Die leere Krippe

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«Hier hast du die letzte Schachtel», sagte Michael und stellte die letzte Kiste in meinen Flur. Ich untersuchte die staubigen und zerfledderten Kisten und freute mich. Dieser weihnachtliche Schmuck aus Michaels Kindheit, seit dem Tod seiner Mutter eingelagert, bedeutete für mich unsere gemeinsame Zukunft als Paar. Wir unternahmen alle Arten weihnachtlicher Aktivitäten zusammen: Feiern, Einkäufe, und jetzt Schmücken. In ein paar Monaten würden wir verheiratet sein und ich wollte unbedingt unsere eigenen Traditionen schaffen. Ich sehnte mich nach sinnvollen Ritualen, bedeutsam und einzigartig für uns beide.

Das Aufmachen der Kisten war ein Anfang.

«Schau mal, da ist unsere alte Krippe.» Michael zog eine gut verpackte Schachtel heraus. «Mutter hat sie immer unter den Weihnachtsbaum gestellt.»

Vorsichtig wickelte ich Maria und Josef und die Krippe aus. Tief in der Schachtel unter den Zeitungsblättern war ein Stall. Ich habe ihn auf dem Boden unter den Baum gestellt und stellte die drei weisen Männer, einen Schäfer, ein Lamm und eine Kuh daneben. Alle waren vorhanden, außer…

Ich überprüfte nochmals die lose Verpackung und schaute unter die zusammengeknüllten Zeitungen, in der Hoffnung, die fehlende Figur zu finden. Nichts.

«Schatz», ich rief Michael zu, der im Esszimmer beschäftigt war. «Ich kann Jesus nicht finden.»

Er kam zu mir und drückte meine Schulter. «Entschuldige, was meinst du?»

«Das Jesusbaby für die Krippe. Er ist nicht da!» Ich durchstöberte durch noch mehr Zeitungspapier.

Michaels Ausdruck spannte sich an. «Es ist hier. Es muss hier sein. Es war letzte Weihnachten hier, die Mutter noch mit uns verbracht hat.»

Stunden später waren alle Kisten ausgepackt, aber Jesus tauchte nicht auf. Schweren Herzens schlug Michael vor, die Krippe zurück in die Kiste zu packen.

«Nein», sagte ich. «Ich werde morgen ein Kindlein suchen, das in die Krippe passt.» Wir küssten uns gute Nacht und Michael ging nach Hause.

Am nächsten Tag steckte ich die Krippe in meine Handtasche und in meiner Mittagspause besuchte ich den Dekorationsladen. Kein Christkind. Nach der Arbeit suchte ich in mehreren Läden, um schließlich herauszufinden, Christkinder wurden nicht separat verkauft. Ich überlegte, eine vollständige Weihnachtskrippe zu kaufen, nur um das Baby in der von Michael zu ersetzen, aber keiner der Säuglinge passte in meine Krippe.

Michael kam ein paar Tage später zum Abendessen und ich überbrachte ihm die traurige Nachricht. Nachdem wir gegessen hatten, fing ich an, die Figuren in ihre Kisten zurückzupacken. Aber Michael nahm meine Hände in seine.

«Ich denke, wir sollten es so lassen wie es ist.»

«Das können wir nicht. Es gibt kein Christkind», entgegnete ich. «Wir können keine Krippe ohne Jesus haben.»

«Warte eine Minute.» Michael zog mich von dem Baum weg. «Betrachte sie jetzt von weit her.»

Er deutete hin: «Auf den ersten Blick merken wir es nicht. Nur wenn wir genau hinsehen, sieht man, dass das Christkind nicht da liegt.»

Ich legte den Kopf auf die Seite und betrachtete die Szene. Er hatte recht. «Ich verstehe deinen Gesichtspunkt aber nicht.»

«Unter der Hetzerei des Schmückens, der Einkäufe und der Feiern verlieren wir oft Jesus aus den Augen», erklärte er. «Irgendwie verliert er sich mitten in Weihnachten.»

Und dann habe ich verstanden.

Und so begann unsere erste Weihnachtsfeier. Jedes Jahr stellen wir die geschäzten Figuren auf ihren üblichen Platz. Nur die Krippe bleibt leer. Auf diese Weise erinnern wir uns daran, das Wichtigste zu suchen. Und zu Weihnachten ist Christus das Wichtigste.

Nach: Stephanie W. Thompson

 

Über kindg

Guten Tag! Wir sind kein Verein oder Institution; nur eine Gruppe Freunde, die an Gymnasien und Universitäten unterrichtet. Dieses Projekt ist aus reinen pädagogischen Gründen entstanden und hat überhaupt keine finanziellen Interessen.
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