Heimlich, still und leise – Gute Taten

„Die Neigung der Menschen, kleine Dinge für wichtig zu halten, hat viel Großes hervorgebracht.”
G. C. Lichtenberg

Heimlich, still und leise

Manchmal verkleiden sich Geschenke als anonyme gute Taten und gestalten so die Welt etwas freundlicher. So wandern sie inkognito von Mensch zu Mensch.//Sabine Kumm

Siebter Dezember, sechs Uhr früh, fünf Grad minus. Es hat das erste Mal geschneit, hier und da sind schon die Schneeschieber in Aktion. Der Countdown läuft. Jetzt nichts wie raus aus dem Bett – zwischen Morgenkaffee und Büro liegen noch zwanzig Meter geschlossene Schneedecke und ein Auto, das nach der letzten Nacht im Freien sicher komplett vereist sein wird. Schöne Aussichten – eigentlich ist der Tag jetzt schon gelaufen. Doch eine halbe Stunde später die Überraschung: Irgendjemand hat bereits den Weg rund ums Haus frei geschippt, die Autoscheiben sind vom Eis befreit. Ein Versehen? Wohl eher nicht. Denn hinter dem Scheibenwischer klemmt eine Karte: „Sie sind in den Genuss einer anonymen guten Tat gekommen. Wir wünschen Ihnen noch einen schönen Tag!”

Überraschung!

Das Kärtchen liefert keinen Hinweis darauf, welcher selbstlose Frühaufsteher an diesem frostigen Morgen ein Stück über seinen eigenen Gartenzaun hinausgedacht hat. Komisch fühlt sich das an – als wäre es in unserer Welt normaler, beklaut zu werden, statt beschenkt. Komisch und großartig. Womit hab ich das verdient? Bei wem kann ich mich bedanken? Eine anonyme gute Tat gibt darauf keine Antwort. Und ändert genau darum die Sicht des Empfängers auf seine Mitmenschen. Schließlich könnte es jeder gewesen sein. Ist die zurückhaltende Studentin von nebenan, bei der oft bis Mitternacht noch das Licht brennt, vielleicht eine heimliche „ Amelie”, die gerade ihr nächstes poetisches Alltagswunder plant?

Freude (machen,) macht süchtig

Verbirgt der mürrische ältere Herr von gegenüber, der ein Zwillingsbruder von Charles Dickens‘ „Scrooge” sein könnte, in Wirklichkeit ein Herz aus Gold? Wer die Anderen als potenzielle Wohltäter zu betrachten beginnt, der ändert – das ist das wahre Geschenk – seine Weltsicht. Und gleichzeitig sitzt da irgendwo jemand, der seine stille gute Tat feiert. Er hat es geschafft, einem ändern eine Freude zu machen, ohne Verlegenheit, ohne Verpflichtung, ohne ein „Das wäre doch nicht nötig gewesen!” So etwas macht süchtig nach mehr.

Geschätzte 40000 anonyme Hobby-Wichtel sind es schon weltweit, die heimlich Einkäufe für andere bezahlen, ihre Lieblingsbücher in Warteräumen oder U-Bahnen deponieren, oder für ihren Kollegen nach dem Urlaub einen Trost-Gutschein im überquellenden Postfach verstecken. Sie schmuggeln Geldscheine in Jackentaschen, tragen im Restaurant für andere die Rechnung und verschwinden häufig unerkannt, ohne die Folgen ihrer Tat noch zu beobachten. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.”

Erich Kästner, der kluge Geschichtenerzähler mit der Kinderseele, hat das gesagt. In einer Wejt bedrohlich wachsender Baustellen drückt er uns einfach eine Schaufel in die Hand: Anfangen, egal was, als erste Hilfe gegen die Angststarre. Wie Pünktchen und Anton, Emil und seine Detektive. Naiv? Kann sein. Lieber an Organisationen spenden? Auch gut. Ehrenamtlich arbeiten? Super! Nur bitte eines nicht: zögern! Denn wer zu lange Wasser tritt im Meer der Handlungsmöglichkeiten, geht irgendwann unter. Dann lieber schon mal üben mit bescheidenen Nettigkeiten, heimlich zugesteckten Eintrittskarten, Klingelstreichen, bei denen der Empfänger einen Blumenstrauß vor seiner Tür findet. Denn stille Taten sind kleine Lebenslektionen, die Lust machen, Teil der in Gang gesetzten Dynamik zu werden. Vielleicht reist die Aktion sogar, wie eine Flüsterpost, einmal rund um die Welt und kehrt in veränderter Form zu mir zurück? Das ist der Stoff, aus dem die Weihnachtsmärchen sind – nur dass sie nicht mit „Es war einmal …” beginnen, sondern, frei nach John Lennon, mit: „Stell‘ dir vor…”

Anfangen, egal was!

Als Anfangsinspiration für anonyme Wohltäter kann die Internetseite http://www.stille-taten.de dienen. Es dauert sowieso nicht lange, bis die Ideen von allein purzeln. Zum Beispiel übernächtigten Taxifahrern ein Frühstück zu spendieren oder auf dem Kinositz ein kleines Dankeschön für den Reinigungstrupp zu hinterlassen, der nach der Vorstellung das klebrige Pop-corn entsorgen muss. Besonders schön: ein über Nacht „gewachsener” Kreidekreis in der Fußgängerzone mit dem Vermerk „Umarmungszone”. Kaum zu glauben, wer sich da alles in die Arme fällt! Oder sich zumindest lächelnd erinnert.

Stille Nacht und stille Taten – jetzt ist genau die richtige Zeit, um – allein oder mit ein paar Gleichgesinnten – in diese „Verschwörung des Wohlwollens” einzusteigen. Warum nicht Sonnenblumen säen auf der überwucherten Verkehrsinsel, warum nicht im nächsten Fahrradkorb vor dem Bioladen ein Akku-Rücklicht liegen lassen und auf der beigelegten Karte „Gute Fahrt” wünschen?

Oder mit offenen Augen einkaufen gehen: die junge Frau weiter hinten in der Kassenschlange hat vorhin, nach einem Blick in ihren Geldbeutel, die Vollkornkekse und das Päckchen Tee wieder zurück ins Regal gelegt. Ich kann die Sachen heimlich für sie bezahlen und die Kassiererin bitten, sie ihr zusammen mit einer Karte zu überreichen. Einfach so. Auch das ist ein bisschen wie Blumen säen. Und darauf hoffen, dass die Saat aufgeht. „Imagine…”

Aus: Schrot & Korn – Dez. 2007

Der Lohn der guten Tat

Dass Menschen gern Gutes tun, zeigt eine Studie der University of Oregon. Die Wissenschaftler kontrollierten bei 19 Probanden das Belohnungszentrum im Gehirn per Kernspintomografie. Erhielten die Versuchspersonen Geld, schüttete es berauschende Substanzen aus. Überraschenderweise reagierte das Belohnungszentrum besonders aktiv, wenn die Probanden sich freiwillig für eine Geldspende entschieden. Wir meinen, das Belohnungszentrum im Gehirn spricht nicht nur auf Geld, sondern auch auf Blumen an.

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Ein Gedanke zu „Heimlich, still und leise – Gute Taten

  1. Roswitha Schmelzer

    Danke für den Artikel. Das war genau das, was ich gesucht habe und was ich längst schon vermutet habe. „Geben ist beglückender als Nehmen.“ Dieser Spruch bewahrheitet sich immer wieder.

    Antwort

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