Lisas erster Weihnachtsbaum

Für die kleine Maus Lisa ist es das erste Weihnachtsfest. Bunte Farben erleuchten den Himmel, und sanfte Klänge erfüllen die Luft.

Durch das Fenster eines alten Hauses fällt helles, glitzerndes Licht in die Dunkelheit. „Was ist das, Mama?“, piepst Lisa erstaunt.

„Das ist ein Weihnachtsbaum“, antwortet die Mutter. „Die Menschen hängen bunte Kugeln, Sterne und Lichter hinein.“

„Wenn wir doch auch einen so schönen Weihnachtsbaum hätten!“, seufzt die kleine Maus.

„Warum gehst du nicht einfach in den Wald und suchst dir einen?“, schlägt Mama Maus vor. „Wenn du ihn schmückst, wird er bestimmt genauso schön wie dieser hier.“

Eine gute Idee! Lisa ruft ihre Geschwister, und dann laufen sie gemeinsam zum Wald.

An ihrem Weg steht eine Scheune. Die kleinen Mäuse stöbern gründlich darin herum. Sie brauchen doch Schmuck für ihren Weihnachtsbaum!

Und tatsächlich: Unter einem dicken Heuhaufen findet Lisa eine kleine Puppe.

„Sie sieht so ähnlich aus wie die Puppe in dem Weihnachtsbaum am Fenster“, ruft Lisa. „Die nehmen wir mit.“

Aber die Puppe gehört schon jemandem. „Grrr!“, knurrt Rektor, der alte Hofhund. „Pfoten weg! Das ist meine Puppe!“

„Bitte, bitte, tu uns nichts!“, schluchzt Lisa. „Ich dachte doch nur, wie schön die Puppe für unseren Weihnachtsbaum wäre.“

Hektor gähnt. Eigentlich jagt er ganz gern mal eine Maus.

Aber vielleicht, weil heute Weihnachten ist, oder vielleicht auch, weil er gerade vorhin mit den Kindern unter ihrem großen Weihnachtsbaum gespielt hat, knurrt Hektor versöhnlich: „Na gut, dann leihe ich euch eben meine Puppe.“

Schnell flitzen die kleinen Mäuse mit der Puppe über den Hof. Bald haben sie den Waldrand erreicht.

„Hey, schaut mal! Hier ist noch was ganz Tolles für unseren Weihnachtsbaum!“, ruft Lisa plötzlich aufgeregt.

Und wirklich: Vom Ast einer alten Eiche hängt ein goldenes Band herab. Lisa klettert auf den Ast, packt das Band – und zieht …

Aber das Band gehört einer Elster, die damit ihr Nest verziert hat.

„Sei bitte nicht böse!“, piepst Lisa. „Ich suche doch nur schönen Schmuck für unseren Weihnachtsbaum.“

Na ja, normalerweise lässt sich eine Elster so eine leckere Maus nicht entgehen. Aber vielleicht, weil heute Weihnachten ist, oder vielleicht, weil sie den wunderschönen Weihnachtsbaum am Fenster auch gesehen hat, lässt die Elster das goldene Band los, und Lisa kann es mitnehmen.

Plötzlich entdeckt Lisa ein paar leuchtend rote Kugeln am Waldboden. Sie sehen ganz ähnlich aus wie die bunten Kugeln im Weihnachtsbaum am Fenster.

„Genau das, was wir brauchen!“, ruft die kleine Maus und rennt los, um sich eine Kugel zu holen.

„Nun haben wir schon die Puppe, das goldene Band und eine leuchtend rote Kugel für unseren Weihnachtsbaum!“

Doch die leuchtend roten Kugeln gehören jemandem — nämlich dem Fuchs.

„Pfoten weg! Das sind meine Holzäpfel“, bellt er wütend. „Ich will sie als Wintervorrat vergraben.“

„Aber wir möchten doch nur einen einzigen für unseren Weihnachtsbaum haben!“, piepst Lisa ängstlich. Sogar ihre Stimme zittert ein bisschen.

Der Fuchs schnieft. Eigentlich jagt er ja zu gern mal eine kleine Maus. Aber vielleicht, weil heute Weihnachten ist, oder vielleicht auch, weil er noch nie in seinem Leben einen Weihnachtsbaum gesehen hat, rennt der Fuchs ohne ein weiteres Wort zurück in den Wald und lässt Lisa einen Holzapfel mitnehmen.

Es wird immer dunkler, und die kleinen Mäuse trippeln immer tiefer in den Wald hinein. Da, mitten in einem Brombeerstrauch entdecken sie plötzlich einen leuchtenden Stern und viele golden und grün glitzernde Lichter.

„Sterne für unseren Baum!“, ruft Lisa. „Ich hole sie!“

Aber als die kleine Maus in den Brombeerbusch greift, fühlt sie keinen Stern … sondern ein Halsband. Es gehört der Katzenmutter.

Sie hat ihre beiden Jungen dabei, und drei leuchtende Augenpaare funkeln Lisa an.

„O weh!“ Lisa schluckt. „Ich suche doch nur etwas Glitzerndes für unseren Weihnachtsbaum.“

Die Katze spitzt ihre Ohren. Eigentlich lebt sie ja davon, Mäuse zu jagen. Aber vielleicht, weil heute Weihnachten ist, oder vielleicht auch, weil sie gerade an den Weihnachtsbaum denken muss, der in dem warmen Haus stand, wo sie geboren wurde, streift sie ihr altes Halsband ab und schenkt es den Mäusen.

Nach einer ganzen Weile erreichen Lisa und ihre Geschwister eine Lichtung. Dort steht eine wunderschöne Tanne.

„Unser Weihnachtsbaum!“, ruft Lisa.

Gemeinsam hängen die kleinen Mäuse die Puppe, das goldene Band, den Holzapfel und das Katzenhalsband in die Äste.

„Oooch!“, ruft Lisa enttäuscht, als sie fertig sind. „Unser Weihnachtsbaum ist aber längst nicht so schön wie der, den ich am Fenster gesehen habe.“

Traurig trippeln die kleinen Mäuse wieder nach Hause und legen sich schlafen.

Mitten in der Nacht weckt Mama Maus ihre Kinder auf. „Kommt mit!“, flüstert sie ihnen zu. „Ich will euch etwas zeigen.“

Im Nu sind die kleinen Mäuse hellwach und laufen ihrer Mutter nach.

Sie flitzen über den Bauernhof zum Waldrand und ganz, ganz tief in den Wald hinein.

Schließlich erreichen sie die Lichtung, auf der ihr Weihnachtsbaum steht.

Plötzlich macht Lisa ganz große Augen.

Mit offenem Mund steht sie staunend davor.

„Schaut euch das an!“, ruft sie endlich.

Während Lisa und ihre Geschwister schliefen, haben die anderen Tiere den Weihnachtsbaum weiter geschmückt. Jedes hat ein Stück beigetragen. Dann ist der Frost gekommen und hat die Tannennadeln mit glitzerndem Reif überwogen.

Der ganze Weihnachtsbaum glänzt, und durch seine Zweige funkeln die Sterne.

Der größte und hellste Stern sitzt genau auf der Spitze des prächtigen Baumes.

„Unser Weihnachtsbaum ist noch viel, viel schöner als der, den ich am Fenster gesehen habe!“, flüstert Lisa glücklich.

Und vielleicht, weil heute Weihnachten ist, setzen sich alle Tiere gemeinsam still und ganz friedlich um ihren leuchtenden Weihnachtsbaum.

Christine Leeson: Lisas erster Weihnachtsbaum.

Gießen: Brunnen Verlag, 2001

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