Weihnachten in aller Welt – Polen

Heute ist die letzte Chorprobe vor dem Weihnachtsfest. Als Roman und Agnes vor den anderen Kindern die Kirche verlassen, ist es dunkel und es schneit ein wenig. Nachdem sie ein Stück gelaufen sind, sagt Agnes zu ihrem Bruder: „Warte mal, ich muss mir das Schuhband zubinden.“

Roman bleibt stehen. Er schaut um sich und fragt: „Was ist das?“

Jetzt hört auch Agnes das leise, klägliche Miauen. Unter einem Busch entdecken sie ein Kätzchen. Die Straße ist menschenleer. Mitleidig sagt Agnes: „Du wirst im Schnee erfrieren. Wir müssen dich mitnehmen.“ Roman öffnet seinen Anorak und steckt die kleine Katze hinein.

Zu Hause stellt er ein Schälchen mit Milch auf den Boden, das die kleine Katze gierig ausschleckt. Agnes sucht ein Körbchen und polstert es mit einer alten Decke aus. Sie hebt das Kätzchen hinein und sagt: „Hier kannst du schlafen.“

Die kleine Katze schläft erschöpft ein. Sie sieht so niedlich aus, dass die Kinder sie gerne behalten möchten. Mama aber meint: „Vielleicht hat sie sich verlaufen und jemand sucht jetzt nach ihr.“

An diesem letzten Tag vor Weihnachten hat Mama noch viel zu tun. Die Kinder helfen bei der Vorbereitung des Weihnachtsmahls. Weil viele gläubige Polen in der Adventszeit fasten, freuen sie sich auf ein gutes Essen am Heiligen Abend. Nach altem Brauch kommen zwölf Speisen auf den Tisch: Heringshappen, rote Borschtschsuppe, gefüllte Piroggen, gebratener Karpfen, Gerichte aus Sauerkraut, Pilzen und Mohn, Süßspeisen und einiges mehr.

**

Am nächsten Mittag begleiten die Geschwister Papa zum Bahnhof, um Großvater und Onkel Jurek vorn Zug abzuholen. Unterwegs treffen sie eine Nachbarin. Sie erzählt von einer alten Frau, die ihr Kätzchen sucht.

Papa schaut Agnes und Roman an. „Das könnte die Katze sein, die ihr gefunden habt. Ihr müsst sie schnellstens zurückbringen.“

Er lässt sich die Adresse der Frau geben.

Als Papa merkt, wie schwer es den Kindern fällt, das Kätzchen herzugeben, sagt er: „Ich werde es für euch tun. Aber nur, weil heute Weihnachten ist.“

Mama hat zu Großvaters Empfang ein Schild vor die Wohnungstür gehängt, darauf steht: „Bozego Narodzenia – Frohe Weihnacht“. Großvater umarmt Mama zur Begrüßung, dann deutet er auf das Schild und sagt: „Diesen Wunsch erwidere ich, wenn ich den ersten Stern gesehen habe.“ Mama nickt. Sie weiß, dass ihr Vater die alten Bräuche pflegt.

Am Nachmittag nimmt Papa das Körbchen mit dem Kätzchen und verlässt das Haus. Je dunkler es draußen wird, umso gespannter schauen Agnes und Roman aus dem Fenster. Sie suchen am Himmel den ersten Stern. Großvater entdeckt ihn zuerst und ruft fröhlich: „Jetzt beginnt das Weihnachtsfest. Möge es ein friedliches Fest sein.“

Agnes wundert sich: „Wo bleibt Papa nur?“

Der Tisch ist gedeckt und sie hat großen Hunger, weil sie den ganzen Tag gefastet hat. Da geht die Wohnungstür und gleich darauf betritt Papa mit einer fremden Frau das Zimmer. Als er die verwunderten Gesichter seiner Familie sieht, sagt er: „Das ist Frau Nowak, ihr gehört das Kätzchen. Und weil Frau Nowak heute allein ist, soll sie mit uns den Heiligen Abend feiern.“

Die Kerzen brennen am schön geschmückten Baum, als sie sich zum Weihnachtsmahl setzen. Eine Lage Stroh unter dem Tisch soll an das Christkind in der Krippe erinnern. Papa führt Frau Nowak an den freien Platz, den Mama jedes Jahr für den „fremden Gast deckt. Die alte Frau bedankt sich herzlich. Die Kinder wollen wissen, wo das Kätzchen ist.

„Es schläft im Körbchen in eurem Zimmer“, erwidert Mama.

Nachdem Großvater das Tischgebet gesprochen hat, hebt er sein Glas und sagt feierlich: „Sollte ich euch im vergangenen Jahr gekränkt haben, bitte ich um Vergebung.“ Das sagen auch die anderen und reichen einander die Hände.

Nach dem langen Festmahl öffnet Papa die Fenster. Die Kinder ver­lassen schnell den Raum und hoffen, dass Sankt Nikolaus ihnen jetzt „Gwiazdka“-Sternlein – das heißt: schöne Geschenke – bringt. In diesem Jahr wird ihnen die Wartezeit nicht zu lang. Sie spielen mit dem Kätzchen und Agnes überlegt: „In der Heiligen Nacht sollen Tiere mit menschlicher Stimme sprechen. Ob uns das Kätzchen auch etwas sagt?“

Darüber kann Roman nicht mehr nachdenken, ein Glöckchen ertönt. Das Zeichen, dass die Kinder ins Weihnachtszimmer dürfen. Aber bevor sie sich auf ihre Geschenke stürzen, singen sie zusammen Weihnachtslieder.

Später, auf dem Weg zur Christmette, bleiben Agnes und Roman an der Stelle stehen, wo sie das Kätzchen gefunden haben. Da sagt Frau Nowak: „Es hat immer noch keinen Namen. Denkt euch mal einen schönen aus und so werden wir es rufen.“

Rena Sack: Weihnachten in aller Welt:
Mit 24 Geschichten durch den Advent.
Lahr, Kaufmann Verlag 2008

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