Das kleine Weihnachtsfest

Das kleine Weihnachtsfest

Agnes S. Turnbull

Margaret Greaves winkte noch einmal, und zum letztenmal, von der obersten Stufe der Haustreppe, als Henrys Taxi über die vereiste Straße davonschlich. Dann schloß sie mit einem Kälteschauer die Tür und ging niedergeschlagen ins Wohnzimmer zurück.

Wieder einmal war ein Weihnachtsfest mit seinen sogenannten »festlichen« Tagen vorbei. Und nie vorher hatte sie sich so müde an Körper und Geist, so im Innersten enttäuscht gefühlt.

Wie stets hatte sie auch diesmal den großen Tagen mit einer beinahe kindlichen Spannung entgegengeblickt. Hank würde von der Universität, Penny von ihrem College heimkommen und Cecily und ihr Mann Bill aus der Stadt ins Elternhaus.

Die ganze Familie wieder vereinigt, alle durchströmt von dem köstlichen Glücksgefühl, wie an den Weihnachtsfesten der letzten Jahre…

Aber dieses Gefühl hatte versagt; wie schon oft in letzter Zeit. Nur war diesmal alles schlimmer als sonst gewesen.

Margaret ließ sich erschöpft auf die Couch sinken und blickte sich um. Der Raum schien ihr freudlos und unordentlich; er bot das Bild eines Hauses am Ende der festlichen Tage.

Wenn es nur das wäre, dachte sie. Ein Tag aufräumen, und alles würde wieder seine Ordnung haben – so einfach wäre das. Aber das Übel saß viel tiefer. Und trotzdem wußte sie, daß die Arbeit der Enttäuschung und Trauer unmittelbar entgegenwirken würde. Pennys Zimmer im oberen Stock sah nach ihrer gestrigen Abreise aus, als sei ein Tornado darüber hinweggefegt, und dasjenige Hanks, der schon vor zwei Tagen zurückgefahren war, sah auch nicht viel besser aus. So würde ihr also Henrys Geschäftsreise wenigstens Gelegenheit geben, gründlich aufzuräumen.

Sie sah die vergilbte Stechpalme an, die Mistelzweige und den kleinen Christbaum. Diese würde sie zuerst wegräumen, und es war ja auch der richtige Tag dafür. Dreikönige, das »kleine Weihnachtsfest«, wie es von der alten Kinderfrau Anja im Sprachgebrauch ihrer fernen Heimat immer genannt wurde.

Plötzlich stieg Margaret eine sanfte, ungewohnte Röte in die Wangen. Da saß sie nun in Gedanken versunken und sprach laut vor sich hin.

»Kleines Weihnachtsfest«, sagte sie wieder und wieder. »Kleines Weihnachtsfest, jetzt, heute, und meins, wenn ich will!«

Und sie wußte, daß sie das wollte. Mehr als nach allem andern in der Welt sehnte sie sich nach einer zweiten Chance in diesem Jahr, Weihnachten zu feiern. Wie ein aufgeregtes Schulmädchen fing sie an, Pläne zu machen. Zuallererst wollte sie das Wohnzimmer aufräumen und säubern. Sie würde (und mit welchem Gefühl der Erleichterung) die welke Stechpalme wegwerfen und sie durch frisches Grün ersetzen; sie würde die albernen Einhörner und Goldkugeln forträumen, mit denen Cecily den Kaminsims dekoriert hatte. Sie wollte sogar die alte Krippe und die Figuren der Hirten und Weisen vom Speicher holen. Sie standen früher jede Weihnacht auf dem Kaminsims.

Margaret erinnerte sich daran, wie Cecily zum erstenmal über sie gemault hatte. Es war bei ihrem ersten Weihnachtsurlaub vom College gewesen.

»Mutter, muß denn dieser alte Krempel »Mutter, muß denn dieser alte Krempel wirklich wieder auf den Kaminsims? Schrecklich altmodisch. Ich würde es gern mal mit etwas Neuem versuchen, etwas Überraschendem…«

Wie gewöhnlich gaben sie Cecily nach, und das Resultat war weiß Gott überraschend. Im nächsten Jahr hatte sie gebeten, den Baum selber schmücken zu dürfen. »Ich hab’ eine großartige Idee, Mutter! Ich finde es schrecklich kindisch, immer das gleiche alte Zeug hinzuhängen. Laß es mich einmal versuchen, bitte!«

Und natürlich war es ihr erlaubt worden. Sie konnten ihr einfach an jenem Weihnachten nichts abschlagen. Sie war als Klassenerste mit einem glänzenden Zeugnis und einer besonderen Anerkennung des Direktors heimgekommen. Sie hatte die Hauptrolle in der Schulauf fuhrung ihres Semesters gespielt und sogar in der Ausstellung des Colleges eines ihrer Bilder zeigen dürfen.

Aber so war Cecily – hinreißend hübsch und attraktiv. Ihr wacher Geist und ihr gutes Aussehen, zu denen noch ihre künstlerischen Begabungen kamen, stellten sie schon immer in den Mittelpunkt jeder Szene.

Als der kleine Hank geboren wurde, wog die Tatsache, daß er ein Junge war, sein alltägliches Aussehen auf. Und als er größer wurde, wußte er sich mit handfester, männlicher Normalität zu behaupten.

Penny, ihr drittes Kind, war das eigentliche Problem gewesen. Ihr Haar war dunkel und strähnig, ihre Augen mißtrauisch und grau, und ihre Gesichtszüge zu herb, um schön zu sein. In der Schule war sie unter dem Durchschnitt geblieben. Irgendwie fiel sie immer auf. Sie hatte keines der großen Colleges besuchen können, und besonders keines vom Range dessen, in dem Cecily war, aber schließlich konnte man sie doch in einem der unbedeutenderen unterbringen.

Wieder kam es Margaret in den Sinn, wie Cecily zum erstenmal den Weihnachtsbaum geschmückt hatte. Bisher war es ihr nie ganz klargeworden, aber jetzt entsann sie sich, daß es ihr an jenem Weihnachten zum erstenmal auffiel, wie anders geartet Penny war.

Henry war stark verärgert und sie selber bestürzt und verletzt.

Jetzt fragte sie sich plötzlich, ob daran wirklich der Christbaum schuld gewesen war. Penny holte früher immer den Baumschmuck vom Speicher und bestand darauf, auf die Leiter steigen zu dürfen, um den Stern an der Spitze zu befestigen.

Margaret betrachtete den kleinen Baum auf dem Tisch, der mit geschickt ersonnenen Papierrosetten behängt war, hinter denen die winzigen Lampen rötlich schimmerten. Zugegeben, es war bestimmt künstlerisch und originell, aber weihnachtlich sah es nicht aus. Sie stand auf und ging fast erbittert zu dem Bäumchen, entfernte die Rosetten und warf sie in den Papierkorb. Sie nahm die Lämpchen ab, dann ergriff sie den Baum und warf ihn aus der Hintertür.

Sie war nun mitten in ihrer Arbeit und selber erstaunt, wie rasch sie ihr von der Hand ging. Sie stieg auf den Speicher und holte die Schachteln mit der Krippe und den Krippenfiguren. Dann stellte sie alles behutsam und liebevoll dahin, wo es immer gestanden hatte.

Sie trat zurück und musterte das Zimmer. Es war schön. Heute abend wollte sie Kerzen und ein Feuer im Kamin anzünden und alles das tun, was sie zu Weihnachten immer tun wollte. Dadurch würde sie vielleicht Kraft und Einsicht genug gewinnen, um morgen die Sorgen auf sich zu nehmen, die ihr Herz beschwerten.

Sie blickte in die Ecke, in der der große Baum sonst immer gestanden hatte. Es war töricht von ihr, ihn jetzt wieder dort sehen zu wollen, aber sie tat es.

Wenn sie ihn nur haben könnte, behängt mit dem alten Schmuck, und die Spielsachen darunter, welche die Kinder immer dahin stellten, dann wäre es so, als ob sie jene glücklichen Tage wieder herbeizaubern könnte, als Weihnachten noch eine ungetrübte Freude gewesen war.

Da kam Margaret ein Einfall. Nebenan wohnten die Dyers’. Ihre Kinder waren klein, und ihr Baum war groß. Sie zögerte nicht lange, um sich nicht von Vernunfts- und Schicklichkeitsgründen von ihrem Plan abbringen zu lassen. Sie nahm einen Mantel um und ging hinüber. Die kleine Mrs. Dyers war gerade dabei, ihren Baum abzuschmücken.

»Was wollen Sie denn mit dem Baum machen?« fragte Margaret, als die ersten Höflichkeiten getauscht waren.

»Ja, das ist ein Problem, nicht wahr?« sagte Mrs. Dyers. »Ich denke, ich werde ihn fürs erste einmal in den Hinterhofwerfen.«

»Würden Sie ihn mir vielleicht geben?« Margaret bemühte sich, die Frage ganz unbefangen zu stellen. »Sehen Sie, ich bin auf eine dumme Idee gekommen. Ich möchte ein kleines Experiment mit Baumschmuck machen, für das nächste Fest, und unser Baum ist zu klein dafür.«

Margaret hoffte, es habe nicht allzu phantastisch geklungen. Mrs. Dyers stimmte erleichtert zu.

Beim Heimgehen dachte Margaret an ihre junge Nachbarin. Sie hoffte, Hank würde eines Tages solch ein Mädchen heiraten, so lebhaft, heiter und modern, und doch eine so gute Mutter und Hausfrau. Würde Hank vernünftig wählen? Würde er warten, bis er wirklich wußte, was er sich wünschte?

Dieses Mädchen, das er während der Feiertage oft ausgeführt hatte, war so schnippisch, so selbstbewußt, so überfeinert, mit kühl berechnenden Augen und einem Lachen, in dem ein spröder Ton schwang.

Hank war bisher noch mit keinem Mädchen gegangen. Er hatte sich eigentlich immer nur für Sport interessiert. Was würde sein, wenn er von diesem Mädchen wirklich geblendet wäre? Margaret fühlte instinktiv, daß es ein Unglück für ihn sein könnte.

Margaret erflehte für ihre Kinder stets das Glück und die dauernde Zufriedenheit in der Liebe, die sie selber mit Henry verband. Und als sie an Cecily dachte, hatte sie das Gefühl, ihr Herz kehre sich um, denn hier lag der bitterste Schmerz.

Kaum war sie zu Hause, als der ältere Dyersbub mit dem Baum erschien. Jetzt beeilte sie sich nicht mehr mit ihrer Arbeit. Während sie den Baum schmückte, hielt sie oft inne und betrachtete den alten Tand in ihrer Hand. Die Früchte zum Beispiel, den roten Apfel, den goldenen Pfirsich, die grellgrüne Birne. Die Kinder hatten sie ganz besonders gern gehabt. Und dann kamen die kleine silberne Trompete, die rosa Wachsrose, der blaue Vogel und der Engel. Und jedes dieser Dinge redete seine eigene Sprache, erzählte seine eigene Geschichte.

Schließlich blieb nichts mehr als der Stern, der auf die Spitze gehörte. Sie dachte an Penny, die immer gebettelt hatte, den Stern befestigen zu dürfen.

Penny, ihre fremde, unbegreifliche Tochter, die schon im ersten Semester in zwei Fächern durchgefallen war.

Es schien ihr gar nichts auszumachen, und als sie heimkam, war es notwendig, sie ernstlich ins Gebet zu nehmen. Sie erwähnte nur nebenbei, daß sie einen Schwimmrekord gebrochen hatte. Das brachte bei Henry das Faß zum Überlaufen.

»Ein Schwimmrekord!« Er hatte es beinahe gebrüllt. »Glaubst du, wir zahlen jährlich fünfzehnhundert Dollar, damit du schwimmen gehst? Jetzt ist aber Schluß mit dem Blödsinn, und du setzt dich über deine Arbeiten!«

Penny hatte nichts darauf erwidert und war in ihr Zimmer gegangen. Was nun, wenn sie wirklich aus dem College fliegen sollte! Was konnten sie dann mit Penny anfangen?

Und dabei war sie doch in andern Dingen so zuverlässig! Cecily vergaß häufig etwas, und immer war es Penny, die schweigend und unauffällig zur Stelle war, wenn sie gebraucht wurde.

Es war auch Pennys Weihnachtsgeschenk gewesen, das ihre Mutter am meisten gefreut hatte: eine kleine Flasche Parfüm der teuren Marke, das Margaret liebte. Das mußte ein großes Loch in Pennys Taschengeld gerissen haben. Das Fläschchen war sauber eingepackt, und eine kleine Karte hing daran: »Frohe Weihnachten für Mom von Penny.«

Cecilys Geschenk war eine phantastisch grüne Handtasche gewesen, die zu keinem ihrer Kleider paßte, und auf der Karte stand: »Ein Meer von Liebe der großartigsten Mutter der Welt.«

Margaret seufzte. Sie wußte schon seit einigenTagen über Cecily und Bill Bescheid. Sie hatten es ihr gestanden, was da drohte, jeder auf seine Art.

»Mutter, ich kann’s kaum fassen! Es ist einfach großartig!« So hatte Cecily begonnen, als sie am Vorabend des Festes ein paar Minuten ungestört waren.

Margaret kannte die Art von Einleitung. Sie bedeutete, daß Cecily wieder einmal irgendeinen neuen Erfolg hatte.

»Man hat mir die Stellung als Mitherausgeberin des Magazins angeboten.«

»Cecily! Aber das ist ja wunderbar! Liebling, ich bin so stolz auf dich!«

»Was gibt es denn?« hatte Penny gefragt, die gerade ins Zimmer kam.

Margaret wiederholte die große Neuigkeit, und Penny nahm sie ohne Kommentar auf und ging.

Cecily fuhr fort: »Ich kann’s niemand sagen, wie sehr ich mir diese Stellung gewünscht habe! Wie glücklich ich mich darin fühlen werde! Und ich weiß, was ich aus ihr machen kann, nur…«

»Nur, was?«

»Bill bockt deswegen.«

»Was soll das heißen?«

»Nun, wir hatten uns doch vorgenommen, daß ich mir im neuen Jahr Zeit nehmen würde, ein Baby zu bekommen. Mit der neuen Stellung kann ich das nicht. Ich meine, Bill sollte doch vernünftig sein. Wir haben ja noch so viel Zeit.« Cecilys reizendes Gesicht war plötzlich hart geworden. Ein fremder Klang war in ihrer Stimme, als sie fortfuhr: »Ich könnte dir sogar sagen, daß diese Sache zwischen uns ernst ist. Er hat mir ja beinahe ein Ultimatum gestellt, und das lasse ich mir von niemandem gefallen.«

»Aber Liebling, darüber solltest du dich doch mit ihm verständigen können… Ein Kompromiß…«

Jetzt merkte sie erst mit Beschämung, daß sie Cecily in dieser höchsten Ehre einen Strich hatte durch die Rechnung machen wollen.

Cecily hatte sich abgewandt. »Vielleicht wirst du mit ihm fertig«, sagte sie, und plötzlich klang ihre Stimme tonlos und müde.

»Auf dich hört er ja immer.«

Bill war an diesem Abend in ihr Zimmer gekommen, wo Margaret fieberhaft die letzten Päckchen einwickelte. Sie hatte solch einen hektischen Tag gehabt, und nun mußte sie vor dem Schlafengehen auch noch den Truthahn füllen. Sie mochte Bill gern, und da er keine Mutter besaß, hatte er sie ins Herz geschlossen.

»Wir haben Ärger miteinander, Mom, Cecily und ich. Es ist schlimm.«

»Sie hat’s mir schon gesagt, Bill. Du darfst eure Ehe nicht zerstören lassen. Du mußt versuchen, auch die andere Seite zu verstehen.«

»Ich brauche dir nicht zu sagen, wie sehr ich Cecily liebe. Das weißt du doch. Aber jetzt hat sie sich zu dem entschieden, was sie will.«

»Lieber Bill, sie ist ja noch so jung. Sie hat später noch Zeit genug.«

»Jede andere, aber Cecily nicht. Ich kenne sie wahrscheinlich besser als du. In ein paar Jahren wird ihr dieses Magazin schrecklich viel Arbeit machen. Sie wird keine Zeit mehr haben, Kinder zu bekommen und ihnen ein Heim zu bieten. Und ich bin ganz sicher«, setzte er zögernd hinzu, »daß sie kaum mehr Raum für mich haben wird, wenn sie weitermacht.«

»Sag das nicht, Bill.«

»Ich sehe nur den Tatsachen ins Gesicht. Aber eines mußt du mir glauben, Mom, ich habe auch Cecilys Glück im Auge, nicht nur mein eigenes. Ich habe genug einsame, berufstätige Frauen von fünfundvierzig gesehen.«

»Ich auch.«

»Deswegen kämpfe ich mit allen Kräften um uns beide.«

Unter Tränen hatte sie ihn geküßt. »Ich wünsche euch beiden alles Glück Aber tut euer Bestes, um einander zu verstehen. Cecily werde ich das noch selber sagen. Und laßt es mich wissen, wenn ihr mit dieser Geschichte ins reine gekommen seid.«

Margaret versuchte, ihrer Besorgnis Herr zu werden. Sie hatte inzwischen von den beiden kein Wort mehr darüber gehört. Sie wußte nicht, ob das ein gutes oder schlimmes Zeichen war. Hastig verzehrte sie ihr einsames Abendessen, dann entfachte sie das Feuer im Kamin, zündete die Kerzen an und knipste die Lämpchen am Baum an. Dann setzte sie sich hin und überließ sich einer Anwandlung von Frieden.

Dieser Abend gehörte ganz ihr, und in ihm konnte sie sich mit dem abfinden, was sie entbehrt hatte, und sich für das Kommende rüsten. Plötzlich kam ihr in den Sinn, daß dasjenige ihrer Kinder, das sich jetzt mit ihr freuen würde, Penny war. Sie würde nicht viel Worte machen, aber sie würde sich freuen.

»Ich habe einen Schwimmrekord gebrochen…« Dieser Satz schoß ihr durch den Kopf. Penny hatte ihn ganz nebenbei fallenlassen, als ihre Leistungen zur Sprache gekommen waren. Und außer Henrys Aufbrausen hatten sie diese Neuigkeit vor lauter Sorgen um Pennys Studium ohne Kommentar hingenommen. Sie hatte einen Rekord gebrochen. Was für einen Rekord? Sie hatten nicht einmal danach gefragt.

Plötzlich setzte Margaret sich sehr aufrecht hin. Das mußte für Penny doch viel bedeutet haben! Sie hatte ihren Triumph auf ihre Art vor ihnen ausgebreitet, und sie ignorierten ihn.

Margaret begriff plötzlich; es war der erste Triumph, den Penny bisher erlebt hatte. Sie war schon immer gern schwimmen gegangen, aber niemand hatte sich viel darum gekümmert. Und nun dieser Rekord!

In einer plötzlichen Eingebung stand Margaret auf und rief Penny mit einem Ferngespräch an.

»Hallo, Liebling!« Margaret wußte, daß ihre Stimme nervös klang.

»Hallo, Mom! Irgendwas los?«

»Aber nein. Penny, ich möchte nur etwas über den Schwimmrekord erfahren, den du gebrochen hast.«

»Was möchtest du?«

»Erzähl mir alles darüber.«

»Ach, da gibt’s nicht viel zu erzählen.«

»Penny, bitte! Was für ein Rekord ist das gewesen?«

»Nun«, sie hörte den freudigen Ton, der in Pennys Stimme gekommen war, »weißt du, im College finden doch keine Wettkämpfe statt. Wir haben einfach unsere eigene Mannschaft. Aber natürlich verfolgen wir alle Rekorde. Und gerade vor Weihnachten hab’ ich den Hundert-Meter-Rekord der amerikanischen Frauenliga im Freistilschwimmen gebrochen …« Penny gab sich Mühe, das ganz gleichgültig zu sagen, aber ihre Mutter spürte, wie erregt sie war.

»Penny, aber das ist ja einfach großartig! Waren sie nicht ganz außer Rand und Band drüben in deiner Schule?«

»Ach, ein bißchen Aufhebens haben sie schon davon gemacht.«

»Liebling, ich bin so stolz auf dich, daß ich ganz durcheinander bin.«

Langes Schweigen am anderen Ende der Leitung. Margaret fuhr fort: »Ich wollte, du wärst heute abend hier. Weißt du, ich bin ganz allein, und so feiere ich das, was Anja das kleine Weihnachtsfest genannt hat. Erinnerst du dich? Ich habe alles so hergerichtet wie früher, als ihr noch Kinder gewesen seid, die Krippe und die Figuren auf dem Kamin, und ich habe mir Dyers’ Baum ausgeliehen und den alten Schmuck daran gehängt.«

»Mom, das hast du getan?« Es klang beinahe ungläubig.

»Ja. Klingt ein bißchen verrückt, nicht wahr?«

»Ist der blaue Vogel dran… und die Rose?«

»Ja.«

»Und die Früchte auch?«

»Alles.«

»Der Pfirsich hat mir gehört. Ich hab’ immer Angst gehabt, Cecily wollte ihn haben, aber die hat den Apfel gewählt. Die Birne hat Hank gehört. Du… du hast die Spielsachen wohl nicht vom Speicher geholt?«

»Doch, das habe ich. Die Puppe und den Teddybären und den Hund. Sie haben doch immer dazugehört. Aber dieses Jahr hat alles nicht so recht gestimmt. Ich frage mich, ob du weißt, daß Cecily und Bill…«

»Cecily ist eine verdammte Idiotin. Wenn ich so einen netten Mann hätte wie Bill, möchte ich Kinder von ihm.«

»Ich bin sicher, daß du das möchtest, Liebling. Ich wollte, Cecily hätte ein bißchen mehr von dir.«

Wieder ein atemloses Schweigen, und dann kam eine seltsam heisere Stimme. »Möchtest… möchtest du das noch mal sagen?«

»Ich habe gesagt«, wiederholte Margaret laut und deutlich, »ich wollte, Cecily hätte ein bißchen mehr von dir.«

»Mom…«

Ja, Liebling.«

»Ich bin schrecklich froh, daß du angerufen hast.«

»Ich auch.«

»Willst du Hank auch anrufen?«

»Daran hab’ ich noch nicht gedacht.«

»Ich glaube, Hank würde das von dem Baum gern hören. Und Mom, sag Daddy, daß ich jetzt feste arbeiten will. Es wird mir nun viel leichter fallen. Ich… ich fühle mich jetzt ganz anders. So… so glücklich!«

»Ich werd’ es ihm sagen, Penny. Alles Liebe! Und gute Nacht!«

Mit feuchten Augen saß Margaret am Schreibtisch. So viel schien sich jetzt geklärt zu haben. Sie meldete ein Gespräch mit Hank an. Sie zweifelte, ob ihn das alles stark interessieren würde, aber es würde ihr guttun, seine Stimme zu hören. Als sie ihm fast entschuldigend sagte, was sie getan hatte, lachte Hank nicht.

»Hast du die Trompete an den Baum gehängt?« fragte er.

»Natürlich.«

»Auch die Birne?«

Ja.«

»Bei Gott, ich erinnere mich, daß ich sie immer am liebsten gehabt habe. Wegen der Trompete hat es einen Kampf mit Cecily gegeben, aber ich bin Sieger geblieben.«

»Ich habe auch die alten Spielsachen heruntergeholt. Du weißt doch, eure Lieblinge, die immer Weihnachten mit euch feiern sollten.«

»Hast du? Na, bist du nicht erstaunlich sentimental, Mom? Ich weiß noch, wie Penny sie immer heimlich heruntergeholt und hinter dem Baum versteckt hat, als wir schon zu groß für sie geworden waren. Penny ist ein gutes Mädchen.«

»Ja, das ist sie gewiß«, stimmte Margaret zu, und es steckte ihr etwas in der Kehle. Sie erzählte ihm auch von Pennys Schwimmrekord. Hank war ganz aufgeregt.

»Nein! Im Ernst? Sie hat den Hundert-Meter-Freistil-Rekord gebrochen? Das ist wirklich allerhand, Mom! Und sie hat kein Wort davon gesagt.«

»Schreib und gratuliere ihr, Hank.«

»Darauf kannst du dich verlassen. Nein, das ist doch wirklich enorm! Aber weißt du, Penny setzt sich immer so leidenschaftlich für alles ein. Na, und was machst du heute abend, Mom, so ganz allein?«

»Ach, alles, wozu ich beim richtigen Weihnachten keine Zeit gehabt habe. Ich liebe die altmodischen Bräuche ebenso« – sie zögerte ein wenig – »wie einige altmodische Qualitäten bei Mädchen.«

»Jaa… vermutlich ist das auch bei mir der Fall, wenn ich ehrlich sein soll.«

»Auf die Dauer steht man sich besser mit ihnen, Hank.«

»Daß du wieder davon anfangen mußt!« In seiner Stimme war eine leichte Schärfe.

(Er ist dabei, hinter das Mädchen zu kommen, dachte Margaret. Und dann wird er bald sicher vor ihr sein.)

»Mom, ich möchte mir das Zimmer wieder mal so vorstellen können, wie es in unserer Jugend ausgesehen hat. Laß es uns doch nächstes Jahr so machen.«

»Das werden wir. Und nun alles Gute, Lieber. Leb wohl!«

Margaret ging langsam zur Couch zurück und setzte sich. Ihr war warm ums Herz geworden. Und jetzt zu ihrem Abend. Sie hatte sich ihre liebste Weihnachtslektüre ausgesucht. Die Bücher lagen neben ihr auf dem Tisch. Sie reichten von der »Nacht vor dem Fest« bis zum Lukas-Evangelium. Sie lächelte, als sie über die Bücher strich. Wie verschieden sie auch sein mochten, sie liebte sie alle, und sie wollte in ihnen lesen. Und ein paar Weihnachtslieder wollte sie auch noch spielen.

»Du mit deinen ewigen Weihnachtsliedern!« hatte Cecily manchmal gesagt. »Werden sie dir allmählich nicht langweilig?«

Sie versah den Kamin mit neuen Scheiten, setzte sich mit einem tiefen, zufriedenen Seufzer und begann zu lesen. Und in diesem Augenblick hörte sie draußen ein ungeduldiges Rappeln des Türklopfers und dann die Haustür aufgehen. Sie wußte sofort, daß das Cecily und Bill waren.

Cecily trat als erste ein. Sie sah blaß und angegriffen aus. Bill, der ihr auf dem Fuß folgte, wirkte, als habe er eine Woche lang nicht geschlafen. Margaret wußte, daß sie gekommen waren, um es ihr zu sagen. Jetzt, heute, an diesem Abend!

Aber beide sahen sich nur erstaunt im Zimmer um.

»Was in aller Welt…! « rief Cecily.

»Es ist die zwölfte Nacht«, sagte Margaret. »Das kleine Weihnachtsfest. Dieses Jahr hat mich unser Weihnachten enttäuscht, und deswegen feiere ich es noch einmal. Und das werde ich tun, auch wenn ihr dabei seid.«

Bill stand am Kamin und betrachtete die Krippe und die Krippenfiguren. Cecily war zum Baum gegangen. Ihre Mutter konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber sie sah, wie sie den Baumschmuck berührte.

»Wo ist der Apfel?« fragte sie.

»Dort, ein bißchen höher rechts.«

»Der und der Engel haben immer mir gehört.«

»Was war das?« fragte Bill.

»Nichts«, sagte Cecily.

Und dann stieß sie einen kurzen Ruf der Überraschung aus.

»Himmel, sogar die alten Spielsachen hast du heruntergeholt!«

Bill war zu ihr getreten. Er spähte in den Schatten unter der Tanne. Cecily nahm die Puppe auf, aber sie setzte sie plötzlich wieder hin und wandte sich ab, als schäme sie sich einer Dummheit.

Margaret sagte sehr bestimmt: »Ich werde jetzt ein paar Weihnachtslieder singen und spielen und dann die Lieblingsstellen aus meiner Weihnachtslektüre lesen. Ich muß euch warnen.«

Bill ging zum Sessel vor dem Kamin und ließ sich hineinsinken. Im Schein der Tischlampe sah sein Gesicht mager und verhärmt aus. Cecily warf ihm einen kurzen Blick zu, dann setzte sie sich auf die Couch. Ihr schönes Profil sah immer noch kalt und angegriffen aus.

»Ich denke, das werden wir wohl noch aushalten können«, sagte sie.

Margaret spielte und sang ohne Noten. Es kostete sie große Anstrengung, sich der vertrauten Worte zu erinnern und sich nicht von dem Kummer ablenken zu lassen, den sie in Cecilys und Bills Gesichtern wahrnahm.

Sie ging von einem der lieben, alten Lieder zum nächsten über und war schließlich bei »Stille Nacht« angekommen. Als sie sang, brach ihr fast das Herz vor Verlangen nach ihren Kindern, die mit ihr in diesem Zimmer saßen und doch so weit fort waren.

Bill saß jetzt vorgebeugt, den Kopf in den Händen. Cecily verhielt sich still und blickte in den Baum. Einmal fing ihre Mutter einen Blick auf, den sie Bill zuwarf, um dann schnell wieder fortzusehen.

Margaret stand auf und ging wieder zu ihrem Platz. Sie versuchte unbefangen zu sprechen.

»Jetzt«, sagte sie, »werde ich meine alten Lieblingsstellen lesen. Ihr könnt immer noch ausreißen, wenn ihr wollt.«

Keiner der beiden gab eine Antwort, und so begann sie zu lesen. Sie las den »Abend vor der Heiligen Nacht«. Als sie geendet hatte, blickte sie versonnen auf die lodernden Scheite.

»Als die Kinder noch klein waren, Bill, haben wir ihnen immer erlaubt, am Nachmittag vor dem Heiligen Abend beim Baumschmücken zu helfen. Und nach dem frühen Abendessen haben sie sich auf den Teppich vor dem Kamin gehockt, während ich ihnen vorlas. Erinnerst du dich, Cecily?«

»Natürlich«, gab sie in einem seltsamen Ton zur Antwort.

»Auch als sie älter geworden sind, haben wir unser weihnachtliches Ritual noch immer geliebt, nur haben wir dann ein Stückchen des »Weihnachtsliedes« in Prosa dazugenommen.«

Margaret schlug den alten, zerlesenen Band Dickens auf und las. Sie las langsam und gedämpft. Dazwischen sah sie einmal auf und bemerkte, daß der verhärmte junge Mann und die junge Frau mit dem versteinerten Gesicht einander ansahen. Bills Blicke waren schmerzlich und flehend, und die seiner Frau… aber sie konnte Cecilys Augen nicht sehen.

»Erinnerst du dich auch, Cecily, wie ihr Kinder immer Angst um den kleinen Tiny Tim gehabt habt, obwohl ihr wußtet, daß er gar nicht zu sterben brauchte?«

»Ich erinnere mich«, sagte Cecily.

Margarets Kehle war nun wie zugeschnürt. »Und jetzt«, sagte sie, »werde ich die schönste Geschichte von allen lesen.«

Sie griff zu der kleinen Bibel und las die Weihnachtserzählung des Lukas-Evangeliums, und etwas vom Frieden dieser Worte schien aus den Seiten aufzusteigen und im Raum zu schweben.

»Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde…«

Als Margaret weiterlas, fühlte sie, wie ihre eigene Bewegung sie überwältigte. Sie wußte auch, daß sie das Kapitel des Lukas-Evangeliums nie würde zu Ende lesen können.

»…Und sie gebar ihren ersten Sohn und wik-kelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge…«

Die Stimme versagte ihr. Sie schloß das Buch und legte es auf den Tisch zurück. Schweigen herrschte im Raum. Sie wagte nicht aufzublicken, als die Minuten verstrichen.

Dann endlich spürte sie, daß Cecily aufgestanden und zu Bill hinübergegangen war. Da hob sie den Blick und sah sie dort stehen, die Wangen tränennaß und auf dem Gesicht das liebliche Wunder der Frau, die sie eines Tages werden würde.

»Wir müssen gehen, Mutter. Bill ist so schrecklich müde. Er braucht ein bißchen Ruhe. Es ist wunderbar gewesen, heute abend hier zu sein. Und, Mutter, bewahre das Spielzeug gut auf. Du weißt nicht, was vor dem nächsten Jahr geschehen kann.«

Als sie fort waren, kam Margaret in den tannenduftenden, feuererwärmten, kerzenerhellten Raum zurück, und ihr Herz schmolz in Freude hin. Mit der Hoffnung und Erleichterung war zugleich ein neues Wissen und Verstehen in ihr erwacht. In der Wiederkehr der Heiligen Nacht, in der die Weisen gekommen waren, um das Kind in der Krippe anzubeten, waren ihr die eigenen Kinder wiedergeschenkt worden, und sie waren von den Gefahren verschont, die sie immer bedroht hatten.

Wie früher waren sie jetzt vereint und geschützt im Kreis der Liebe.

Wenn Henry bei ihr wäre, um sich mit ihr zu freuen, wäre der Kreis geschlossen.

Sie hob den Kopf und dachte nach. Sie konnte es nicht ertragen, ihn so von dem seltsamen und wundervollen Glück dieses Abends ausgeschlossen zu wissen. Sie konnte ihn nicht anrufen, weil es der Abend des großen Banketts war, aber sie konnte ihm ein Telegramm schicken.

Ein kleines Lächeln spielte auf ihren Lippen, als sie sich das vorstellte. Sie sah Henry vor sich, wie er spät ins Hotel zurückkam und ihr Telegramm vorfand. Zuerst würde er erschrecken, und dann, wenn er es gelesen hatte, verwundert sein. Schließlich würde er es mit dem ihr vertrauten, halb spöttischen, halb liebevollen Ausdruck seiner Augen in die Brusttasche stecken. Er würde denken: Was sie jetzt wohl hat?

Margaret wiederholte sich den Text ihrer Botschaft dreimal, ehe sie ihn dem Fräulein vom Amt durchgab.

»Frohes kleines Weihnachtsfest und all meine Liebe.«

Aus:
Ein Fisch hat keinen Heiligen Abend. 7 ungewöhnliche Weihnachtserzählungen.
Wien: Zsolnay 1994

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