Archiv der Kategorie: Nachdenken

Der Laubfrosch

frosch

Ich hab einen Laubfrosch,
dem füttre ich jeden Tag Fliegen.
Die braucht er,
ist doch klar,
ist doch’n Laubfrosch.

Bisher
hab ich mir nichts bei gedacht.
Aber gestern
kam Tante Reinhild.
Die sagt, ich bin grausam.
Und wenn sie ein Kind hätt,
dem tat sie verbieten,
Fliegen zu fangen
für einen Mörderfrosch.

Was nu?
Soll ich ihn weiter füttern?
Oder soll ich ihn einfach
verhungern lassen?

~Tilde Michels

 

Laubfrosch

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Colour blues

«Sag mal, Papa, wo liegt Marokko?»
«In Afrika.»
«Dort, wo es Giraffen und Nilpferde gibt?»
«Nein, etwas höher — in Nordafrika.»
«Und wer wohnt dort?»
«Araber.»
«Ich dachte, Araber leben in Arabien…»
«Naja, die Araber sind überall, sogar in der U-Bahn. Die Araber in Marokko sind Berber.»
«Aber Berber sind Barbaren, oder?»
«Nein, die Barbaren waren ganz was anderes — die waren eine Horde Invasoren.»
«Ja, aber gestern beim Fernsehen hast du dich beschwert, dass Frankreich von Arabern invadiert wird.»
«Ah ja — ist aber nicht das Gleiche. Es gibt sehr nette Weiterlesen

Der angekettete Elefant

Als ich ein kleiner Junge war, war ich vollkommen vom Zirkus fasziniert, und am meisten gefielen mir die Tiere. Vor allem hat es mir der Elefant angetan. Wie ich später erfuhr, ist er das Lieblingstier vieler Kinder. Während der Zirkusvorstellung stellte das riesige Tier sein ungeheures Gewicht, seine eindrucksvolle Größe und seine Kraft zur Schau. Nach der Vorstellung aber und auch der Zeit bis kurz vor seinem Auftritt blieb der Elefant immer am Fuß an einem kleinen Pflock angekettet. Der Pflock war allerdings nicht weiter als ein winziges Stück Holz, das kaum ein paar Zentimeter tief in der Erde steckte. Und obwohl die Kette mächtig und schwer war, stand für mich außer Zweifel, dass ein Tier, dass die Kraft hatte, einen Baum mitsamt der Wurzel auszureißen, sich mit Leichtigkeit von einem solchen Pflock befreien und fliehen konnte. Dieses Rätsel beschäftigt mich bis heute.

Was hält ihn zurück? Warum Weiterlesen

Das Paket des lieben Gottes

Das Paket des lieben Gottes
Bertolt Brecht (1898-1956)

Nehmt eure Stühle und eure Teegläser mit hier hinter an den Ofen und vergeßt den Rum nicht. Es ist gut, es warm zu haben, wenn man von der Kälte erzählt.
Manche Leute, vor allem eine gewisse Sorte Männer, die etwas gegen Sentimentalität hat, haben eine starke Aversion gegen Weihnachten. Aber zumindest ein Weihnachten in meinem Leben ist bei mir wirklich in bester Erinnerung. Das war der Weihnachtsabend 1908 in Chicago. Ich war Anfang November nach Chicago gekommen, und man sagte mir sofort, als ich mich nach der allgemeinen Lage erkundigte, es würde der härteste Winter werden, den diese ohnehin genügend unangenehme Stadt zustande bringen könnte. Als ich fragte, wie es mit den Chancen für einen Kesselschmied stünde, sagte man mir, Kesselschmiede hätten keine Chancen, und als ich eine halbwegs mögliche Schlafstelle suchte, war alles zu teuer für mich. Und das erfuhren in diesem Winter 1908 viele in Chicago, aus allen Berufen. Weiterlesen

Erikas Geschichte

Erikas Geschichte

Fünfzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, im Jahr 1995, also, begegnete mir die Frau aus dieser Geschichte. Mein Mann und ich saßen in Rothenburg ob der Tauber auf einer Bank und sahen zu, wie Einsatzkräfte zerbrochene Ziegel entfernten, die vom Rathausdach heruntergefallen waren. Ein schwerer Sturm war in der Nacht zuvor durch diese wunderschöne mittelalterliche Kleinstadt gefegt und hatte überall seine Spuren hinterlassen. Ein älterer Ladenbesitzer, der in der Nähe stand, erzählte uns, dass der Sturm ebenso große Verwüstungen verursacht habe wie der letzte alliierte Luftangriff während des Krieges. Weiterlesen

Die neuen Herrscher der Welt – Jean Ziegler

Jean Ziegler: Die neuen Herrscher der Welt.
München: Goldmann Verlag, 2005
Auszüge

Die neuen Herrscher der Welt

Eine Ökonomie des Archipels

In den zehn Jahren seit 1990 hat sich die Welt abrupt verändert. Es geschah mit der Unvorhersehbarkeit eines Erdbebens, das die Experten erwarten, ohne doch im Voraus seine Stärke, seine Begleitumstände oder den Zeitpunkt seines Auftretens zu kennen. Das 20. Jahrhundert, dieses Jahrhundert des Völkerbunds und der Vereinten Nationen, wurde durch eine Unzahl von Kriegen verunstaltet: zwei schreckliche Weltkriege, in denen die Nationalstaaten miteinander um die Vorherrschaft und die Eroberung von Märkten rangen; eine größere Zahl von Konflikten zwischen den Gebietern der Kolonial- und Postkolonialreiche einerseits und den Kombattanten der nationalen Befreiungsbewegungen andererseits; dazu totalitäre Weltanschauungen, grauenhafte Völkermorde und blutige innerethnische Konflikte.

Gleichzeitig war das abgelaufene Jahrhundert beseelt vom Atem der Schöpfung; es gab naturwissenschaftliche Entdeckungen, demokratische und soziale Fortschritte, Friedensinitiativen und die Weiterentwicklung der Menschenrechte. Gewiss, die globalen Utopien, die es aufbauen wollte, sind letztlich gescheitert. Aber der Kolonialismus wurde besiegt, und die Diskriminierungen nach Maßgabe von »Rasse« und »Volk« sind in Misskredit geraten, weil sie jeder biologischen Grundlage entbehren. Weiterlesen

Die neue Sklaverei – Kevin Bales

Kevin Bales: Die neue Sklaverei.
München: Verlag Antje Kunsmann, 2001
(Auszüge)

Die neue Sklaverei

Im Sommer wird das ländliche Frankreich seinem Ruf vollauf gerecht. In einem kleinen, etwa hundertfünfzig Kilometer von Paris entfernten Dorf sitzen wir im Freien; die leichte Brise weht den Duft nach Äpfeln aus dem Obstgarten nebenan zu uns herüber. Ich bin hierher aufs Land gefahren, um mich mit Seba zu treffen, einer erst vor kurzem befreiten Sklavin: eine hübsche, lebhafte Zweiundzwanzigjährige. Doch als sie mir ihre Geschichte erzählt, zieht sie sich immer mehr in sich zurück, raucht hektisch, zittert unkontrollierbar. Und dann kommen die Tränen.

Ich wurde in Mali von meiner Großmutter aufgezogen. Als ich noch ein kleines Mädchen war, ist eine Frau gekommen, die meine Familie gekannt hat, und hat sie gefragt, ob sie mich mit nach Paris nehmen kann, damit ich mich dort um ihre Kinder kümmere. Sie hat meiner Großmutter erzählt, dass sie mich auf eine Schule schicken und dass ich Französisch lernen würde. Aber als ich nach Paris gekommen bin, hat sie mich nicht in die Schule geschickt. Den ganzen Tag über habe ich arbeiten müssen. In dem Haus, das ihnen gehört hat, habe ich die ganze Arbeit gemacht; ich habe geputzt, gekocht, mich um die Kinder gekümmert und das Baby gebadet und gefüttert. Jeden Tag habe ich schon vor 7 Uhr morgens angefangen; ungefähr um 11 Uhr abends war ich fertig; einen freien Tag habe ich nie gehabt. Meine Herrin hat gar nichts getan; sie hat lange geschlafen, und dann hat sie ferngesehen oder ist ausgegangen. Weiterlesen