Das Kornwunder (Geschichten vom heiligen Nikolaus)

1

Der Platz rund um den Ziehbrunnen war einmal der fröhlichste Platz in Myra gewesen. Hier trafen sich die Frauen. Sie trugen große, bauchige Krüge auf dem Kopf und redeten und lachten miteinander. Ihre Kinder spielten auf den Steinstufen des Brunnens oder jagten hinter den Tauben her. Manchmal ritt ein Händler vorbei, der seine beladenen Esel am Seil führte. Laut gackernd stob das Hühnervolk davon, wenn ihm einer der Esel zu nahe kam. Nikolaus liebte dieses Durcheinander.
Aber Myra, die schöne Stadt, hatte sich verändert und mit ihr der Platz am Brunnen. Denn die Menschen warteten verzweifelt auf den Regen. Viele Wochen, sogar Monate, warteten sie bereits. Immer wieder schauten sie zum Himmel empor, dessen Blau fast durchsichtig war und von einem Ende der Welt zum anderen reichte. Unbarmherzig brannte die Sonne aus der wolkenlosen Höhe herunter.Der Bischof erschrak über die eingefallenen, verschlossenen Gesichter der Frauen. Es war still auf dem Platz. Nicht einmal die Kinder sprangen umher, wie sie es früher getan hatten. Das Wasser des Brunnens schmeckte faulig. Immer häufiger kam es vor, dass leere Eimer hochgezogen wurden. In den Ställen brüllte das Vieh.
»Wer hilft uns?«, fragte eine alte Frau mit brüchiger Stimme. Sie hatte sich in einen schwarzen Umhang gewickelt und hockte auf der Treppe vor ihrem Haus. Mit den Händen strich sie unablässig über ein Tongefäß, als wollte sie etwas zum Trinken, etwas zum Essen herbeizaubern. Der Bischof wandte sich ab. Er hatte keinen Trost für die Frau. Tag und Nacht betete er. Doch Gott blieb stumm.
In dünnen Schleiern wirbelte der Staub durch die Gassen der Stadt. Die trockenen Blätter der Bäume und das Gras raschelten bei jedem Windhauch. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Nikolaus die Hoffnung verloren. »Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll«, seufzte er. Seine Stimme klang bitter. »Das Korn ist am Halm verdorrt. Die Schafe und die Ziegen geben keine Milch mehr. Sogar das Meer versteckt seine Fische.«
Dem Bischof wurde es schwarz vor den Augen. Wann hatte er zuletzt gegessen? Er lehnte sich an eine Mauer. In diesem Augenblick lief ein riesiger Hund an ihm vorbei. Das Tier, das struppig und ausgezehrt war, schlug den Weg zum Hafen ein. Dabei heulte es durchdringend wie ein Wolf. Sein Geheul schreckte die Bewohner von Myra auf. Überall öffneten sich die Türen. Immer mehr Menschen folgten dem Hund, als hätte er eine geheime Macht über sie.
Auch Nikolaus schloss sich den Neugierigen an. Zusammen mit ihnen bog er in eine Gasse ein, die sich zum Hafen öffnete. Überrascht blieb der Bischof stehen. Vor der Hafenmauer hatte sich eine große Menschenmenge eingefunden. Der Hund sprang in gewaltigen Sätzen am Wasser entlang. Erst jetzt entdeckte Nikolaus die Schiffe. Es waren drei Frachter. Sie ankerten weit draußen, wo sich die Mole aus dem Wasser erhob. Dort stand auch der Leuchtturm. Obwohl es taghell war, hatten die Wächter zur Begrüßung ein Feuer auf der Plattform des Turmes entfacht.
Die Frachter zogen ihre Segel ein, und vom Deck des vordersten Schiffes wurde ein Boot hinuntergelassen. Im Sonnenlicht blitzten Schwerter und Lanzen. »Sie haben Soldaten an Bord«, rief ein kleines Mädchen ängstlich. Der Vater des Mädchens strich ihm beruhigend über das Haar. »Vielleicht ist ihre Ladung so wertvoll, dass sie beschützt werden muss«, sagte er.
Mit schnellen Schlägen trieben die Ruderer ihr Boot in das Hafenbecken. Dabei wurden sie von einem Mann angefeuert, der eher einem Riesen glich. Er hatte mächtige Schultern, und über seinen Armen spannten sich Ringe aus Silber. Breitbeinig stand er im schaukelnden Boot. »Was gibt es auf dem Markt?«, schrie er zu den Neugierigen hinüber. »Wir brauchen Trinkwasser. Außerdem wollen wir von euch Obst und frisches Gemüse kaufen.«
Eine Weile blieb es still. Dann drängte sich eine Mutter unter den Wartenden vor. »Bei uns kann man nichts mehr kaufen«, sagte sie. »Die Sonne hat unsere Wiesen und Felder verbrannt. Seitdem hungern wir.«
Auf diese Antwort war der Mann im Boot nicht vorbereitet. Sein Gesicht verfinsterte sich, und er wollte gerade den Befehl zur Umkehr geben, da trat der Bischof an die Hafenmauer. »Bist du der Kapitän der Schiffe?«, erkundigte er sich. Als der Mann nickte, fragte Nikolaus weiter: »Wohin seid ihr unterwegs? Was habt ihr geladen?«
»Deine Neugierde ist sehr groß«, murrte der Kapitän. Nur widerwillig gab er Auskunft: »Wir segeln nach Konstantinopel. Dort sollen wir Korn für die Lagerhäuser des Kaisers abliefern.«
Bei diesen Worten horchten die Bürger von Myra auf. Sie wurden unruhig und stießen und schoben einander zur Seite. Jeder versuchte mit Gewalt, einen besseren Platz zu erringen. Erst als der Bischof seine Stimme erhob, kehrte wieder Ruhe ein. »Gib uns etwas von deinem Korn«, bat Nikolaus den Kapitän. »Dann mahlen wir Mehl und backen Brot. Schenk uns so viel, dass wir auch die Felder neu ansäen können.«
»Das Korn gehört dem Kaiser«, erwiderte der Kapitän. »Wenn auch nur ein Scheffel fehlt, werde ich bestraft und in den Kerker geworfen.«
»Und wenn nichts fehlt, sterben wir den Hungertod«, schrie eine Frau gellend.
»Es wird nichts fehlen«, sagte Nikolaus. Wieder wandte er sich an den Kapitän: »Ich bin der Bischof dieser Stadt und bitte dich: Sei barmherzig! Jedes Weizenkorn, das du den Menschen von Myra schenkst, gibt dir unser Herr Jesus Christus zurück!«
Eine Weile sahen sich die Männer schweigend an. Der Kapitän überlegte. »Jedes Korn?«, fragte er zögernd. »Stimmt das wirklich?« Als der Bischof nickte, gab er sich einen Ruck und verkündete laut: »Einverstanden: Ihr bekommt, was ihr wollt.«
Da jubelten die Menschen. Sie waren so ausgelassen wie schon lange nicht mehr. Mit einer herrischen Bewegung verschaffte sich der Kapitän noch einmal Gehör. Er sprach jetzt hart, fast drohend: »Ich hoffe, dass euer Bischof recht hat. Unsere Ladung darf nicht abnehmen. Sonst werde ich das Korn wieder zurückfordern, Sack für Sack.«
Dann packte er Nikolaus am Arm. »Du bleibst bei mir«, sagte er. »Wenn etwas schiefgeht, nehme ich dich mit nach Konstantinopel.« Er winkte den Schiffen, die noch immer weit draußen bei der Mole warteten. Schwerfällig setzten sie sich in Bewegung. Ihre Bäuche lagen tief im Wasser. Es war windstill und die breiten, aus mehreren Stücken zusammengenähten Segel wurden erst gar nicht gehisst. Stattdessen beugten sich die Ruderer im Takt nach vorn und wieder zurück. Nikolaus hörte das Geschrei der Aufseher, das Knallen ihrer Peitschen, und für einen Augenblick stiegen bedrückende Erinnerungen in ihm hoch.
Unmittelbar vor der Hafenmauer drehten die Schiffe bei. Sie legten knirschend an, dann schoben die Matrosen des größten Frachters eine Planke von der Bordwand zum Ufer hinunter.
Nikolaus musste als Erster über den schwankenden Steg gehen. Der Kapitän folgte ihm. Er berichtete seinen Leuten, was sich ereignet hatte. Da schüttelten sie den Kopf und lachten. Die Soldaten schlugen höhnisch mit ihren Waffen auf die Schilde. Aber der Bischof achtete nicht darauf. Er sah nur das Korn, das aus den Ladeluken des Schiffes quoll. Goldgelb leuchtete es in der Sonne. »Wir brauchen dich«, flüsterte er. »Wir brauchen dich so notwendig.«
Jetzt durften auch die Männer von Myra an Bord. Sie füllten das Korn in Säcke und schleppten es an Land. Auf dem Hafenplatz stapelten sich die Säcke zu einem Hügel, der von den Soldaten des Kaisers bewacht wurde. Mit ihren Lanzen hielten sie die Bewohner der Stadt fern. Nur der Hund, der die Flotte als Erster entdeckt hatte, fürchtete sich nicht vor ihnen. Knurrend hockte er neben den Säcken, als wollte er verhindern, dass sie wieder zurückgetragen wurden.
Der Kapitän schlich misstrauisch umher. Er starrte auf die Ladeluken, aus denen das Korn rieselte. Es schien unerschöpflich zu sein. Ständig rutschte es nach. Die Männer keuchten und stöhnten. Sie gingen gebückt unter der Last der Säcke.
»Weiter«, schrie der Kapitän, »arbeitet schneller!« Er wartete ungeduldig. Schließlich ließ er eine Strickleiter auswerfen und kletterte die Bordwand hinunter. Aber der Rumpf des Schiffes, der mit Pech bestrichen war, lag noch genauso tief im Wasser wie zuvor. Jeder konnte sich überzeugen: Die Ladung hatte sich nicht verringert.
»Das Schiff ist kein bisschen leichter geworden«, sagte der Kapitän, als er sich wieder über die Bordwand schwang. Er war bestürzt.
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde: Gott hat ein Wunder getan! Die Soldaten senkten ihre Lanzen und die Menschen von Myra schauten fassungslos auf den Kornhügel, der nun ihnen gehörte. Sie waren gerettet.
Da fielen sie auf die Knie und dankten dem Herrn. »Gepriesen seist du«, betete Nikolaus.
Am liebsten hätte er getanzt. Plötzlich streckte er die Hände in den Himmel. Langsam, wie in einem Traum, begann Nikolaus zu tanzen.

Erich Jooß

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