Erikas Geschichte

Erikas Geschichte

Fünfzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, im Jahr 1995, also, begegnete mir die Frau aus dieser Geschichte. Mein Mann und ich saßen in Rothenburg ob der Tauber auf einer Bank und sahen zu, wie Einsatzkräfte zerbrochene Ziegel entfernten, die vom Rathausdach heruntergefallen waren. Ein schwerer Sturm war in der Nacht zuvor durch diese wunderschöne mittelalterliche Kleinstadt gefegt und hatte überall seine Spuren hinterlassen. Ein älterer Ladenbesitzer, der in der Nähe stand, erzählte uns, dass der Sturm ebenso große Verwüstungen verursacht habe wie der letzte alliierte Luftangriff während des Krieges.

Als der Mann in seinen Laden zurückging, stellte sich die neben uns sitzende Dame vor. Sie hieß Erika und wollte wissen, ob wir auf Riesen seien.

Als ich ihr erzählte, dass wir zwei Wochen in Jerusalem verbracht hatten, sagte sie mir, sehnsuchtsvoller Stimme, dass sie immer einmal nach Jerusalem habe fahren wollen. Doch die Reise habe sie sich nie leisten können.

Mir fiel auf, dass sie an einer Halskette einen Davidsstern trug, und deshalb erwähnte ich, dass wir nach unserem Aufenthalt in Israel durch Österreich gefahren waren und das Konzentrationslager Mauthausen besucht hatten. Erika erwiderte, sie sei nur bis zum Tor von Dachau gekommen, habe es aber nicht über sich gebracht, dort einzutreten.

Dann erzählte sie mir ihre Geschichte…

Zwischen 1933 und 1945 wurden sechs Millionen Angehörige meines Volkes ermordet. Viele wurden erschossen. Viele wurden verhungern gelassen. Viele wurden verbannt oder vergast.

Ich nicht.

Ich wurde irgendwann während des Jahres 1944 geboren.

Ich kenne meinen Geburtsnamen nicht.

Ich weiß nicht, in welcher Stadt oder in welchem Land ich geboren wurde.

Ich weiß nicht, ob ich Geschwister hätte oder habe.

Was ich weiß, ist, dass ich nur einzige wenige Monate alt war, als ich vor dem Holocaust gerettet wurde.

Ich versuche oft, mir das Leben meiner Familie in unseren letzten gemeinsamen Wochen vorzustellen. Ich stelle mir vor, dass meine Mutter und meinem Vater alles genommen wurde, was sie hatten, und dass sie aus ihrem Zuhause vertrieben und in ein Ghetto umgesiedelt wurden.

Später musste das Ghetto vielleicht geräumt werden. Meine Eltern waren sicher froh, als sie den mit Stacheldraht abgesperrten Stadtteil verlassen konnten, in den sie eingewiesen worden waren – sie glaubten, auf diese Weise vor Typhus, Überfüllung, Schmutz und Hunger fliehen zu können. Aber hatten sie irgendeine Vorstellung von ihrem nächsten Ziel? War ihnen erzählt worden, dass sie an einen besseren Ort gebracht werden sollten? Einen Ort, wo es Nahrung und Arbeit gäbe? Hätten sie geflüsterte Gerüchte über die so genannten Todeslager gehört?

Ich wüsste gern, wie ihnen zumute war, als sie mit Hunderten von anderen Juden zum Bahnhof getrieben wurden. Und in einen Viehwaggon gepfercht. Wo es nur Stehplätze gab. Sind sie in Panik geraten, als sie hörten, wie die Türen verriegelt wurden?

Der Zug muss von einem Dorf zum anderen gefahren sein, durch ländliche Gegenden, die auf seltsame Weise vom Entsetzen unberührt geblieben waren.

Wie viele Tage haben sie in diesem Zug verbracht? Wie viele Stunden mussten meine Eltern dicht gedrängt dort stehen?

Ich stelle mir vor, dass meine Mutter mich an sie drückte, um mich vor dem Gestank, dem Geschrei, der Angst in diesem überfüllten Wagen zu beschützen. Inzwischen wusste sie zweifellos, dass dieser Zug sie nicht in Sicherheit bringen würde.

Ich fragte mich, wo sie stand. Mitten im Wagen vielleicht? Stand mein Vater neben ihr? Hat er ihr gesagt, sie sollte tapfer sein? Haben sie darüber gesprochen, wie sie sich verhalten sollten?

Wann haben sie ihren Entschluss gefasst? Hat meine Mutter gesagt »Verzeihung, Verzeihung, Verzeihung«? Hat sie sich durch die vielen Menschen zur hölzernen Wagenwand durchgedrängt? Und als sie mich in eine warme Decke gewickelt hat, hat sie dabei meinen Namen geflüstert? Hat sie mein Gesicht mit Küssen bedeckt und mir gesagt, dass sie mich liebe?

Hat sie geweint? Hat sie gebetet?

Als der Zug in einem Dorf sein Tempo verlangsamte, muss meine Mutter durch die Öffnung oben unter dem Dach des Viehwaggons geschaut haben. Zusammen mit meinem Vater muss sie versucht haben, den Stacheldraht, der das Loch bedeckte, beiseitezuschieben. Vielleicht haben die Umstehenden geholfen. Meine Mutter muss mich über ihren Kopf in das trübe Tageslicht gehoben haben. Und was dann passiert ist, ist das Einzige, was ich mit Sicherheit weiß.

Meine Mutter hat mich aus dem Zug geworfen.

Sie warf mich auf eine kleine Wiese neben einem Eisenbahnübergang. Menschen, die dort standen, die den Zug vorüberlassen wollten, sahen, wie sie mich aus dem Viehwaggon warf. Auf ihrer Fahrt in den Tod warf meine Mutter mich ins Leben.

Jemand, der in der Nähe stand, hob mich auf und brachte mich zu der Frau, die dann für mich gesorgt hat. Sie hat ihr Leben für mich aufs Spiel gesetzt. Sie schätzte mein Alter und gab mir ein Geburtsdatum. Sie nennte mich Erika. Sie gab mir ein Zuhause. Sie gab mir Essen, sie gab mir Kleidung und sie schickte mich in die Schule. Sie war gut zu mir.

Mit einundzwanzig Jahren heiratete ich einen wunderbaren Mann. Er befreite mich von der Traurigkeit, die mich erfüllte, und er verstand meine Sehnsucht nach einer Familie. Wir bekamen drei Kinder und sie haben jetzt ihre eigenen Kinder. In ihren Gesichtern sehe ich mein eigenes.

Eins hieß es, mein Volk werde so zahlreich sein wie die Sterne am Himmel.

Zwischen 1933 und 1945 sind sechs Millionen von diesen Sternen ausgelöscht worden. Jeder Stern steht für einen Menschen aus meinem Volk, dessen Leben zerstört und dessen Familie auseinander gerissen wurde.

Heute hat mein Baum wieder Wurzeln.

Und mein Stern leuchtet noch immer.

Ruth Vander Zee ; Roberto Innocenti: Erikas Geschichte.
Düsseldorf: Sauerländer 2003

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2 Antworten zu Erikas Geschichte

  1. kroev schreibt:

    Bedrückende Geschichte… Aber sehr schön!

    mein blog

  2. Andy Delario schreibt:

    Hmm, sehr traurig! Schlimm was damals passiert ist!

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