Weihnachtswunder – auf der Intensivstation

Weihnachtswunder

Holger Wittschen

 Leon stand vor seinem Kleiderschrank und konnte sich nicht entscheiden, ob er das grün-weiße Trikot von Werder Bremen oder das weinrote von Arsenal London anziehen sollte. Schließlich griff er das neue Brasilientrikot mit Ronaldinho auf dem Rücken. Dazu eine blaue Trainingshose und passende Stutzen. Stolz betrachtete er sich vor seinem Zimmerspiegel, und Ballack, Klose und die gesamte deutsche Nationalmannschaft guckten ihm von Postern an seinen Zimmerwänden zu. Fußballer zu sein war wirklich das Größte. Aber nun musste er sich beeilen. Seine Mutter drückte ihm seine Tasche in die Hand und gab ihm zum Abschied einen Kuss auf die Wange. Alle zwei Tage ging das so. Und ein Ende war nicht in Sicht.

Draußen wehte ein eiskalter Ostwind und trieb feinen Schnee in Leons Augen, der wie winzige Nadelstiche schmerzte. Am liebsten wäre er jetzt umgekehrt und mit einem Buch in seinem molligen Bett verschwunden. Aber irgendwie hing sein Leben wohl davon ab, in fünf Minuten den Bus zu kriegen.

Als die Bustür sich mit einem Zischen öffnete, nickte Anton, der Busfahrer, ihm freundlich zu. Sie unterhielten sich oft. Meistens über Fußball. Anton hatte sogar ein Jahresabo für das Weserstadion. Aber heute hatte Leon keine Lust, sich zu unterhalten. Darum beschloss er, sich einen Platz im hinteren Teil des Busses zu suchen. Dort saß bereits die halbe Fußballmannschaft vom TSV Lahausen und war auf dem Weg zum Training. Kevin Böker, der in seiner Klasse war, begrüßte ihn mit einem gequälten «Ey, was geht ab, Alter?». Und Basti Schröder fügte lustlos hinzu: «Super cooles Trikot. Voll krass, ey!» Die Mannschaft hatte gerade den Sprung in eine höhere Liga geschafft, was sich mit einer Reihe Niederlagen furchtbar gerächt hatte, da die Gegner hier sehr viel stärker waren. Die Stimmung war spätestens seit dem letzten Wochenende dahin, als sie erstmalig zweistellig verloren hatten. Ihr Trainer war nach dem Spiel heiser und wirkte hinterher um Jahre gealtert. Und nicht nur das: Ein neuer Gegner stand bereits fürs nächste Spiel nach Weihnachten fest. Und der würde noch stärker sein als der letzte. Es konnte also nur noch ein Wunder helfen.

Nach zwei Stationen kam die Zentralsportanlage in Sichtweite. Die Jungs sammelten ihre Fußballtaschen auf. «Bis später, Alter», raunte Basti ihm zu. Marko Thomsen klapste ihn beim Verlassen des Busses freundschaftlich auf die Schulter. «Wir sehn uns.» Und dann war Leon alleine.

Die Bustür schloss sich wieder mit einem Zischen, und Anton gab Gas. Es war zwei Jahre her, dass er, Leon, der beste Stürmer mit den meisten Toren war.

Vom Praxisfenster aus konnte er das Weserstadion sehen. Wenn ein Spiel war und der Wind günstig stand, drangen die Rufe der Fans sogar bis in das Zimmer. Das war dann toll. Aber heute lag das Stadion dunkel und still im Treiben des Schnees, und alles, was er hörte, war das monotone Brummen der Dialysemaschine, die für vier Stunden sein Blut reinigen würde, weil seine Nieren das nicht konnten. Schwester Bea hatte ihn gefragt, was er sich zu Weihnachten denn wünschen würde, und er hatte wie im Jahr zuvor geantwortet: «Eine Niere natürlich. Aber schön eingepackt in Weihnachtspapier und mit einer roten Schleife.» Sie hatten beide darüber gelacht. «Aber dass ich einmal wieder die Kraft haben werde, richtig Fußball zu spielen, das wünsche ich mir noch viel mehr.»

Weihnachten rückte näher. Als er nach Hause kam, roch es nach Plätzchen und anderen Leckereien. Das Telefon läutete. Seine Mutter lächelte ihn zur Begrüßung an und nahm den Hörer mit mehlverschmierten Händen ab. Aber ihr Gesicht veränderte sich schlagartig, und alles, was sie sagte, war nur ein «O Gott!». Leon wusste, dass etwas geschehen war. Dann umarmte seine Mutter ihn plötzlich und drückte ihn ganz fest an sich, so als wollte sie ihn nie wieder loslassen. Leon spürte eine Träne in seinen Nacken laufen.

Als er versuchte, seine Augen zu öffnen, sah er zuerst alles verschwommen. Irgendwie stand viel Weißes um ihn herum. Dann erkannte Leon, dass das weiße Kittel waren. Und in einem steckte die hagere Gestalt von Dr. Schmid. «Leider konnten wir dir die Niere nicht in Weihnachtspapier einpacken, so wie du es gern gehabt hättest. Aber ich habe gehört, dass deine Fußballmannschaft dringend einen guten Stürmer braucht. Vielleicht nicht gleich, aber in ein paar Monaten, wenn du alles gut überstanden hast.» Dr. Schmid und die anderen Ärzte lächelten zufrieden. Dann traten die Ärzte zur Seite. Und dort standen sie. Hinter der Besucherscheibe der Intensivstation. Basti Schröder, Thomsen, Kevin Böker und der ganze Rest der Fußballmannschaft und drückten sich an der Scheibe ihre Nasen platt. Ein Poster von Klose klebte dort und darunter ein Zettel mit Kevin Bökers eigenwilliger Orthographie und Sauklaue: <Wir sehn uns aufm Fußballfelt, Alter. Gute bässerung>. Leon lächelte zum ersten Mal. Er war sich aber nicht sicher, ob er dies nicht alles träumte oder ob doch ein Wunder geschehen war.

U. Richter; B. Mürmann (Hrsg.): Weihnachtsgeschichten am Kamin. 22.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2007

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