mutter erschrak. Leo blickte in ein ängstliches Gesicht, doch dann war Freude um den Mund, als sie ihn auf der Schwelle erkannte. Sie stand auf, kam auf ihn zu und betrachtete aufmerksam und lange sein Gesicht.

„Du wirst sicher Hunger haben“, sagte sie und ging an ihm vorbei.

„Mama“, sagte er.

Das hatte er schon monatelang nicht gesagt. Und weil im Vorzimmer kein Licht brannte, umarmte er sie.

Wilhelm Meissel

Brigitte und Wilhelm Meissel (Hrsg.): Fernweh.
Wien: Herder Verlag 1980

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