Archiv der Kategorie: Märchen

Kinder brauchen Märchen – B. Bettelheim

Kinder brauchen Märchen
Das Märchen und das existentiale Dilemma
Das Märchen, eine einzigartige Kunstform
Die Kraft der Verzauberung
Stellvertretende Befriedigung versus bewußte Erkenntnis
Gestalten und Ereignisse der Phantasie
Verwandlungen
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Märchen und Kinder

 

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Märchen sind älter als die Literatur   [Pdf – Datei ]

Märchen sind älter als die Literatur, kein Dichter hat sie erfunden. Erzählungen, Erlebtes, eigene Wunschvorstellungen und Träume aus dem tiefen Unterbewusstsein wurden seit Jahren zusammengetragen, phantasievoll ausgeschmückt und von Mund zu Mund überliefert. So entstanden auf der ganzen Welt verschiedene Märchen, die zu einem Teil der Volkspoesie, oft sogar des nationalen Kulturguts wurden. Weiterlesen

Der kleine Bruder – Afrika

Der kleine Bruder

Ein Märchen der Kaffern

Ein Knabe wohnte bei seiner großen Schwester. Wenn sie die Kühe melken gingen, schlug sie ihn mit dem Stock, mit dem sie die Kälber von den Kühen jagte. Wenn er Milch bekam, so war es nur ein kleiner Schluck, der mit Wasser verdünnt wurde, und nachts musste er draußen in der Asche schlafen.

Da sagte eines Tages der Bulle zu ihm: »Komm zu mir, wenn du die Kälber hütest. Ich werde dir zu essen geben.« Und als der Knabe die Kälber hütete, ging er zum Bullen. Der hieß ihn, in einen seiner Hufe hineinzukriechen. Er kroch hinein und fand Nahrung und einen Topf. Damit kam er wieder heraus, kochte sich das Essen, aß und reinigte den Topf, den er dann wieder in den Huf des Bullen brachte. Dann trieb er die Kälber zusammen und ging nach Hause. Weiterlesen

Die kleine Stickerin – Geschichte aus China

Vor langer Zeit lebte in einem kleinen Dorf in der Nähe des Gelben Flusses ein junges Mädchen, das Mingming hieß. Sie war fleißig und eine über alle Maßen geschickte Stickerin und sie sah bezaubernd aus. Dabei war sie kein bisschen eitel oder hochmütig, sondern wurde von allen im Dorf wegen ihres liebenswerten, hilfsbereiten Wesens sehr geschätzt. Ihre Mutter hätte Mingming gerne verheiratet, aber immer wenn sie ihre Tochter zur Seite nahm, um diese Angelegenheit mit ihr zu besprechen, fand Mingming einen Grund, die Wahl eines Ehemanns noch zu verschieben: Einmal mussten die Reisfelder noch abgeerntet werden, ein anderes Mal hatten die Seidenraupen fleißig gesponnen und die Arbeit am Webstuhl wartete. Weiterlesen

Die verzauberte Lotusblume – aus China

Die verzauberte Lotusblume

In einer Gegend, wo weit und breit kein Haus zu finden ist, steht einsam am Ufer des Jangtsekiang auf einer Anhöhe eine fünfstöckige Pagode. Diese Pagode hat weder Türen noch Fenster; man kann weder hineingehen noch hinausschauen. Es heißt, ein Zauberer habe sie geschaffen, und kein Mensch hat je gewagt, in die Pagode einzudringen. An den sechs Ecken eines jeden Stockwerks hängen Glöckchen, jedoch ohne Schlägel. Aber wenn der Wind weht und die Glöckchen aneinanderschwingen, erklingt ein wundersames Läuten. Es klingt wie fernes, glockenhelles Mädchenlachen, und die Schiffer, die auf dem Jangtsekiang vorüberziehen, werfen einen scheuen Blick hinüber und flüstern sich zu: »Hört ihr das Lachen der verzauberten Lotusblume?« Hat ein Schiffer die Geschichte von der einsamen Pagode noch nie gehört, so beginnt gleich ein Alter sie ihm zu erzählen:

Vor langer Zeit lebte in einem entfernten Dorf der Bauer Chang. Seine Frau war schon früh gestorben, und als einziges war ihm seine Tochter Lotusblume geblieben. Lotusblume war sein ganzes Glück und sein ganzer Stolz. Unter allen jungen Mädchen des Dorfes und Weiterlesen

Die Enthauptung des Ostmeergeistes – aus China

Die Enthauptung des Ostmeergeistes

Vor langer, langer Zeit – es war zurzeit der Tang-Dynastie – war einst eine große Dürre über das Land hereingebrochen. Die anhaltende Hitze hatte Wiesen und Felder ausgedörrt und das Wasser in den Flüssen sinken lassen. Wenn der Regen weiterhin ausblieb, drohte allerorts bittere Not auszubrechen. Überall sprach man über die vernichtete Ernte, die die Preise in die Höhe treiben würde.

Auch einige Fischer saßen nach getaner Arbeit bedrückt am Ufer des Jangtsekiang, rauchten ihre Pfeifen und sprachen mit sorgenvollen Mienen über die immer geringer werdende Ausbeute ihrer Fischzüge.

Unter ihnen saß ein armselig gekleideter Jüngling und lauschte den Reden der Älteren. Die Fischer sprachen auch über die Weisheit des weithin bekannten Zauberers Li, der trotz seiner viel gerühmten Zauberkünste jedoch die eine Kunst nicht verstand, nämlich den ausbleibenden Regen herbeizuzaubern. Da kam dem jungen Fischer ein Gedanke. Er stand auf und sagte: Weiterlesen

Der Grüne Ritter

Der Grüne Ritter

Es waren einmal ein König und eine Königin, denen wurde eine Prinzessin geboren. Doch kurz nach ihrer Geburt wurde die Königin sehr krank. Sie wusste, dass sie bald sterben würde, und so ließ sie den König zu sich kommen und nahm ihm das Versprechen ab, dass er ihrer kleinen Tochter jederzeit jeden Wunsch erfüllen würde. Dann starb sie in Frieden.

Der König trauerte sehr um seine Frau und glaubte, das Herz müsse ihm brechen. Doch er fand Trost in seiner Tochter. Sie war ein Kind von traurigem und sanftem Gemüt, und am liebsten wanderte sie allein durch die Gärten und den Wald, sprach zu den Tieren und pflückte Blumen. Weiterlesen

Das Mädchen, das dem Donner half

Das Mädchen, das dem Donner half

Märchen der Muskogee (Nordamerika)

Vor langer, langer Zeit lebte einmal ein junges Mädchen mit Namen Tapferes Herz, das die Kunst der Jagd beherrschte. Jedes Mal, wenn ihre Brüder auf die Jagd gingen, war sie ihnen auf den Fersen gefolgt, und jeder Versuch, sie wieder nach Hause zu schicken, war vergebens. Sie hatte ihre Brüder genau beobachtet, ahmte ihre Bewegungen nach, und bald schon war sie zu einer ausgezeichneten Bogenschützin geworden, die sicher mit Pfeil und Bogen umging.

Während der Sommermonate lebte ihr Stamm von den Fischen aus den Flüssen, die durch ihr Gebiet flossen, sowie von dem Mais, den Bohnen und den Kürbissen, die in den Tälern wuchsen. Doch wenn der Winter kam, waren die Menschen auf das Fleisch von Waschbären und Hirschen angewiesen, um sich zu ernähren. Jedes Jahr wartete Tapferes Herz sehnsüchtig darauf, dass die Jagdzeit beginnen möge. Weiterlesen

Bisenkappe

Bisenkappe

Aus England

In längst vergangenen Zeiten lebte ein sehr reicher Mann, der hatte drei wunderschöne Töchter. Die älteste war so schwarz wie die Nacht, die zweite hatte Augen so grün wie die einer Katze, und die dritte war so hell wie der frühe Morgen. Ihr Vater liebte sie zärtlich alle drei, doch die jüngste hatte er am liebsten von allen.

Eines Tages brachte er seinen Töchtern aus der Stadt drei prächtige Ballkleider als Geschenk mit. Das erste war über und über mit Rubinen bedeckt, das zweite mit Smaragden und das dritte mit schimmernden weißen Perlen. »Probiert eure neuen Kleider an«, drängte er seine Töchter, »und lasst mich sehen, wie schön ihr darin ausseht.« Weiterlesen

Aluel und ihr liebvoller Vater

Aluel und ihr liebvoller Vater

Märchen der Dinka (Sudan)

Vernehmt nun diese alte Geschichte!

Ayak war sehr schön. Sie wurde von dem Hirten Chol umworben und gebar ihm eine Tochter, die genauso schön war wie sie selbst. Doch bald darauf starb Ayak. Chol, ihr Ehemann, war verzweifelt, doch er nahm seine neugeborene Tochter und wiegte sie auf dem Schoss, obwohl die Leute aus dem Dorf sagten: »Das gehört sich nicht. Du musst eine andere Frau finden, die sich ihrer annimmt.«

Chol aber weigerte sich und sagte: »Nein, ich will mein Kind selbst wiegen und für es sorgen.« Also nahm er seine Tochter mit sich in sein Viehgehege, und er nannte sie Aluel. Er gab ihr Milch zu trinken, und von ihm lernte sie auch das Sprechen. Sie wuchs zu einem jungen Mädchen heran. Weiterlesen

Die Schöne und das Biest

Die Schöne und das Biest

Es war einmal ein Kaufmann, der hatte drei Söhne und drei Töchter. Der Vater liebte seine jüngste Tochter ganz besonders, denn sie hatte ein freundliches und kluges Wesen. Weil sie so hübsch war, wurde sie überall >die Schöne< genannt. Wie die Geschwister miteinander heranwuchsen, wurden die älteren Schwestern immer neidischer auf die jüngste und verspotteten sie bei jeder Gelegenheit, denn es ärgerte sie, dass die Schöne die Aufmerksamkeit der reichsten und hübschesten jungen Männer auf sich zog. Diese wurden allerdings alle höflich, aber bestimmt abgewiesen, und die Schöne sagte jedes Mal, dass sie noch nicht bereit sei, ihren Vater zu verlassen. Weiterlesen

Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen – H. C. Andersen

Es war entsetzlich kalt; es schneite und war beinahe schon ganz dunkel und Abend, der letzte Abend des Jahres.

In dieser Kälte und Finsternis ging auf der Straße ein kleines, armes Mädchen, mit bloßem Kopfe und nackten Füßen. Als sie das Haus verließ, hatte sie freilich Pantoffeln angehabt. Aber was half das? Es waren sehr große Pantoffeln gewesen, die ihre Mutter bisher benutzt hatte, so groß waren sie. Die Kleine aber verlor dieselben, als sie über die Straße weghuschte, weil zwei Wagen schrecklich schnell vorüberrollten. Der eine Pantoffel war nicht wiederzufinden, den anderen hatte ein Junge erwischt und lief damit fort. Weiterlesen