Morgen Früh am Weihnachtstag – Pearl S. Buck

 

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Rob liebte seinen Vater, aber erst ein paar Tage später wurde ihm bewusst wie sehr, als er ihn kurz vor Weihnachten mit seiner Mutter sprechen hörte:ob war fünfzehn und lebte auf einem Bauernhof. Jeden Morgen schleppte er sich um 4 Uhr Morgens mühsam aus dem Bett, um zu helfen, die Kühe zu melken. Manchmal dachte er, dass die Aufgabe einfach viel zu groß für ihn war.

Rob liebte seinen Vater, aber erst ein paar Tage später wurde ihm bewusst wie sehr, als er ihn kurz vor Weihnachten mit seiner Mutter sprechen hörte:

«Mary, ich hasse es, Rob so früh aus dem Schlaf reißen zu müssen. Er wächst gerade sehr schnell, und er braucht Schlaf. Ich wünschte, ich könnte alleine zurechtkommen.»

«Du kannst es nicht, Adam.» Die Stimme der Mutter klang entschlossen.

«Ich weiß», sagte der Vater langsam, «aber ich hasse es, ihn zu wecken!»

Als er diese Worte hörte, fühlte er etwas in sich erwachen: sein Vater liebte ihn! Daran hatte er noch nie gedacht. Von diesem Tag an stand er schneller auf. Blind vor Schlaf und mit geschlossenen Augen zog er sich an, aber er stand trotzdem auf.

 

Und dann in der Nacht vor Weihnachten, im Jahr, in dem er fünfzehn wurde, lag er auf dem Bett und beobachte die Sterne aus seinem Dachbodenfenster. Er wünschte, er hätte ein besseres Geschenk für seinen Vater als die Kravatte aus dem ein-Pfenning-Laden.

Die Sterne leuchteten und einer strahlte so hell, dass er sich fragte, ob dieser nicht der Stern von Bethlehem sein könnte. «Vater,» hatte er einmal gefragt, «was ist ein Stall?»

»Es ist nur eine Scheune,» hatte sein Vater geantwortet, «wie unsere.»

Jesus wurde also in einer Scheune geboren, und zu dieser Scheune waren die Schäfer und die drei Weisen mit ihren Gaben gekommen.

 

Der Gedanke schlug ihn wie ein Stein. Warum nicht dem Vater ein besonderes Geschenk geben? Er könnte früh aufstehen, früher als vier Uhr, in die Scheune schleichen und melken. Er würde es alleine tun – Melken und Saubermachen – und wenn der Vater melken ginge, würde er alles bereits getan finden. Und er würde erraten wer es getan hatte.

 

Zwanzig Mal muss er in dieser Nacht aufgewacht sein. Um Viertel vor drei stand er auf, zog sich an und schlich vorsichting die knarrende Treppe hinunter und ging hinaus. Ein großer leuchtender und rötlich goldener Stern stand über der Scheune. Die Kühe sahen ihn an, müde und überrascht.

Er hatte noch nie allein gemolken, aber es schien ihm einfach. Er dachte immer wieder, wie überrascht der Vater sein würde. Er lächelte und melkte ruhig weiter. Zwei starke Strahlen flossen in den Eimer, schaumig und duftig. Die Kühe waren immer noch überrascht, nickten ihm aber annerkenend zu. Zum ersten Mal standen sie ruhig da, als ob sie wussten, dass es Weihnachten war.

Die Aufgabe ging leichter als je zuvor. Diesmal war sie keine lästige Pflicht. Es war was anderes: ein Geschenk für einen Vater, der ihn lieb hatte.

Zurück in seinem Zimmer hatte er kaum Zeit, sich im Dunkeln auszuziehen und ins Bett zu schlüpfen, da hörte er schon den Vater aufstehen.

Er zog die Decke über den Kopf, um seine käuchende Atmung zu dämpfen. Die Tür öffnete sich.

«Rob!» rief sein Vater. «Wir müssen aufstehen, mein Sohn, trotz Weihnachten.»

«Schon gut», sagte er mit verschlafender Stimme.

«Ich gehe voraus und beginne die Arbeit», sagte der Vater noch.

Die Tür schloß sich, und er lag still und kichernd im Bett. Die Minuten vergingen langsam — zehn, fünfzehn, er wusste nicht wie viele — bis er wieder die Schritte des Vaters hörte.

«Rob!»

«Ja?»

Sein Vater lachte, ein eigenartiges Lachen, schluchzend.

«Dachtest du, ich würde darauf hereinfallen?»

«Frohe Weihnachten, Vater!»

Sein Vater saß auf dem Bett und umklammerte ihn fest in seinen Armen. Es war dunkel und sie konnten sich gegenseitig nicht sehen.

«Vielen Dank, mein Sohn. Mir hat niemand je so was Schönes getan…»

«Oh, Vater.» Er wusste nicht, was er sagen sollte. Sein Herz war voller Liebe.

»So, ich glaube ich kann zurück ins Bett», sagte der Vater nach einer Weile. «Nein, hör zu. Die Kleinen wachen gerade auf und wenn ich jetzt daran denke, habe ich noch nie eure Gesichter gesehen, wenn ihr den Weihnachtsbaum in den früh zu sehen bekommt. Ich war immer in der Scheune. Komm schon!»

Rob stand auf, zog sich wieder an, und beide gingen zum Weihnachtsbaum. Die Sonne stand jetzt wo der Stern gewesen war. Oh, was für ein Weihnachten! Wie sein Herz fast platzte vor Scheu, als Vater seiner Mutter und den jüngeren Kindern erzählte, wie Rob, von sich selbst aus aufgestanden war.

«Das beste Weihnachtsgeschenk, das ich je bekommen habe, und so lange ich lebe werde ich mich jedes Jahr zu Weihnachten daran erinnern, mein Sohn.»

Pearl S. Buck

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