Die Weihnachtsschlacht

„Nur noch sechs Tage“, stellt Nelly fest. Sie spitzt die Lippen und versucht, „Oh du fröhliche“ zu pfeifen.

„Noch sechs Tage“, wiederholt die Mutter nachdenklich. Sie sagt es nicht fröhlich, nach einer Pause schickt sie den Seufzer nach: „Wenn nur alles schon vorüber wäre!“ Nellys Pfeifton bleibt jäh in der Luft hängen. Entgeistert schaut sie ihre Mutter an.

„Freust du dich denn nicht?“

„Schon. Aber der ganze Rummel hängt mir zum Hals heraus.“

Am Nachmittag hat Nelly frei, sie fährt mit einer Freundin Schlittschuh und gegen Abend geht sie in den großen Selbstbedienungsladen, wo die Mutter arbeitet. Da geht es zu wie in einem Bienenhaus. Die Mutter sitzt auf einem Drehsessel vor einer der sechs Kassen. Die Waren kommen auf einem Förderband auf sie zu, und während ihre rechte Hand auf den Zahlentasten liegt und tippt, dreht die linke die Waren so, dass sie die Preise ablesen kann, und legt dann ein Ding nach dem andern in einen Gitterwagen. Wenn alles getippt ist, drückt die rechte Hand die Additionstaste und reißt den Kassenstreifen ab, die linke Hand stößt den gefüllten Wagen weg, zieht den leeren zur Kasse.

“Toll, wie du das machst“, hat Nelly schon manchmal zu ihrer Mutter gesagt. „Also, bei mir ginge das ganz langsam. So tipp – tipp – tipp- tipp – und erst noch die Hälfte falsch.“

„Ach wo!“ hat die Mutter lachend ausgerufen. „Das ist Übungssache. Am Anfang war ich auch nicht so flink. Ich fand die Preisschilder nicht und vertippte mich ab und zu. Dann murrten die Leute, weil sie warten mussten. Aber jetzt geht es beinahe im Schlaf.“

„Wie ein Roboter!“ Nelly lachte.

Ein Roboter als Mutter? Der hätte nie Kopfweh, würde abends nicht müde sein. Aber ein Roboter hatte kein Herz. Da war ihr die Mutter, so wie sie war, doch lieber, auch wenn sie manchmal abends kaum mehr sprechen konnte vor Müdigkeit!

Noch vier Tage.

Noch drei.

Die Warteschlangen vor den Kassen wurden immer länger. Die Leute deckten sich mit Esswaren ein, als dauere Weihnachten ein halbes Jahr. Die automatischen Glastüren gingen mit einem Zischton auf und zu, auf und zu; die Mutter auf ihrem Drehsessel spürte den Luftzug im Rücken. Auch die Kartonschilder, die an Fäden von der Decke hingen, schwangen im Luftstrom hin und her.

Über Mutters Kopf pendelte eine Weihnachtsglocke.

AKTION stand rot darauf: 250 g PRALINEN ZUM SONDERPREIS!

In der Nähe schwebte ein Weihnachtsengel aus Karton, er trug ein Band in den Händen wie der Engel in der Kirche, aber darauf stand nicht „FRIEDE DEN MENSCHEN AUF ERDEN“, sondern „ROLLSCHINKEN ZUM FEST 15,80 DAS KILO“.

Aus den Lautsprechern träufelte Weihnachtsmusik. Das Förderband mit den Waren rollte.

Oh du fröhliche…

Kalbskopf

Oh du selige…

Kaffee Milde Sorte

Klopapier dreilagig

Gnadenbringende…

Taschentücher mit Monogramm

Tafelsenf

Weihnachtszeit…

Die Mutter stöhnte, wischte sich mit dem Handrücken schnell die Schweißtropfen über der Oberlippe ab.

Die Wartenden vor der Kasse traten unruhig von einem Bein auf das andere, schauten die Frau an der Kasse nicht an, starrten ins Weite, weil sie schon an den Heimweg dachten mit den schweren Taschen, an die verstopfte Straßenbahn.

Uff.

Noch drei Tage, dann ist es überstanden.

„Ich mache so ein Festessen wie letztes Jahr“, sagte die Mutter am Abend zu Nelly. „Sülze auf Salatblättern, Schweinsbraten, Pommes frites, Bohnen und zum Dessert Schokoladencreme aus der Dose mit Birnen.“

Am 24. Dezember war das Geschäft nur bis 16 Uhr offen.

Anschließend konnten die Angestellten von den übrig gebliebenen Waren kaufen, auf alles gab es einen Rabatt von 15 %. Das lohnt sich, fand Nellys Mutter. Aus diesem Grund hatte sie alle großen Einkäufe bis jetzt aufgespart: eine Schultasche für Nelly, eine Puppe, Farbstifte, eine Windjacke für den Vater, die Esswaren für das Weihnachtsfest.

Im Personalraum gab es für Angestellten noch einen Imbiss.

„Die große Weihnachtsschlacht ist wieder einmal geschlagen“, sagte der Personalleiter und sprach lobende Worte aus, dann wurden Schinkenbrote gereicht, ein Glas Wein.

Nach dem Imbiss ließ Nellys Mutter ihre dicken Plastiktüten im Personalraum stehen.

Sie merkte es erst, als sie draußen an der Bushaltestelle stand. Meine Geschenke! Alle die guten Sachen fürs Nachtessen!, dachte sie erschrocken.

Aber das Geschäft war schon abgeschlossen.

Vor dem 27. kriegte man da nichts mehr heraus.

Mit leeren Händen kam sie zu Hause an.

Trotzdem feierten sie an diesem Abend Weihnachten. Vater zündete die Christbaumkerzen an, und Nelly sagte ein Gedicht auf. Sie wusste nur die ersten zwei Strophen, dann blieb sie stecken. Aber die Mutter fand es trotzdem sehr schön und der Vater hatte gar nicht gemerkt, dass es weitergehen sollte.

Das Essen war kürzer als vorgesehen. Zum Glück hatte die Mutter den Braten schon vorher gekauft und die Kartoffeln ohnehin im Haus, aber es gab keine Vorspeise und keinen Nachtisch. Das heißt, sie knabberten einfach Nüsse und aßen Äpfel.

„Dafür habe ich keinen so schweren Magen wie letztes Jahr“, meinte der Vater. „So schwere Essen bekommen mir nicht mehr.“

Auch zum Auspacken war nicht viel da.

So blieb Zeit.

Viel Zeit.

Nelly holte das Memory-Spiel, das sie zur letzten Weihnacht bekommen hatte; alle Sonntage des verflossenen Jahres hatte sie vergeblich gewartet, dass jemand Zeit fände, mit ihr zu spielen.

Jetzt hatten die Eltern Zeit.

Vater hatte noch nie Memory gespielt.

Nach einer Weile hatte Nelly schon sieben Kartenpaare gefunden, Mutter drei, und Vater, der sonst immer alles besser wissen wollte, suchte dauernd am falschen Ort. Er versuchte sich mit Tricks zu helfen, indem er heimlich Brotbrösel auf die Karten legte, die er sich gemerkt hatte. Oder er hielt die Hände so auf dem Tisch, dass der Daumen die Richtung markierte, in der eine gewisse Karte lag. Nelly kam ihm auf die Schliche. Sie spielten ein zweites und drittes Mal und Vater ärgerte sich nicht, dass er immer verlor.

Dann spielten sie noch Mühle und der Tschau-Sepp-Jass.

Um Mitternacht löschte der Vater das Licht aus und sie schauten alle drei aus dem Fenster, vom Schnee ging nämlich ein heller Schein aus und man hörte die Weihnachtsglocken läuten.

„In dieser Stunde vor fast 2000 Jahren ist unser Heiland geboren“, sagte die Mutter. Und Nelly spürte, dass sie nun doch froh war, dass es Weihnacht geworden war.

Als Nelly ins Bett musste, sagte sie: „Das war aber eine schöne Weihnacht.“

„Wirklich?“ fragte die Mutter erstaunt. „Wir hatten ja kein Festessen und fast keine Geschenke.“

„Aber viel Zeit“, sagte Nelly.

Eveline Hasler

Willi Fährmann (Hrsg.): Ein Stern ist aufgegangen.
Arena, Würzburg 2003

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2 Gedanken zu „Die Weihnachtsschlacht

  1. Seb

    Sehr schöne Geschichte. Ein paar Menschen wissen halt doch noch, worum es an Weihnachten geht.

    Antwort
  2. Gerhard

    Die „Weihnachtsschlacht“ ist für mich nicht einfach nur eine Weihnachtsgeschichte. Es ist DIE GESCHICHTE überhaupt, denn sie trifft den Alltag unseres Zeitalters auf den Kopf. Ich bin Klassenlehrer einer Hauptschulklasse, und immer wieder stelle ich zwischen den Zeilen fest, dass es unseren Schülerinnen und Schülern materiell an nichts fehlt, wohl aber an Zuwendung durch die Eltern. Die „Weihnachtsschlacht“ macht das nur umso deutlicher….

    Antwort

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