Die Gänseliesl

Die Gänseliesl PDF
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Am Rande des nächsten Dorfes traf Hatschi ein Mädchen inmitten einer Herde schnatternder Gänse.
»Das ist die Gänseliesl«, flüsterte ihm der Esel ins Ohr.
Das Mädchen weinte.
»Warum weinst du?«, fragte der kleine Engel.
»Weil das Christkind in zwei Wochen Geburtstag hat«, schluchzte das Mädchen.
»Aber das ist doch kein Grund zum Weinen. Es soll ein fröhliches Fest werden. Alle Menschen versuchen sich gegenseitig Freude zu bereiten. Alle sind lieb zueinander.«
»Das ist es ja gerade«, sagte das Mädchen.
Es streichelte einer Gans über den Kopf, die sich dieht an sie drängte.
»Was ist es ja gerade?«, fragte Hatschi.
»Zu diesem Fest sollen alle meine Gänse geschlachtet werden.«
»Lieber Himmel!«, rief der kleine Engel. »Das hab‘ ich nicht gewusst. Im Himmel essen wir kein Gänsefleisch.« Er überlegte, wie er das Mädchen trösten könnte, aber weil ihm nichts einfiel, fragte er:
»Stimmt es, dass du die Gänseliesl bist?«
»Ja«, sagte das Mädchen.
»Dann kenne ich dich aus einem Märchen.«
Kleine Engel lieben Märchen über alles.
»Das war meine Tante«, sagte das Mädchen. »Sie wurde Königin.«
»Eine Königin!« Hatschi staunte. »Und was ist aus ihr geworden?«, fragte er.
»Wenn sie nicht gestorben ist, lebt sie heute noch«, erzählte die Ganseliesl. »Aber eigentlich ist mir das ganz egal, was aus ihr geworden ist. Was aus meinen Gänsen wird, ist mir wichtiger.«
Da hockte sich der kleine Engel neben sie auf einen umgestürzten Baumstamm und sie überlegten gemeinsam.
»Das Beste wäre, sie würden hier verschwinden«, schlug die Gänseliesl vor. »Aber wohin?«
»Viele Vögel fliegen in den Süden«, sagte Hatschi.
»Das ist für meine Gänse zu weit. Sie haben keine große Übung im Fliegen!«
In diesem Augenblick fiel dem kleinen Engel der heilige Nikolaus ein. Der heilige Nikolaus gehörte zu den ganz besonders hilfsbereiten Heiligen. Er hatte einen Knecht, den er manchmal mitnahm, wenn er am sechsten Dezember die Kinder besuchte und ihm sein Sack zu schwer war, um ihn selbst zu schleppen. Ruprecht hieß er.
Knecht Ruprecht konnte doch für die Gänse sorgen.
Kurz entschlossen zerrte sich Hatschi seine Jacke über den Kopf. Da kamen seine kleinen Flügelchen heraus. Er bewegte sie ein paar Mal hin und her, um sie zu prüfen, und als er merkte, dass sie in Ordnung waren, rief er laut: »Kommt, Gänse, kommt mit mir!«, und flatterte in die Luft.
Da erhoben sich alle Gänse und flogen hinter ihm her. Bevor sie sich dem großen Wald zuwendeten, flatterten sie eine Ehrenrunde um die Kirchturmspitze.
»Eine große Gans hat unsere Weihnachtsgänse gestohlen!«, rief der Dorfälteste entrüstet und schüttelte die Fäuste hinter ihnen her vor Wut. Da lachte der kleine Engel so, dass er beinahe vom Himmel gefallen wäre.
Er brachte die Gänse in den Wald zur Einsiedelei des heiligen Nikolaus, der sie mit offenen Armen aufnahm und von Knecht Ruprecht versorgen ließ.
Dann flog Hatschi zurück und zog seine Jacke wieder an. Er schlich ins Dorf, wo er den Esel in der Obhut der Gänseliesl zurückgelassen hatte, denn weder ein Esel noch eine Gänseliesl können fliegen.
»Jetzt bin ich arbeitslos«, sagte das Mädchen.
»Das macht nichts«, erklärte ihr Hatschi. »Das Christkind braucht bestimmt jemand, der ihm bei den vielen Geburtstagsgästen hilft. Da kannst du ihm sicher helfen.«
Da sagte die Gänseliesl natürlich nicht Nein, und als sie den kleinen Engel davonreiten sah, fing sie schon an sich aufs Weihnachtsfest zu freuen.

Aus: Sigrid Heuck: Frohe Weihnachten, liebes Christkind!
Würzburg, Arena, 2004

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