Archiv der Kategorie: Nachdenken

Colour blues

«Sag mal, Papa, wo liegt Marokko?»
«In Afrika.»
«Dort, wo es Giraffen und Nilpferde gibt?»
«Nein, etwas höher — in Nordafrika.»
«Und wer wohnt dort?»
«Araber.»
«Ich dachte, Araber leben in Arabien…»
«Naja, die Araber sind überall, sogar in der U-Bahn. Die Araber in Marokko sind Berber.»
«Aber Berber sind Barbaren, oder?»
«Nein, die Barbaren waren ganz was anderes — die waren eine Horde Invasoren.»
«Ja, aber gestern beim Fernsehen hast du dich beschwert, dass Frankreich von Arabern invadiert wird.»
«Ah ja — ist aber nicht das Gleiche. Es gibt sehr nette Weiterlesen

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Das Paket des lieben Gottes

Das Paket des lieben Gottes
Bertolt Brecht (1898-1956)

Nehmt eure Stühle und eure Teegläser mit hier hinter an den Ofen und vergeßt den Rum nicht. Es ist gut, es warm zu haben, wenn man von der Kälte erzählt.
Manche Leute, vor allem eine gewisse Sorte Männer, die etwas gegen Sentimentalität hat, haben eine starke Aversion gegen Weihnachten. Aber zumindest ein Weihnachten in meinem Leben ist bei mir wirklich in bester Erinnerung. Das war der Weihnachtsabend 1908 in Chicago. Ich war Anfang November nach Chicago gekommen, und man sagte mir sofort, als ich mich nach der allgemeinen Lage erkundigte, es würde der härteste Winter werden, den diese ohnehin genügend unangenehme Stadt zustande bringen könnte. Als ich fragte, wie es mit den Chancen für einen Kesselschmied stünde, sagte man mir, Kesselschmiede hätten keine Chancen, und als ich eine halbwegs mögliche Schlafstelle suchte, war alles zu teuer für mich. Und das erfuhren in diesem Winter 1908 viele in Chicago, aus allen Berufen.
Und der Wind wehte scheußlich vom Michigansee herüber durch den ganzen Dezember, und gegen Ende des Monats schlossen auch noch eine Reihe großer Fleischpackereien ihren Betrieb und warfen eine ganze Flut von Arbeitslosen auf die kalten Straßen. Weiterlesen

Erikas Geschichte

Erikas Geschichte

Fünfzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, im Jahr 1995, also, begegnete mir die Frau aus dieser Geschichte. Mein Mann und ich saßen in Rothenburg ob der Tauber auf einer Bank und sahen zu, wie Einsatzkräfte zerbrochene Ziegel entfernten, die vom Rathausdach heruntergefallen waren. Ein schwerer Sturm war in der Nacht zuvor durch diese wunderschöne mittelalterliche Kleinstadt gefegt und hatte überall seine Spuren hinterlassen. Ein älterer Ladenbesitzer, der in der Nähe stand, erzählte uns, dass der Sturm ebenso große Verwüstungen verursacht habe wie der letzte alliierte Luftangriff während des Krieges.

Als der Mann in seinen Laden zurückging, stellte sich die neben uns sitzende Dame vor. Sie hieß Erika und wollte wissen, ob wir auf Riesen seien.

Als ich ihr erzählte, dass wir zwei Wochen in Jerusalem verbracht hatten, sagte sie mir, sehnsuchtsvoller Stimme, dass sie immer einmal nach Jerusalem habe fahren wollen. Doch die Reise habe sie sich nie leisten können.

Mir fiel auf, dass sie an einer Halskette einen Davidsstern trug, und deshalb erwähnte ich, dass wir nach unserem Aufenthalt in Israel durch Österreich gefahren waren und das Konzentrationslager Mauthausen besucht hatten. Erika erwiderte, sie sei nur bis zum Tor von Dachau gekommen, habe es aber nicht über sich gebracht, dort einzutreten.

Dann erzählte sie mir ihre Geschichte…

Zwischen 1933 und 1945 wurden sechs Millionen Angehörige meines Volkes ermordet. Viele wurden erschossen. Viele wurden verhungern gelassen. Viele wurden verbannt oder vergast.

Ich nicht.

Ich wurde irgendwann während des Jahres 1944 geboren.

Ich kenne meinen Geburtsnamen nicht.

Ich weiß nicht, in welcher Stadt oder in welchem Land ich geboren wurde. Weiterlesen

Die neuen Herrscher der Welt – Jean Ziegler

Jean Ziegler: Die neuen Herrscher der Welt.
München: Goldmann Verlag, 2005
Auszüge

Die neuen Herrscher der Welt

Eine Ökonomie des Archipels

In den zehn Jahren seit 1990 hat sich die Welt abrupt verändert. Es geschah mit der Unvorhersehbarkeit eines Erdbebens, das die Experten erwarten, ohne doch im Voraus seine Stärke, seine Begleitumstände oder den Zeitpunkt seines Auftretens zu kennen. Das 20. Jahrhundert, dieses Jahrhundert des Völkerbunds und der Vereinten Nationen, wurde durch eine Unzahl von Kriegen verunstaltet: zwei schreckliche Weltkriege, in denen die Nationalstaaten miteinander um die Vorherrschaft und die Eroberung von Märkten rangen; eine größere Zahl von Konflikten zwischen den Gebietern der Kolonial- und Postkolonialreiche einerseits und den Kombattanten der nationalen Befreiungsbewegungen andererseits; dazu totalitäre Weltanschauungen, grauenhafte Völkermorde und blutige innerethnische Konflikte.

Gleichzeitig war das abgelaufene Jahrhundert beseelt vom Atem der Schöpfung; es gab naturwissenschaftliche Entdeckungen, demokratische und soziale Fortschritte, Friedensinitiativen und die Weiterentwicklung der Menschenrechte. Gewiss, die globalen Utopien, die es aufbauen wollte, sind letztlich gescheitert. Aber der Kolonialismus wurde besiegt, und die Diskriminierungen nach Maßgabe von »Rasse« und »Volk« sind in Misskredit geraten, weil sie jeder biologischen Grundlage entbehren. Weiterlesen

Ist das Freiheit?

Ist das Freiheit?

 

 

Carlos ist eines von rund 40 Millionen Kindern, die allein in den Straßen der lateinamerikanischen Städte leben, weil sie kein Zuhause haben. Viele von ihnen haben zwar noch Eltern, aber diese sind so arm, dass sie nicht für ihre Kinder sorgen können. Seit fünf Jahren verdient sich Carlos seinen Lebensunterhalt als Schuhputzer. Es war für ihn nicht immer leicht, zu überleben.

 

Das größte Problem für mich ist das Schlafen. Es ist gar nicht so einfach, einen sicheren Platz zu finden, wo man in Ruhe gelassen wird. Ich will mich keiner Bande anschließen und zu stehlen anfangen — das hat einfach keine Zukunft. Aber weil ich bei keiner Bande bin, habe ich auch niemanden, der mich beschützt. Und manchmal ist es schrecklich, auf der ganzen Welt keinen Menschen zu haben, der einen gernhat. Man muss wirklich stark sein, um das auszuhalten.

An manchen Tagen habe ich das Gefühl, dass mich alle Menschen hassen. Sie schauen mich wütend an, wenn ich frage „Schuheputzen?“ Manche beschimpfen mich auch, weil ich schmutzig bin. Weiterlesen

Schutzengel mein – Max Bolliger

Schutzengel mein

Schutzengel mein, der du mich begleitest,
alle meine Schritte leitest. Ich danke dir. Amen.“
„Amen“, sagt auch die Mutter. „Und nun schlaf gut.“
Plötzlich richtet sich David nochmals auf.
„Es gibt gar keine Engel“, sagt er.
„Warum?“ fragt die Mutter und setzt sich auf sein Bett.
„Weil noch nie jemand einen Engel gesehen hat!“
„Wer behauptet das?“
„Frank — und der braucht auch nicht zu beten.“ Weiterlesen

Nur ein alter Topf – Sioux-Indianer

Nur ein alter Topf

Ein alter Medizinmann der Dakota (Sioux-Indianer), Lame Deer, hat versucht, einem weißen Freund die Art des indianischen Denkens zu erklären. Das Sioux-Wort »Wakan Tanka«, das er dabei verwendet, bedeutet »Schöpferkraft«, »Großer Geist«.

Was siehst du hier, mein Freund? Nur einen gewöhnlichen alten Kochtopf, verbeult und schwarz vom Ruß. Er steht auf dem Feuer, auf diesem alten Holzofen da, das Wasser darin brodelt, und der aufsteigende Dampf bewegt den Deckel. Im Topf ist kochendes Wasser, Fleisch mit Knochen und Fett und eine Menge Kartoffeln.

Es scheint, als hätte er keine Botschaft für uns, dieser alte Topf, und du verschwendest bestimmt keinen Gedanken an ihn. Außer, dass die Suppe gut riecht und dir bewusst macht, dass du hungrig bist. Weiterlesen