Der dumme August

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Der dumme August

Es war nicht leicht für den kleinen Engel, Abend für Abend für sich und den Esel eine Unterkunft zu finden. Manchmal suchte er sich einen Baum oder eine Höhle zum Schlafen. Einmal fand er eine alte Feldscheune, die glücklicherweise unverschlossen war. Er wühlte sich ins tiefe Heu und schlief gleich ein, während der Esel sich neben ihm satt fraß.

In dieser Nacht wurde es sehr kalt. Die Äste krachten vor Frost und die kleinen Vögel drängten sich dicht aneinander und plusterten ihr Gefieder auf, um sich gegenseitig zu wärmen.

Frierend wachte Hatschi am nächsten Tag auf.

»Guten Morgen«, sagte jemand neben ihm. »Ist es nicht herrlich warm heute?«

»Wie bitte?« Der kleine Engel fuhr hoch. »Warm?«

Vor ihm stand ein bunt angezogener Mann. Er hatte eine rote Knubbelnase, weiß geschminkte Backen und auf dem Kopf fast keine Haare mehr. Ein gestreiftes und bis in die Kniekehlen reichendes Trikot hing über weiten und viel zu langen Hosen. Seine Füße steckten in Schuhen, die ihm mindestens dreimal zu groß sein mussten.

»Jetzt kommt mir eine Tasse Kaffee gerade recht!«, rief der Mann fröhlich. Er schnupperte zuerst, hob dann die Hand, als ob sie eine Tasse hielte, an den Mund, spitzte die Lippen und schlürfte laut und vernehmlich. »Pfui – ist der aber heiß!«

Der kleine Engel musste lachen. Sofort fror er ein bisschen weniger.

»Gib mir auch einen Schluck von deinem Kaffee!«, bat er.

Der Mann mit der Knubbelnase tat so, als reichte er ihm die Tasse. Hatschi nahm sie ihm aus der Hand und schlürfte. Und gleich war es ihm, als hätte er Kaffeegeschmack im Mund.

»Wie heißt du?«, fragte er dann.

»Dummer August«, antwortete der Mann.

Draußen rüttelte der kalte Winterwind an den Brettern der Scheune. Er pfiff durch die Dachschindeln, und Hatschi wühlte sich tiefer ins Heu.

»Ich heiße Hatschi«, sagte er. »Hast du heute Nacht auch hier geschlafen?«

»Jaja!«, rief der dumme August und machte einen so komischen Luftsprung, dass der kleine Engel vor Lachen wackelte. »Ich hab auch hier geschlafen in diesem Himmelbett aller Himmelbetten, weicher und wärmer als das Gästebett des Königs von Rubinistan!«

Hatschi versuchte sich das Gästebett im Königsschloss von Rubinistan vorzustellen.

»Was hat dich denn hierher gebracht?«, fragte er neugierig.

Der dumme August legte den Finger auf die Knubbelnase und überlegte. »Einfach so«, flüsterte er dann. »Eigentlich nichts.«

»Ist auch egal«, sagte der kleine Engel. »Hauptsache, du bist mir über den Weg gelaufen.«

»Dir?« Der Mann sah Hatschi verwundert an. »Du tust ja, als wärst du selbst ein König?«

»Nein, nein«, erklärte ihm Hatschi. »Ich bin nur ein kleiner Engel, der jedem, dem er begegnet, eine Einladung zu überbringen hat.«

»Eine Einladung! Uiii, das ist prima!«, jubelte der dumme August. »Wohin? Zum König von Türkistan oder in eine warme Teestube?«

»Weder – noch«, sagte Hatschi. »Es ist eine Einladung zum Geburtstag des Christkinds in sechzehn Tagen. Es wird ein großes Fest.«

»Da komm ich gern!«, rief der dumme August. »Dann bring ich das Christkind zum Lachen. Gibt es etwas Schöneres auf der Welt als Lachen?« Und er lachte aus vollem Hals. »Gib mir meine Tasse wieder!«, sagte er dann zu Hatschi. »Ich muss sie spülen.« Er nahm die Tasse zurück und tat so, als würde er sie abspülen.

»Kennst du den König von Rubinistan persönlich?«, fragte der kleine Engel.

Da stolzierte der dumme August in der Scheune auf und ab, als trüge er einen Königsmantel. »Freilich, freilich!« Er warf sich in die Brust vor Stolz. »Der Arme hat schreckliche Sorgen mit dem König von Türkistan.« »Was für Sorgen denn?«, fragte Hatschi. »Er ärgert sich über ihn.«

»Er ärgert sich?«

»Ja, und umgekehrt ist es genauso.« »Und sie können sich nicht einig werden?« »Zum Einigwerden muss man miteinander reden.«

»Ja, reden sie denn nicht mehr miteinander?«

»Nein, nein. Das besorgen ihre Minister.«

»Da muss ich hin«, sagte der kleine Engel. »Ich werde jedem von ihnen eine Einladung überbringen, und wenn sie auf dem Geburtstagsfest zusammenkommen, dann müssen sie miteinander reden. Und wenn sie wieder miteinander reden, wird alles gut.«

»Das ist großartig!«, rief der dumme August. »Dann zieh ich auch jetzt meinen dicken Pelzmantel an und mach mich auf den Weg.«

Der kleine Engel wühlte sich aus dem Heu und weckte den Esel, der immer noch schlief.

»Auf den Weg – wohin?«, fragte er.

»Nur so – überallhin«, antwortete der dumme August. »Ich muss die Leute zum Lachen bringen. Das ist mein Beruf und den nehme ich sehr ernst.« Er tat so, als schlüpfte er in einen dicken Pelzmantel, schob das Scheunentor zurück und verschwand im dichten Schneegestöber.

Der kleine Engel hörte ihn noch aus der Ferne rufen:

»Uiii – wie schon die Sonne scheint. In sechzehn Tagen hat das Christkind Geburtstag! Uiii – wie ich mich freue!«

Sigrid Heuck: Frohe Weihnachten, liebes Christkind!

Würzburg, Arena, 2004

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