Das Wutspiel

Das Wutspiel

»Heute machen wir etwas ganz Besonderes«, sagt Frau Sommer, »wir spielen das Wutspiel.«

Sofort schreit Katharina: »Das kann Jan bestimmt total gut, der kann uns das allen vormachen.«

Jan legt die Hände vors Gesicht und dreht sich weg. Frau Sommer guckt Katharina lange an und sagt: »Du, Katharina, du kannst das sicher auch gut. Und ich fände es besser, wenn wir nicht auf jemand anderen zeigen. Wir alle spielen Wut!«

»Und wie geht das?«, will Timo wissen.

»Überlegt mal, wie man aussieht, wenn man Wut hat.« Frau Sommer stellt sich hin. Sie runzelt ihre Stirn, kneift den Mund fest zusammen, sie verzieht ihn so, dass es gar kein Frau-Sommer-Mund mehr ist. Sie beißt die Zähne zusammen, sie knirscht mit den Zähnen. Und dann ballt sie die Hände zu Fäusten und steht ganz angespannt da.

Alle versuchen es jetzt. Jan kann es tatsächlich am besten. Aber Katharina ist auch nicht schlecht. Timo steht in der Kuschelecke und fängt auf einmal an zu schreien. Mit Gebrüll geht er auf die Matratze in der Ecke los und schlägt mit Fäusten in die Kissen. Auf einmal will er einen Klotz nehmen, ihn herumschmeißen und dabei laut schimpfen und schreien.

Die anderen Kinder wissen fast nicht, ob das wirklich noch ein Spiel ist. Aber dann macht Timo den Mund immer auf und zu und muss dabei fast lachen. Da springt auf einmal Tine auf und macht mit, sie tut so, als wenn sie spuckt.

Da sagt Frau Sommer: »Stopp. Genau hier hören wir auf.« Sie dreht sich kurz zur ganzen Gruppe und sagt: »Ihr habt das ganz toll gemacht, ihr seid ja die reinsten Schauspieler.«

Die Kinder strahlen und freuen sich.

»Bei Timo hab ich tatsächlich gedacht, der ist jetzt richtig wütend«, sagt Frau Sommer. »Jeder ist nämlich mal wütend, jeder kann wirklich wütend sein, und wütend sein ist in Ordnung. Aber was darf man dabei nicht tun?«

»Den anderen verletzen.« Das war wieder Katharina, die ruft so etwas einfach in den Raum.

»Den anderen boxen!«, ruft Tine.

»Den anderen anspucken, an den Haaren ziehen«, sagt Jan.

»Also das heißt, wir dürfen anderen mit unserer Wut keinen Schaden zufügen. Findet ihr es denn in Ordnung, dass Timo eben auf die Matratze und in die Kissen geboxt hat?«

»Klar«, sagen alle.

Und Katharina sagt: »Du hast doch gesagt, dass wir wütend sein dürfen, wenn wir niemandem wehtun.«

Da wird Frau Sommer fast rot. »Ihr seid klasse, ihr habt es begriffen. Wunderbar. Wut kann man also haben, bei Wut darf man aber keinen verletzen. Und was tun wir, wenn wir so wütend sind, dass wir vor Wut überhaupt nicht mehr wissen, wohin wir sollen?«

Da lachen ein paar. Es geht nämlich fast allen manchmal so. Da meldet sich Tim und sagt: »Wenn ich so wütend bin, sagt meine Mama mir immer, atme dreimal tief bis in dein Herz hinein.«

»Das kann man doch gar nicht!«, ruft Tine.

»Doch, das kann man«, meint Frau Sommer. »Sollen wir das mal alle zusammen machen?« Die Kinder nicken.

Und Frau Sommer sagt: »Ich atme ganz tief. Ich atme ganz tief in mich hinein. Ganz tief.« Und jetzt, sie haben alle die Augen zu, sagt sie noch: »Ganz ruhig werde ich, ich werde ganz ruhig.« Und dann fordert sie alle auf, an etwas ganz Schönes zu denken, an das Allerschönste überhaupt. Da strahlen ein paar Gesichter. Eine Weile sind alle ganz still.

Dann ist das Wutspiel erst mal vorbei. Einige sausen auf den Bauteppich, manche malen, und auch in der Puppenecke wird gespielt.

Auf einmal wird Jan auf dem Bauteppich sauer. Katharina baut ihr Flugzeug genau da, wo Jan seine Rennbahn bauen will. »Geh da weg«, sagt er laut.

»Bau doch deine dumme Rennbahn woanders lang!«, ruft Katharina. Jan und Katharina stehen sich mit geballten Fäusten gegenüber.

Da sagt Frau Sommer: »Stopp. Wir zählen jetzt alle bis drei. Eins. Zwei. Drei. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.«

Und dann ruft Timo: »Und jetzt denken wir an das Allerschönste.« Und etliche Gesichter strahlen — auch die von Jan und Katharina.

Die Wut ist gestoppt, wie weggeblasen.

»Das klappt ja echt!«, ruft Jan begeistert. »Ja, ehrlich! Das zeig ich meiner kleinen Schwester!«

Elisabeth Zöller; Brigitte Kolloch: Ich bin ganz schön wütend!
Hamburg: Ellermann, 2006

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s