Archiv der Kategorie: Einsamkeit

Bitte, nimm mich in die Arme

Bitte, nimm mich in die Arme – John A. Rowe

Am einen Ende war Elvis, der Igel, borstig wie eine Scheuerbürste. Am anderen war er so stachlig wie ein Kaktus. Der kleine Elvis wünschte sich nichts sehnlicher, als in die Arme genommen zu werden. Weiterlesen

Leb wohl, lieber Dachs

 

Der Dachs war verlässlich, zuverlässig und immer hilfsbereit. Er war auch schon sehr alt, und er wusste fast alles. Der Dachs war so alt, dass er wusste, er würde bald sterben.

Der Dachs fürchtete sich nicht vor dem Tod. Sterben bedeutete nur, dass er seinen Körper zurückließ. Und da sein Körper nicht mehr so wollte wie in früheren Tagen, machte es dem Dachs nicht allzu viel aus, ihn zurückzulassen. Seine einzige Sorge war, wie seine Freunde seinen Tod aufnehmen würden. Er hatte sie schon vorbereitet und ihnen gesagt, irgendeinmal würde er durch den Langen Tunnel gehen. Er hoffe, sie würden nicht zu traurig sein, wenn seine Zeit gekommen war. Weiterlesen

Einbruch am Heiligen Abend

«Du traust dich nicht, du traust dich nicht …»

«Natürlich traue ich mich!», entgegnete Max scharf. Was war denn schon dabei? Wenn die alte Frau wirklich fast taub war, wie seine neuen Kumpel meinten, dann würde sie nicht hören, wie er durch das gekippte Fenster an der Seite des Hauses griff und den Engel von der Fensterbank nahm. Er müsste nur warten, bis die Alte auf das Klingeln seiner Kumpel hin die Haustür öffnen würde, dann blieb ihm genug Zeit zum Handeln.

«Dann mal los!», Weiterlesen

Hans und der Fußball

Am Nachmittag spielt Hans mit dem Fußball. Die Mutter arbeitet, der Vater arbeitet, und Hans kann alles tun, was er will. Fast alles. Gewisse Dinge sind verboten. Fußball spielen zum Beispiel.
»Du wirst doch einsehen, Hans«, sagte die Mutter erst vorgestern, »dass du zwar mit dem Ball spielen darfst, aber nicht überall und nicht jederzeit. Das verstehst du sicher. Das geht einfach nicht. Hab‘ ich Recht, Vater?«
Wenn die Mutter Hans etwas verbietet, holt sie sich immer Rückendeckung beim Vater.
Hab‘ ich Recht, Vater? Hans weiß, dass der Vater immer zur Mutter hält, und dass die Mutter immer derselben Ansicht ist wie der Vater. Sie halten gegen ihn zusammen, bilden eine hohe Mauer, die fast alles abwehrt, was für Hans lebenswichtig ist. Gegen sie hat er keine Chance. Weiterlesen

Die Riesin

Es war einmal eine junge Riesin. Sie lebte zurückgezogen am Waldrand, denn sie fürchtete, die Menschen zu erschrecken. Einmal war ihr eine Pilzsammlerin begegnet, die hatte die Riesin angestarrt und war ängstlich davongerannt.

Oft stand die junge Riesin an einem hoch gelegenen Fenster ihres Hauses und dachte daran, was ihre Mutter, eine normal große Frau, gesagt hatte: Weiterlesen

Der einsame Weihnachtsmann

Der einsame Weihnachtsmann

Renate Riebschläger

Noch drei Tage bis Heiligabend und alle Miet-Weihnachtsmänner sind ausgebucht. Auch Nachbarn, Freunde und Verwandte feiern selbst und haben keine Zeit oder sind unserer Enkelin schon zu vertraut.

Doch für die kleine fünfjährige Hanna muss unbedingt ein Mann mit rotem Mantel und weißem Bart aufgetrieben werden.

Hanna glaubt noch ganz fest an den Weihnachtsmann und träumt seit Tagen von ihm. Ohne seine Anwesenheit würde ihre heile Weihnachtsmannwelt ins Wanken geraten.

Unsere letzte Hoffnung ist unser Nachbar Willi. Weiterlesen

Die lange Reise nach Hause – Wilhelm Meissel

Leo mochte nicht mehr nach Hause gehen. Zu Hause war es öde. Vater kam auch nicht mehr. Er wohnte jetzt woanders. Das hatte besondere Gründe: Vater hatte sich scheiden lassen.

Scheiden tut weh, heißt es in einem Lied. Wenn Leo seinen Vater betrachtete, den er einmal im Monat sah, war nichts von Weh in seinem Gesicht. Davon war schon mehr im Gesicht seiner Mutter zu sehen. Warum eigentlich? Sie bekam doch Geld und die Kinderbeihilfe von Vater. Trotzdem war sie unglaublich geizig mit dem Taschengeld. Weiterlesen

Fremder Mann – Waltraud Zehner

Fremder Mann 

Waltraud Zehner

Einmal im Monat kommt mein Vater,
holt mich ab, wir gehen in den Zoo.
Er kauft mir Schoko und Cola und Tierfutter
und denkt, ich bin froh.
Bei den Affen bleiben wir lange stehn.
Mein Vater schaut auf die Uhr:
Wir sollten jetzt weitergehn.
Im Gasthaus krieg ich wie immer Pizza und Eis.
Wie geht‘s in der Schule, fragt er,
hier hast du zehn Mark für Fleiß.
Einen Sonntag im Monat hat mein Vater Zeit,
einen ganzen Tag lang sind wir zu zweit,
manchmal kommt er mir vor wie ein fremder Mann,
und ich trau mich nicht zu sagen,
dass ich die Mathe nicht kann.
 

Hans-Joachim Gelberg (Hrsg.): Die Erde ist mein Haus – Jahrbuch der Kinderliteratur.
Weinheim: Beltz&Gelberg 1988

Jakob nimmt sich etwas vor

Susi kommt mit verweinten Augen in die Schule.

„Was ist los?” fragt Jakob.

„Mein Meerschweinchen ist gestorben”, sagt Susi. „Mein Sebastian mit dem schwarzen Fleck auf der Nase.”

„Oje”, sagt Jakob. „Und jetzt bist du traurig.”

Susi nickt.

„Kannst du deine Eltern nicht bitten, dass sie dir ein neues kaufen?” fragt Max. Weiterlesen

Mein Opa kann ganz schön anstrengend sein

Seit meine Oma gestorben ist, wohnt mein Opa ganz allein in der Wohnung unter uns. Er versorgt sich morgens und abends selbst. Zum Mittagessen kommt er immer zu uns herauf. Meine Mutter besorgt ihm auch die Wäsche, und sie hält seine Wohnung in Ordnung.

Wenn der Opa zum Essen kommt, stöhnen meine Eltern immer ein bisschen. Er hört nämlich sehr schlecht, weigert sich aber, sein Hörgerät zu tragen. Er sagt, dass er dann ganz genau sein eigenes Kauen hört und dass ihm das gar keinen Spaß macht. Dafür hören wir es alle umso deutlicher. Aber keiner von uns würde das jemals dem Opa sagen.

Wenn ich aus der Schule komme und beim Mittagessen meiner Mutter etwas erzählen möchte, dann komme ich nicht dazu. Der Opa erzählt nämlich ständig und immer dasselbe. Er erzählt von früher und vor allem von seinem Auto. Immer wieder das gleiche. Weiterlesen

Pia sieht »grau«

Pia sieht »grau«

Es regnet schon wieder. Wie so oft hockt Pia am Fenster und starrt auf die nasse Stadtlandschaft hinunter. Nichts als Häuser und Straßen! Pia sieht nur grau, und sie fühlt sich auch so. Grau und düster und allein. Zu nichts hat sie Lust. Lachen kann sie schon lange nicht mehr. Seit Papa zu seiner Freundin gezogen ist. Das ist schlimm gewesen. Mutti hat nur noch dagesessen, gegrübelt und geweint. Auch Pia hat immer wieder gefragt: »Warum hat Papa das getan?«

»Wir müssen weg von hier«, hat Mutti eines Tages gesagt. »Weit weg. Zum Vergessen! Und ich muss wieder arbeiten gehen. Dann habe ich keine Zeit mehr zum Grübeln!«

So sind Pia und Mutti in die Stadt gezogen. Mutti hat Arbeit bei einer Zeitung gefunden und arbeitet sehr hart. Zum Grübeln und Weinen ist sie nun zu müde, wenn sie abends zu Pia in die kleine Hochhauswohnung kommt. Sie ist aber auch zu müde, um sich mit Pia zu unterhalten, mit ihr zu spielen oder etwas zu unternehmen. Weiterlesen

Ungestillter Hunger

Ungestillter Hunger

Alles menschliche Elend kommt aus dem Geiz: das leibliche Elend, weil man sich weigert, von seinem Besitz etwas herzugeben; das Elend der Seelen, weil man sich weigert, seine Zeit und sein Herz hinzugeben.

Alle Leiden, die heftigen und die nur dumpf empfundenen, alle Bitterkeit, alle Erniedrigung, aller Kummer, aller Maß und alle Verzweiflung dieser Welt sind letztlich nichts als ungestillter Hunger; Hunger nach Friede, nach Hilfe, nach Liebe.

Der kleine Junge, der bittere Tränen vergießt, weil die Mutter in ihrer Nervosität ihn ohne Grund geohrfeigt hat, wie der allzu alte Großvater, den seine Enkel ohne Gruß und Besuch lassen; das häßliche Mädchen, das man unbeachtet im Winkel stehen läßt, wie die Gattin, die von ihrem Mann vernachlässigt wird, und die vereinsamte Frau, die ins Wasser geht; Weiterlesen

Das fremde Mädchen – Evelyne Stein-Fischer

Das fremde Mädchen

 

Salima heißt die Neue in der Klasse.

Sie ist kein stilles schüchternes Mädchen wie Gabi.

Salima macht sich überall bemerkbar.

Sie spricht lauter als die anderen.

Sie kleidet sich bunter als die meisten.

Und sie lässt sich von keinem etwas gefallen. Weiterlesen

Eine Stimme, alt und atemlos – P. Wiebe

Eine Stimme, alt und atemlos

Ella Naujokat kauerte sich seufzend vor ihrem Dauerbrenner nieder und rüttelte am Rost; sie öffnete die Ofenklappe, sah die matte Glut und griff, während sie sich wieder aufrichtete, zur Kohlenschütte, stand unschlüssig, lächelte dann und kippte die Kohlen auf die Glut. „Ich kann es mir ja diesmal leisten. An diesem Heiligen Abend will ich es mal warm haben, rundherum warm!“ sagte sie und prüfte noch mal den Zustand ihres Zimmers: das Bett in der Ecke war sehr sorgfältig gemacht, unter der Spreite wußte sie Decke und Kissen frisch überzogen; der abgetretene Teppich machte einen vorzüglichen Eindruck, nachdem sie ihn gründlich mit Waschlauge gereinigt hatte; auf dem ovalen Mahagonitisch stand der zierliche Weihnachtsbaum, geschmückt mit Lametta, zwei Kugeln und fünf roten Kerzen. „Tadellos, alles tadellos…“ sagte Ella Naujokat, setzte sich in den grünen hochbeinigen Plüschsessel, blickte auf ihre Armbanduhr, murmelte: „Noch zwanzig Minuten…“ und legte für einen Augenblick die Hand auf die Brust, als wolle sie ihr aufgeregt klopfendes Herz beruhigen. Dann drehte sie an dem Knopf ihres alten Radios, wartete, bis sich die Röhren erwärmt hatten, griff mit tastender Hand von hinten in das Gerät hinein und rüttelte sanft an der Lautsprecherröhre. Mit Unterbrechungen zuerst, doch dann ganz gut verständlich sang ein Kinderchor: „… aus einer Wurzel zart…“ Ella Naujokat summte die Melodie mit, erhob sich aus dem Sessel, zündete die Kerzen an und löschte das elektrische Licht. Weiterlesen

Flora und die Geige

Flora und die Geige

Heute Vormittag ist Flora am Bahnhof angekommen. Am großen Bahnhof der großen Stadt. Gestern hat sie den ganzen Tag den langen Weg zum Bahnhof zu Fuß gemacht. Sie ist die ganze Nacht gereist. Gereist oder eher geflohen, weil es Krieg in ihrem Lande gibt.

Eine große Explosion, das Haus brach in Feuer aus und keiner war dabei, der den Brandherd löschte.

Also, schnell! Flora hat ein paar Kleidungsstücke in ihren Rucksack gestopft, dann nahm sie ihren Teddybär und, vor allem, ihren Geigenkoffer mit der Geige. Weiterlesen

Das Bäumchen des Lebens

Das Bäumchen des Lebens

In der Rossstraße, gegenüber dem Altenheim, in dem meine Mutter lebte, war hinter einer niedrigen, mit Dachziegeln schräg gedeckten Mauer mit einem Gittertürchen ein kleiner Garten, der den Insassen des Heims, aber auch vorübergehenden Fremden offen stand, wenn sie auf einer der dort stehenden Bänke eine Ruhepause machen wollten. Der Garten war ein spitzwinkliges Dreieck, dessen Längsseiten von zwei hohen Brandmauern begrenzt wurden, während seine Schmalseite zur Straße hin lag. An den unverputzten Brandmauern kletterte Efeu in die Höhe und suchte das Rostbraun der verwitterten Backsteine zu verdecken, was ihm bis zur Höhe des zweiten Stockwerks gelungen war. Am Fuß der Mauern standen einige Bänke, von wo man auf die inmitten des dreieckigen Gartens liegende Rasenfläche blickte, die nur des Nachmittags und auch dann nur für kurze Zeit im warmen Sonnenlicht lag und ansonsten in einer unfreundlich wirkenden düsteren Schattenkühle. Das Grundstück war wegen der Form seiner Fläche unbebaubar, also wertlos, und deshalb hatte der fromme Eigentümer es dem Edmund-Hilvert-Haus geschenkt, damit dessen Bewohner es als eine Art Oase in der Steinwüste nutzen konnten. Weiterlesen

Ein Fall für die Notbremse – Eine ganz andere Weihnachtsgeschichte

Ein Fall für die Notbremse

Eine ganz andere Weihnachtsgeschichte

Eine junge Frau, in ihr Umschlagtuch gehüllt. Auf ihrem Schoß ein notdürftig gewindelter Säugling. Hinter Frau und Kind ein Mann, dessen bärtiges Antlitz von Staunen, Freude und Sorge gleichzeitig geprägt ist.

Ja, auf diese Gruppe ist unser Gefühl gedrillt. Da wissen wir Bescheid. Da lassen wir uns anrühren. In diesen Tagen.

Aber bitte: Carlotta Veduto war nicht schlank und jung, sondern hatte eher jene matronenhaft rundliche Würde, wie sie Mütter vielköpfiger Familien oft besitzen. Und Massimo Veduto, ihr Mann hatte keinen Vollbart im vertrauenerweckenden Gesicht, sondern nur eine Menjou-Fliege unter der kantig vorspringenden Nase, die der Physiognomie Massimos etwas Gerissenes gab. Und da war nicht ein lächelnder, gescheit dreinblickender Säugling, sondern ein Gewimmel von sieben Kindern, deren Gesichter jetzt dösig und schlafbedürftig aussahen. Da weiß man Bescheid, wenn so was auf einem Bahnsteig sitzt und lamentiert, ein paar Pappkoffer und verschnürte Kleiderbalien um sich herum: Gastarbeiter mit Anhang. Da braucht man im Schneetreiben keinen zweiten Blick zu riskieren; schon der erste ist verschwendete Anstrengung. Weiterlesen